Der Künstler Tal Balshai im Portrait

Er wagte ungewöhnliche Schritte und ist ein Mann ohne Vorurteile: zog von Israel nach Deutschland, wechselte vom Tourneemusiker zum Hausvater, vom Tonmeister zum Jazz-Pianisten. Und landete immer wieder bei seiner Liebe, der Musik. Anja Oeck besuchte den Komponisten und Pianisten in Berlin.

Durch den sonnigen Hinterhof eines Charlottenburger Altbaus gelange ich in das Studio von Tal. Dort ist er seit der Corona-Krise quasi eingeigelt, denn Gigs und Konzerte gibt auch er momentan wenige. Das erste, was mir ins Auge springt: ein riesiger Steinway-Flügel, der zwischen Noten- und Bücherregalen, einem hochfahrbarem Schreibtisch samt Computer, einer Hammondorgel, Akkordeon das Zimmer füllt.

Beim Öffnen der Tür dringen bereits Klavierklänge auf den Flur. Komponierend und vor sich her singend sitzt Tal hinter seinem Flügel, lächelt kurz und beendet die musikalische Phrase des neusten Liedes, bevor wir uns begrüßen.

An den Wänden Plakate, die daran erinnern, dass Tal Balshai in den einschlägigen Berliner Jazz-Clubs wie dem A-Trane oder dem B-flat häufig zu Gast ist, dass er Stummfilme begleitet hat, in der Mailänder Scala aufgetreten ist, dass er Cross-Over im Jazz-Trio und einem Quartett der Berliner Philharmoniker Klassik und Jazz vereint hat.

Bereits nach ein paar Sätzen ist klar, dass sich dieses Musik-Schaffen kaum auf einen Nenner bringen lässt. So viele Facetten: instrumentale Kompositionen mit orientalischer Anmutung, Aufnahmen mit Evergreens der 1920er, 1930er Jahre, bei denen er z.B. die Opernsängerin Angela Denoke am Klavier begleitet, eine zivilisationskritische CD mit eigenen Liedern, die er 2018 unter seinem eigenen Musiklabel „Honigtee Music“ herausgebracht hat.

Von der CD Wohlstandsblues (2018), hier das Lied „Immobilien“. Text, Musik, Gesang und Klavier Tal Balshai:

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Künstler in Zeiten von Corona

Kaum etwas läuft 2020 so wie geplant, auch für Tal nicht. Manchmal hat er ein paar Aufträge als Tonmeister. Konzerte und Kompositionsaufträge jedoch werden immer wieder verschoben und dann meist auf die letzte Minute abgesagt. Das zehrt auch bei ihm zuweilen an den Nerven. Er ist jedoch vielseitig, offen und macht das Beste aus jeder Situation.

So nahm er sich im April 2020 mitten im ersten Corona-Lockdwon kurzerhand eine frühere Idee wieder vor: sein Balladenprojekt von 2014. Damals hatte er bereits begonnen, klassische deutsche Gedichte kinderleicht zu vertonen und einzuspielen. Und siehe da: Nicht nur die Großeltern, nein, die ganze Familie hatte Spaß, die Ohrwürmer vor sich her zu singen.

Zu sieben bekannten Gedichten hat Tal Lieder komponiert, die er nach und nach mit Kindern auf CD aufnimmt. Illustratoren gestalten dazu ein kindgerechtes Textbuch.

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Cross-Over zwischen E- und U-Musik

Spielerisch wechselt Tal Balshai von Bach zu Blues und zurück: „Ich habe keine Vorurteile, was meinen Weg angeht.“ Für ihn gibt es keine minderwertige Unterhaltungs- (U) und heroisierte ernste Musik (E). „Ich finde so viele Sachen gut. Und manchmal bietet sich was an, von dem du vorher nicht gedacht hast, dass es dir liegt oder du dort was finden kannst. Ich würde zum Beispiel liebend gern die Musik zu einem Film zu schreiben.“

Was er 2016 de facto schon getan hat: Er schrieb zur Bergfilmkomödie „Der große Sprung“ aus den Hits von Werner Heymann eine ganz neue Partitur. Musikalische Themen für Charaktere oder Situationen notiert er sich bei jeder Filmbegleitung vorher und flechtet diese in seine Live-Improvisation ein; wie auch im Herbst 2019 bei Fritz Langs „Die Frau im Mond“.

Neugierig, was ich als nächstes zu hören bekomme, legt Tal die CD einer seiner ersten Kompositionen auf: „Camel“ für Jazz Trio, komponiert 2000 von Tal Balshai hier in der Aufnahme im Studio des rbb mit Christof Griese (Altsaxofon, Flöte) und Tal Balshai (Piano):

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„Ich mag die unendlichen Möglichkeiten, die dieses Stück in sich hat. Jedes Mal, wenn wir Camel spielen, wird es irgendwie anders und jedes Mal spannend und aufregend… Camel zu spielen ist immer eine Reise…“ Aber bis zu dieser Komposition war es für Tal selbst eine ziemlich weite Reise.

Jerusalem, New York, Berlin

Alles begann in Jerusalem, wo er geboren wurde. Dort kam Tal mit knapp zehn Jahren zur Musik: Sein älterer Bruder spielte Schlagzeug in einer Rockband und probte mit Freunden bei Balshais im Wohnzimmer. Wie von selbst zog es auch Tal in diese Welt. Im Alter von 13 hatte er so viel Rock, Led Zeppelin, Deep Purple, Yes und Supertramp gehört, dass er bald in eigenen Bands spielte und neben der Schule zu Jazz-Klavierlehrern in Jerusalem pilgerte.

Nach dem Abitur, keine Wahl, die israelische Armee rief. Ein mühsam überstandenes erstes Jahr. Dann drohte Tal beim Psychiater mit Selbstmord. Der ordnete an, ihm sofort die Waffe zu entziehen; und so fegte er fortan täglich den Hof und putzte die Gemeinschaftsbäder. Mittags durfte er nach Hause und konnte so bis zur ersehnten Entlassung weiter Musik machen.

Um sich nach dem Drill auszuleben, zieht es israelische Militärabsolventen für gewöhnlich nach Südamerika oder Asien. Tal Balshai jedoch wollte 1992 zielsicher nach Deutschland, um in Berlin zum Tonmeister ausgebildet zu werden. Er war offen, ein Weltenbürger, hatte keine Vorurteile gegen die Deutschen. In Berlin lockte die Jazzabteilung der Hochschule.

Als Tal nach fünf Jahren sein Tonmeister-Diplom erhielt, spielte er bereits täglich leidenschaftlich für wenig Geld, aber umso mehr Spaß in Berliner Bars wie dem „Schlot“, dem „A-Trane“ oder der damaligen „Bebop-Bar“ in Kreuzberg. Kontakte nach New York verhalfen ihm sogar zu einem Intermezzo in einer der Metropolen des Jazz.

Knapp darauf entstanden die ersten CDs „Camel“ für Jazz-Trio und „Endless Fields“ für Jazz-Trio und Streichquartett. Inzwischen tourte Tal jedoch bereits mit der klassischen Akrobatik-Show „Vivace“, zu der er die Musik komponiert hatte, als musikalischer Leiter und Pianist durch die Welt: zum Off-Broadway, nach Simbabwe, Italien, England, Dänemark und Schweden.

Zurück auf null: Kunst und Kinder

Tal Balshai mit seinen Kindern Alma und Benjamin, Foto: Böhler

 

Die regelmäßigen Abwesenheiten von Zuhause und ein Familienleben unter einen Hut zu bringen, wurde zunehmend schwieriger. Also stieg Tal 2006 aus der Show und dem Tourneegeschäft aus und tauschte mit seiner Frau die Rollen. Er wurde Klavierlehrer, gab einzelne Konzerte und hütete die Kinder. Ein ganz neues Leben!

Das Telefon klingelte nicht mehr, und Tal saß mit der Schippe in der Hand bei seinen Kindern im „Buddelkasten“. Was zunächst wie ein Verzicht aussah, entpuppte sich jedoch bald als Chance: Als er nicht mehr für Geld zu spielen brauchte, konnte Tal Balshai seinen künstlerischen Träumen nachgehen. Er konnte sich die Projekte aussuchen, die ihn als Mensch und Musiker interessierten. Bei einem Festival in Süddeutschland lernte er dann die Opernsängerin Angela Denoke kennen.

Sie suchte einen Begleiter, und er entdeckte mit ihr Ufa-Lieder, Tonfilmmaterial und Lieder aus den 1930er Jahren, die er für die renommierte Sängerin arrangierte. Anfragen, zunächst für Jazzabende, woraus sich eine immer vertrautere Zusammenarbeit entwickelte. Wie immer überwindet Tal mit seiner universal verständlichen Musik Grenzen zwischen Genres, Menschen, Ländern.

Anja Oeck