Abschied von Willigis Jäger

„Ein spiritueller Weg, der nicht in den Alltag führt, ist ein Irrweg.“ In diesen Worten verdichtet sich das Vermächtnis des Benediktiners und Zen-Meisters Willigis Jäger. Am 20. März 2020 ist er im Alter von 95 Jahren gestorben. Christa Spannbauer, die seinen Weg viele Jahre begleitete, würdigt sein Lebenswerk.

„Wer bin ich? Weshalb bin ich hier? Wohin gehe ich?“ Dies waren für Willigis Jäger die entscheidenden Fragen im Leben eines jeden Menschen. Schon früh und mit großer Macht traten diese Fragen in sein eigenes Leben und forderten von ihm ihre Beantwortung ein. Sie führten ihn 1946 zu der Entscheidung, ins Kloster Münsterschwarzach einzutreten, Theologie zu studieren und Priester zu werden.

Seine spirituelle Suche führte den Benediktiner jedoch schon bald weit über die katholische Kirche hinaus. In den 1970er Jahren gehörte er zu der ersten Generation von Klerikern, die Kontakt zum buddhistischen Zen suchten. Er reiste nach Japan und unterzog sich sechs Jahre lang unter der Führung des Zen-Meisters Yamada Roshi einer intensiven Zen-Schulung.

In dieser Zeit erkannte er, was für seine Lehre richtungsweisend werden sollte: Die mystischen Wege des Ostens und des Westens verfügen über die gleiche Grundstruktur, sie führen alle zum gleichen Ziel und übersteigen letztlich jede Konfession. Für ihn als katholischen Priester stellte es daher keinerlei Widerspruch dar, als er 1996 seitens des buddhistischen Abts eine Beauftragung als Zen-Meister erhielt.

Nach seiner Rückkehr aus Japan übertrug ihm sein Orden 1983 die Leitung des Hauses St. Benedikt in Würzburg, das er in den folgenden Jahren zu einem weithin bekannten spirituellen Übungszentrum machte. Er wurde zum spirituellen Wegbegleiter vieler Menschen, hielt Zen-Kurse ab und begann gleichzeitig damit, die seit Jahrhunderten vergessene christliche Kontemplation als spirituellen Übungsweg wiederzubeleben.

Redeverbot und neues Wirken

Wie kaum ein anderer trug Willigis Jäger in den vergangenen Jahrzehnten zur Wiederentdeckung der Mystik und damit zu einer Renaissance der Kontemplation bei, die bis ins 18. Jahrhundert im westlichen Abendland praktiziert worden und dann weitgehend in Vergessenheit geraten war. Während seiner Zenstudien in Japan hatte der Benediktiner erkannt, dass das Christentum mit seiner Kontemplation über einen parallelen spirituellen Weg zum buddhistischen Zen verfügt.

Willigis Jäger mit Autorin Christa Spannbauer

Willigis Jäger war von seiner Persönlichkeit her ein Initiator, ein Visionär und kreativer Freigeist, dem es dank seiner charismatischen Ausstrahlung mühelos gelang, Menschen für neue Formen der Spiritualität zu begeistern. Zugleich war er ein Mystiker, der von der Institution Kirche kritisch beäugt wurde.

Mystiker berufen sich seit jeher auf die Autorität ihrer eigenen Erfahrung, die nicht immer in Einklang mit den Lehrmeinungen der Kirche zu bringen ist. Der Weg des Mystikers ist ein Erfahrungsweg, der aus jedem starren Glaubensgebäude herausführt und sich über Dogmen und Lehrmeinungen hinwegsetzt. Die „unmittelbare Schau Gottes“, die der mystische Weg lehrt, generiert mündige Menschen, die einem System unbequem werden, das auf Gehorsam und bedingungslosem Glauben basiert.

Und so nahm die Kirche Willigis zunehmend als Gefahr wahr. Anfang 2000 wurde er öffentlich gemaßregelt und von Kardinal Ratzinger, dem Leiter der Glaubenskongregation und späteren Papst Benedikt, mit einem Rede-, Schreib- und Auftrittsverbot zum „Schutze der Gläubigen“ belegt. Das Redeverbot seitens der römischen Glaubenskongregation nahm er nicht an. Er sprach und lehrte weiter. Und schuf sich mit der Gründung des spirituellen Zentrums Benediktushof mit fast 80 Jahren eine neue Wirkungsstätte außerhalb der Kirche. Zehn Jahre wirkte er hier mit unermüdlicher Schaffenskraft als spiritueller Leiter und Lehrer.

Bis zu seinem Rückzug aus der Leitungsfunktion im Jahr 2009 stand ich als persönliche Assistentin an seiner Seite. Sein erklärtes Anliegen war es, all den Menschen eine spirituelle Heimat zu bieten, die sich in den traditionellen Formen der Religionen nicht mehr aufgehoben fühlen. Er zeigte in seinen Büchern, Seminaren und Vorträgen Wege in eine zeitgemäße globale Spiritualität auf und strebte eine Interpretation der alten Weisheitslehren an, die dem Weltbild des 21. Jahrhunderts gerecht werden.

Einsicht in der Stille

„Jeder mystische Weg führt in die Erfahrung des Einen“. Davon war Willigis Jäger zutiefst überzeugt. Die christliche Kontemplation ebenso wie das Zen sind Meditationsformen, die in diese Erfahrung führen wollen. Der von Willigis Jäger hochgeschätzte spanische Mystiker Johannes vom Kreuz bezeichnete die Kontemplation in seinem Buch Die lebendige Flamme als ‚liebende Aufmerksamkeit‘. Sie beinhaltet, den Geist in gelassener und heiterer Ruhe zu betrachten. Es ist ein Schauen nach innen in absoluter Aufmerksamkeit und Wachheit, bis Schauender und Geschautes schließlich eins werden.

Voraussetzung dafür ist, dass Verstand, Sinne und Wille zur Ruhe kommen. Ein beharrliches Üben ist deshalb von größter Bedeutung. Es ist die Stille, das Nicht-Tun, die dem Menschen neue Erfahrungsräume erschließen. Ebenso wie in einem Zensesshin werden in einem Kontemplationskurs daher viele Stunden in ruhigem Sitzen und tiefer Sammlung verbracht.

Ich selbst verdanke Willigis viel. Er hat nicht nur den Zen-Weg in mein Leben gebracht, sondern auch meine verschüttete Liebe zum Christentum zu neuem Leben erweckt. Die gemeinsame Arbeit mit ihm setzte viele Fähigkeiten in mir frei, die meinen weiteren Lebensweg entscheidend prägen sollten. Meine heutige Tätigkeit als spirituelle Autorin und Seminarleiterin wäre ohne das, was ich von ihm gelernt habe, kaum denkbar.

„Was wir am Ende unseres Lebens in den Händen halten, sind nicht unsere Leistungen und Werke. Wir werden uns zuerst und vor allem die Frage stellen müssen, wie viel wir geliebt haben.“ Mit diesen Worten endet das Buch Über die Liebe, das der hochbetagte Willigis Jäger gemeinsam mit mir und der Verlegerin Ursula Richard 2009 auf den Weg brachte. Dieses Buch ist für mich sein wichtigstes Vermächtnis, zeigt es doch, dass Gotteserfahrung vor allem die Erfahrung von Liebe ist.

So ruhe sanft, alter Meister. Der Tod hat dich nie erschreckt. Wusstest du doch, dass er nur der Durchgang zu einem neuen Leben ist.

Christa Spannbauer

 

Empfehlenswerte Bücher von Willigis Jäger:

Das Leben endet nie. Über das Ankommen im Jetzt. Herder Verlag 2012

Über die Liebe. Kösel Verlag 2009