EU-Abgeordnete Anna Deparnay-Grunenberg im Portrait

Anna Deparnay-Grunenberg will für Bündnis90/ Die Grünen im Europaparlament den Wandel der Gesellschaft hin zu echter Nachhaltigkeit vorantreiben. Neben ihrer politischen Arbeit interessiert sie sich für Spiritualität und vermittelt in Workshops einen achtsamen Umgang mit der Natur. Meditation und Politik sieht sie nicht als Gegensatz.

„Ich entspreche vielleicht nicht dem Klischee einer Politikerin,“ sagt Anna Deparnay-Grunenberg. Die 44-Jährige ist für Bündnis 90/Die Grünen Mitglied im Europaparlament. Vorher war sie lange Jahre Stadträtin in Stuttgart.

Neben der Politik praktiziert sie Qigong, Meditation und Yoga. In Workshops zur Tiefenökologie vermittelt sie einen achtsamen Umgang mit der Natur und begleitet Menschen und Institutionen in Transformationsprozessen.

Und Veränderung ist dringend notwendig: „Wir sehen den desolaten Zustand der Erde, nehmen wir nur den Klimawandel. Wir wissen, dass wir so nicht weitermachen können und doch funktionieren wir irgendwie weiter.“ Daher ist es für sie so wichtig, Räume für den Wandel zu öffnen – und zwar im persönlichen und im gesellschaftlichen Bereich.

Dieses Thema begegnete ihr schon mit 19, als sie viel allein in der Natur unterwegs war. „Ich spürte, wie ich als Mensch eingebunden bin in ein Lebensnetz, das in ständigem Wandel begriffen ist.“ Das zu sehen hilft ihr auch heute noch, sich im Alltag in etwas Größeres eingebunden zu fühlen.

Man könnte fast sagen, dass ihr dieses Lebensgefühl in die Wiege gelegt wurde: Ihre Mutter ist Französin, ihr Vater Deutsch-Schweitzer. Anna wuchs in verschiedenen Teilen Europas auf und spricht fließend Französisch, Deutsch, Englisch und Spanisch.

In Freiburg nahm sie im Jahr 1996 das Studium der Forst- und Umweltwissenschaften auf. Nachhaltigkeit war zu der Zeit schon ein großes Thema. Während der Studienzeit war die junge Frau oft unterwegs, vorzugsweise in Ländern mit viel Natur.

In Kanada entdeckte sie die Schönheit und Erhabenheit der Berge beim Wandern, in Peru erlebte sie zum ersten Mal Wale in der freien Natur, in den rumänischen Karpaten arbeitete sie in einem Wald-Projekt.

„Ökologisch leben ist nicht immer bequem“

Dann nahm das Leben eine neue Wendung: Gleich nach dem Studium 2002 heiratete sie Markus Grunenberg. Sie zogen gemeinsam nach Stuttgart und mit 26 Jahren kam ihr erstes Kind Emil zur Welt, zwei Jahre später die Zwillinge Klara und Lilo.

Anna Deparnay-Grunenberg stärkt sich in der Natur für ihre politische Arbeit. Foto: privat

Nun war erst einmal eine intensive Familienzeit angesagt, eine Phase der Selbstreflexion, wie sie es nennt. Ihre Ideale von einem nachhaltigen, ökologisch verantwortlichen Leben wurden auf eine Probe gestellt. Beim Konsum auf Nachhaltigkeit achten, für die fünfköpfige Familie mit dem Rad und Anhänger die Einkäufe erledigen, weniger Fernreisen, weniger berufliche Freiheit: „Wer Umweltschutz auch im eigenen Leben ernst nimmt, muss akzeptieren, dass es nicht immer bequem und kuschelig ist,“ beschreibt sie ihre Erfahrung.

„Politik ist ein zähes Geschäft“

2007 wird bei Bündnis90/Die Grünen in Stuttgart eine Geschäftsführerin für den Kreisverband gesucht. Anna hatte zwar immer „grün“ gewählt, war aber nicht Mitglied einer Partei. Doch überzeugte sie durch ihr Fachwissen und ihre vielfältigen Erfahrungen und bekam den Teilzeit-Job.

Die Stimmung bei den Grünen sagte ihr zu: „Ich spürte Offenheit, Freiraum selbst zu denken und Dinge weiterzuentwickeln.“ Der Gedanke, auf lokaler Ebene etwas zu bewegen, interessierte sie. 2009 zog sie für die Grünen in den Stadtrat ein. 2009 bis 2019 war sie Stadträtin in Stuttgart, 2014 bis 2019 Fraktionsvorsitzende. Die Frage, wie sich eine städtische Gesellschaft erneuern kann, brannte ihr auf den Nägeln.

Doch die Mühlen mahlen langsam. Ob Artenschutz, Mobilität oder Klimaschutz – in der Demokratie braucht man Zeit, um Ziele zu erreichen. Der „Mobilitätspass“ für Stuttgart zum Beispiel, der schon Ende der Zweitausenderjahre auf ihrer Agenda stand, wird erst jetzt ernsthaft diskutiert, und gesetzlich für ganz Baden-Württemberg in Betracht gezogen.

Jede erwachsene Bürgerin, jeder Bürger, auch der Autofahrer, zahlt 365 Euro im Jahr und erhält dafür ein ÖPNV-Ticket. So wird die Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel für alle billiger. Rund 30 Prozent der Autofahrer würden dadurch tatsächlich öfter mal umsteigen.

Muss man in der politischen Arbeit nicht auch viel Frust aushalten? „Oh ja, es gibt so viel Frust“, platzt es aus der 44-jährigen heraus. „Wir tippeln oft auf der Stelle, Politik ist ein zähes Geschäft. Sachthemen werden oft überschattet von Uneinigkeit, Ärger, Machtspielchen.“ Und manchmal scheitert man an den bestehenden Strukturen. So ist es zum Beispiel fast unmöglich, etwas für den Schutz der Arten zu tun, wenn Wirtschaftswachstum immer an erster Stelle steht.

2019 wird Anna Mitglied des Europäischen Parlaments. Als Abgeordnete stößt sie wichtige Projekte an und macht sich stark für den Klimaschutz, den Green Deal, also die Transformation des Wirtschaftssystems, die Verkehrswende und eine nachhaltige Agrarpolitik – alles Themen, die sie schon lange beschäftigen.

„Meditation und politische Arbeit sind für mich kein Gegensatz“

Und dann gibt es noch diesen ganz anderen Bereich in Annas Leben. Sie hat eine Ausbildung in Tiefenökologie gemacht. Kern ist, dass der Mensch sich als Teil der Natur fühlt und aus dieser Verbundenheit heraus ins Handeln kommt. Es war für Anna die Chance, Achtsamkeit, Meditation und Empathie mit politischem Engagement zu verbinden.

„Meditation und politische Arbeit sind für mich kein Gegensatz“, so sieht sie es. „Die Meditation ermöglicht mir, die Adler-Perspektive einzunehmen und hin- und wieder loszulassen.“ Und das entlastet, wenn man im täglichen Klein-Klein absorbiert ist. Es hilft auch, sich selbst und seine Anliegen zu relativieren.

Und doch: Geht es in der Meditation um Sein, Akzeptanz, Einsicht, so braucht man in der Politik Durchsetzungskraft, Machtbewusstsein und Streitlust. Wie geht Anna Deparnay-Grunenberg damit um, macht sie anders Politik?

„Wenn wir etwas verändern wollen, so brauchen wir Macht,“ ist Anna überzeugt. „Ich will aber nicht Macht ´über` etwas oder jemanden haben, sondern spreche gern von Macht ´mit`. Wenn wir uns mit anderen zusammenschließen, können wir uns ermächtigen, um große Ziele wie die Transformation hin zu mehr Klimaschutz zu erreichen.“

Mit Ambivalenz leben

Eine harte Erkenntnis war für sie, dass Demokratie auch spalten kann. Das System fördere Konkurrenz und Konfrontation. „Man braucht zum Beispiel als Politikerin einen Listenplatz, um ein Mandat zu bekommen. Man muss Abstimmungen gewinnen, und oft werden andere übergangen, isoliert und gekränkt.“ Mit dieser Ambivalenz hat sie gelernt zu leben. Denn wer nicht gewinnt, könne auch wenig Einfluss nehmen.

In dieser Wahrnehmung liegt eine Chance. „Führung ist so etwas wie Hingabe und ich begreife sie auch als eine spirituelle Aufgabe“, so Anna nachdenklich. Wer führt, müsse die Gemeinschaft zusammenhalten, Visionen entwickeln und andere überzeugen und mitnehmen. Dies sei eine verantwortungsvolle Aufgabe für das große Ganze, gerade auch weil es immer Widerstand gibt.

„Ich habe oft versucht, es anders zu machen, auch anders zu führen. Ich habe mit einer anderen Art von Durchsetzungskraft viel bewirkt für meine Stadt. Und mit der gleichen Entschlossenheit will ich nun die Europapolitik vorantreiben.“ Es bleibt aber jeden Tag eine Herausforderung, mit Mitgefühl Politik zu machen.

Birgit Stratmann