Interview mit der Philosophin Susanne Boshammer

Susanne Boshammer hat ein Buch darüber geschrieben, warum wir verzeihen sollten – und wann besser nicht. Zu vergeben entlastet uns und andere. Und doch rät sie, nicht immer zu verzeihen. Zeigt unser Gegenüber beispielsweise keine Reue, sollten wir besser hart bleiben. Ein Gespräch über Groll, „Cancel Culture“, Selbstachtung und Mitgefühl.

Das Gespräch führte Agnes Polewka

Frage: Frau Boshammer, eine Redensart besagt „Jeder verdient eine zweite Chance“ – wie sehen Sie das?

Boshammer: Wenn die Redensart meint, jeder verdient, dass man ihm verzeiht, dann würde ich dem nicht zustimmen. Niemand hat ein Recht auf Vergebung. Aber jeder Mensch verdient, dass man ihn als ganzen Menschen betrachtet. Wir sollten unsere Einstellung uns selbst und anderen gegenüber nicht von einer einzelnen Handlung abhängig machen. Diese Haltung führt manchmal dazu, dass wir bereit sind, erlittenes Unrecht zu verzeihen.

Warum sollte man überhaupt verzeihen?

Boshammer: Für das Verzeihen spricht zunächst das Mitgefühl. Niemand von uns kann rückgängig machen, war er oder sie getan hat. Wenn jemand sein Verhalten bereut und unter der Last seiner Schuld leidet, bietet Vergebung ihm die Chance, sein Gewissen zu entlasten, seine Selbstachtung zurückzugewinnen und aus seinen Fehlern zu lernen.

Zweitens sind wir selbst ja auch keine Heiligen. Wir alle sind hin und wieder auf Vergebung angewiesen. Schon aus Gründen der Fairness sollten wir daher grundsätzlich vergebungsbereit sein, auch wenn das nicht heißt, dass wir jedem alles verzeihen sollten.

Drittens: Der andere ist immerhin ein Mensch. Die Freundin, die mich belogen hat, ist eben nicht bloß „die Lügnerin“, sondern ein Wesen mit vielen Facetten. Andere nicht auf das zu reduzieren, was sie getan haben, kennzeichnet die Haltung der Humanität. Im Verzeihen kommt zum Ausdruck, dass wir dazu bereit sind.

Auffällig ist, dass alle Weltreligionen eine Art Verzeihensgebot kennen. Die Wurzeln dieser religiösen Moral reichen in Zeiten zurück, in denen die Menschen sozial sehr immobil waren. Man konnte nicht einfach weg aus seiner Ehe oder aus seinem Dorf und brauchte Wege, um mit Unrecht – das ja immer geschieht, wo Menschen zusammenleben – konstruktiv umzugehen.

Cancel Culture: „Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben“

Heute können wir uns leichter aus unguten Situationen befreien. Fällt es uns heute schwerer, zu verzeihen?

Boshammer: Da kann ich nur mutmaßen. Ich habe vor einiger Zeit einen neuen Begriff kennengelernt. Jemand beklagte im Gespräch die sogenannte „Cancel Culture“ in modernen Gesellschaften. Da reichen mitunter ein Fehltritt oder ein falsches Wort und man beschließt: „Mit der Person will ich nichts mehr zu tun haben.“ In gewisser Weise kann man sich das heutzutage eher leisten als früher – wir sind sozial mobiler und haben Alternativen. Es kann insofern durchaus sein, dass es heute mancherorts mehr Rigorosität im Umgang mit Unrecht gibt.

Aber vielleicht sind wir auch einfach ein bisschen aus der Übung. In der Kinderzeit lernen die meisten: Wenn etwas im Sandkasten passiert, dann muss man sofort hingehen und sich entschuldigen. Und der andere muss sofort die Entschuldigung akzeptieren und dann ist alles ist wieder gut.

Als Erwachsenen stehen uns diese Rituale als kulturelle Formate nicht mehr gleichermaßen zur Verfügung. Zudem ist die Geste auch entwertet worden. Jeden zweiten Tag bittet eine bekannte Persönlichkeit in den Medien wegen irgendetwas um Verzeihung. Doch niemand hindert uns daran, in unserem privaten Umfeld eine Kultur der Vergebungsbereitschaft zu pflegen und ihr eine eigene Form zu geben.

Die Konfliktfähigkeit stärken

Wie kann das gelingen?

Boshammer: Eine Voraussetzung dafür ist Konfliktbereitschaft. Wer verzeiht, thematisiert ausdrücklich, dass der oder die andere etwas getan hat, was sie nicht hätte tun dürfen. Das kostet Überwindung. Wir müssen uns trauen, die Aufmerksamkeit auf den Konflikt zu richten. Darin unterscheidet sich das Verzeihen etwa von der Nachsicht. Wer nachsichtig ist, sieht eben nicht so genau hin, sondern drückt ein Auge zu. Beim Verzeihen konfrontiere ich dich damit, dass etwas nicht in Ordnung war. Es spricht einiges dafür, das wieder neu einzuüben. Nichts wird besser, wenn wir, um des lieben Friedens willen, über Unrecht hinwegsehen.

Gibt es Dinge, die man nicht verzeihen kann oder darf?

Boshammer: Aus meiner Sicht gibt es nichts, was wir nicht verzeihen dürfen. In Sachen Verzeihen sind wir frei und niemandem gegenüber rechtfertigungspflichtig. Allerdings haben die meisten Menschen so etwas wie eine persönliche „rote Linie“. Mancher sagt „Ich könnte nie verzeihen, wenn jemand meinen Kindern etwas antut“, ein anderer meint, „Ich könnte nie verzeihen, wenn man mich betrügt“. Das variiert von Mensch zu Mensch.

Und doch räumen Sie ein, man sollte nicht alles verzeihen, zum Beispiel, wenn unser Gegenüber keine Reue zeigt.

Foto: Reinhard Kurzer

Boshammer: Wenn jemand so gar keine Reue zeigt, dann sollten wir ernsthaft überlegen, ob, auf welche Weise und wann wir dieser Person verzeihen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Person einfach so weitermacht wie bisher. Manchmal lässt jemand auch deswegen keinerlei Reue erkennen, weil er gar nicht der Meinung ist, etwas falsch gemacht zu haben. Dann ist es umso wichtiger, dass wir nicht stillschweigend verzeihen, sondern uns darüber austauschen, was wir zu Recht voneinander erwarten.

Es gibt aber auch Menschen, die keine Reue zeigen, obwohl sie sehr wohl wissen, dass sie jemandem Unrecht getan haben. Es ist ihnen einfach gleichgültig. In solchen Fällen sollten wir meines Erachtens nicht die Botschaft aussenden „Du darfst wieder mit ruhigem Gewissen schlafen“. Genau das tun wir nämlich, wenn wir verzeihen: Wir befreien den anderen von der Schuldigkeit und erlauben ihm, wieder mit sich ins Reine zu kommen. Doch wenn sich jemand nicht um die Rechte anderer schert, ist diese Geste nicht angebracht. Auch aus Gründen der Selbstachtung sollten wir in solchen Fällen nicht bereitwillig Entgegenkommen zeigen.

Den Groll überwinden

Welche Gefühle begleiten das Verzeihen oder das „Hart-bleiben“?

Boshammer: Das Gefühl, das wir überwinden, wenn wir jemandem verzeihen, ist nicht unbedingt der Schmerz, den jemand uns zugefügt hat. Was passiert ist, tut ja oft immer noch weh und es lässt sich nicht rückgängig machen. Wer verzeiht, überwindet vielmehr den Groll auf die Person, die ihm Unrecht getan hat, und wendet sich ihr wieder mit Wohlwollen zu. Dabei geht es nicht um Zuneigung oder gar um Liebe oder Freundschaft.

Verzeihen ist nicht dasselbe wie Versöhnung. Man kann jemandem verzeihen und sich dennoch von ihm trennen oder sich scheiden lassen. Aber man trennt sich dann ohne Groll, denn dieses Gefühl – das sich gegen die andere Person richtet und nicht auf das Geschehene – überwinden wir, wenn wir verzeihen. Anhaltender Groll und Vergebung passen nicht zusammen.

Schmerz und Verlustgefühle, Trauer und Enttäuschung sind hingegen mit dem Verzeihen durchaus vereinbar – obwohl interessanterweise viele Menschen berichten, dass auch diese Gefühle milder wurden, nachdem sie verziehen hatten.

Wichtig ist aber, dass Verzeihen mehr beinhaltet als einen emotionalen Sinneswandel. Wer verzeiht, überwindet nicht nur ein Gefühl, sondern entbindet den anderen auch von einer Pflicht. Wer anderen Menschen Unrecht tut, ist ihnen etwas schuldig. Er sollte ein schlechtes Gewissen haben. Das ändert sich durch das Verzeihen. Wer verzeiht, teilt dem anderen mit: „Du bist mir nichts mehr schuldig. Soweit es mich betrifft, musst Du Dir keine Vorwürfe mehr machen.“

Auf diese Weise ermöglicht Vergebung, dass eine Person, die Unrecht getan hat, sich selbst nicht mehr nur als Täter oder Täterin sieht, sondern einen menschlicheren, einen umfassenderen Blick auf sich richten kann. Etwas Ähnliches gilt übrigens für die Person, die das Unrecht erlitten hat. Wer verzeiht, macht einen Unterschied. Er oder sie erlebt sich selbst als mächtig. Das kann dabei helfen, die Opferrolle hinter sich zu lassen.

Inwiefern?

Boshammer: Wenn Menschen ein schlechtes Gewissen haben, wird ihre Welt mitunter ganz eng. Man denkt nur noch an das, was man falsch gemacht hat, und schämt sich. Auch wer grollt, ist oft sehr gebunden an das Geschehene und erlebt sich als machtlos, missachtet und verletzt. Verzeihen macht für beide Seiten einen Unterschied. Es ist insofern ein Akt der Humanität, als sich der Blick öffnet und wieder der ganze Mensch eine Rolle spielt und nicht nur die einzelne Handlung, deren Täter oder Opfer wir waren.

Verzeihen braucht Zeit

Gibt es verschiedene Stufen auf dem Weg des Verzeihens?

Boshammer: Verzeihen ist tatsächlich eine Art Prozess, der sich nach und nach vollzieht. Die erste Stufe ist die „Realisierung des Konflikts“. Bevor wir verzeihen können, müssen wir uns klarmachen, dass die Person das, was sie getan hat, nicht hätte tun dürfen. Ich muss wissen, dass ich es nicht verdiene, so behandelt zu werden. Erst wenn das klar ist, kann ich mir im Bewusstsein meiner Rechte – also mit Selbstachtung – in einem zweiten Schritt die Frage stellen: „Möchte ich versuchen, das zu verzeihen?“

Wenn wir uns dazu entschließen, müssen wir den Entschluss aber auch noch umsetzen. Das ist ein Prozess, der sowohl unser Verhalten als auch unser Empfinden betrifft und der Zeit braucht. Dabei kann es durchaus Rückschläge geben. Verzeihen braucht Durchhaltevermögen.

Viele Menschen meinen, dass wir unseren Gefühlen ausgeliefert sind und nicht einfach so entscheiden können, unseren Groll zu überwinden. Dabei wissen wir alle, dass und wie das geht: Wir sollten aufhören, die Geschichte immer und immer wieder aufzuwärmen. Wenn der Groll nicht genährt wird, verhungert er. Der dritte Schritt auf dem Weg zur Vergebung besteht genau darin: die feindseligen Gefühle nicht länger zu „pflegen“ und bewusst wach zu halten.

Woran erkenne ich denn, dass der rechte Zeitpunkt gekommen ist und ich verzeihen kann?

Es ist eine ganz normale Reaktion, zornig zu werden und zunächst einmal auf Distanz zu gehen, wenn jemand uns Unrecht getan hat. Doch auf Dauer merkt man dann manchmal, dass das nicht immer weiterhilft. Die belastende Geschichte begleitet uns, der Zorn nagt an uns und das Geschehene prägt jede weitere Begegnung mit der betreffenden Person. So entsteht mitunter erst nach und nach der Wunsch, dem anderen zu verzeihen. Wann die Zeit dafür gekommen ist, hängt ganz davon ab, mit wem wir es zu tun haben und was genau geschehen ist.

In Selbstachtung weiterleben

Was mache ich, wenn ich nicht verzeihen kann, aber mich mit der Person arrangieren muss?

Boshammer: Das kommt häufig vor und bedeutet Stress – auch physiologisch: Unser Organismus ist sozusagen darauf programmiert, uns – wenn wir angegriffen werden – mit allem auszustatten, was es braucht, um entweder zurück zu schlagen oder abzuhauen: „fight or flight“.

Doch wie wollen Sie das machen, etwa bei Ihrer Chefin oder in der eigenen Familie. Wir sind manchmal gezwungen, beieinander zu bleiben, ohne dass wir einander wirklich verzeihen können. In solchen Situationen müssen wir eine Möglichkeit finden, unsere Selbstachtung zu wahren, auch wenn wir uns nicht „behaupten“ können.

Dazu gehört für mich, dass wir uns und dem anderen nichts vormachen: Was geschehen ist, hätte nicht geschehen dürfen. Wir sollten es nicht „kleinreden“, nur weil wir weiterhin mit der Person leben müssen. Mitunter ist es möglich, sich vom anderen zu distanzieren und sozusagen gemeinsam getrennte Wege zu gehen. Jedenfalls ist es auch in diesen Fällen aus meiner Sicht wichtig, dass man irgendeine Form von Abschluss findet und Gefühle von Zorn und Groll nicht auf ewig mit sich herumträgt. Denn diese Gefühle schaden immer auch uns selbst.

Wenn man ein Buch darüber schreibt, dass man vielleicht nicht alles verzeihen sollte, erntet man dann zunächst Irritation?

Boshammer: Ich war zunächst überrascht, dass manche das Buch als ein deutliches Plädoyer für das Verzeihen verstehen. Für mich lag der Fokus hingegen eher auf der Erkenntnis, dass es eben nicht immer angemessen ist, Entgegenkommen zu zeigen. Auf diese Botschaft haben viele überrascht reagiert und einige auch geradezu freudig. Manche fühlen sich offenbar mangelhaft und hartherzig, wenn sie nicht willens oder imstande sind, jemandem zu verzeihen. Zu sehen, dass es mitunter gute Gründe dafür gibt, hart zu bleiben, ist offenbar für viele Menschen eine überraschende und auch entlastende Botschaft.

Susanne Boshammer lehrt als Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Osnabrück und arbeitet zu Problemen der Moralphilosophie und der angewandten Ethik. Kürzlich hat sie das Buch veröffentlicht: „Die zweite Chance. Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten“, Rowohlt Verlag, Hamburg