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Simplicity

Geldknappheit als Lifestyle

Michael Feike, Vater von zwei Kindern, lebt seine Geldknappheit als Lifestyle und versetzt seine Umwelt manchmal in Staunen. Zeit ist sein Luxus. Wie er lebt, berichtet er hier.

Gestern habe ich mich mit einem Freund verplaudert und darüber die Ladenschlusszeiten vergessen. Das stellte mich vor ein gewisses Problem: Was werde ich nächste Woche für mich und meine Kinder kochen?

Jeden Freitag arbeite ich in einer Töpferei im zwölf Kilometer entfernten Dießen am Ammersee. Da ich keinen Führerschein besitze, fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit und nutze die Gelegenheit für meinen Wocheneinkauf. Ich kaufe meine Nahrungsmittel teils im Bioladen, teils direkt beim Erzeuger. Bei einigen Lebensmitteln greife ich auf das Biosortiment eines Dicount- Supermarktes zurück. Auf diese Weise ist es mir auch mit meinem schlanken Geldbeutel möglich, mich und meine Kinder zu etwa neunzig Prozent mit Bionahrungsmitteln zu ernähren.

Dieser schlanke Geldbeutel gibt erstaunlicherweise auch noch genug her, dass meine Kinder Waldorfschule und Waldorfkindergarten besuchen können und ermöglicht überdies gelegentlich einen bescheidenen Urlaub. Selbst nach Indien konnten wir fahren, allerdings nur, weil mir durch einen glücklichen Umstand zwei Herman Hesse-Typoskripte vermacht wurden, die ich veräußern und damit unsere Morgenlandfahrt finanzieren konnte.

Dort mussten meine Kinder dann aber doch auf klimatisierte Zimmer und Züge verzichten und bei vierzig Grad im Schatten und einer relativen Luftfeuchtigkeit von über 90 Prozent mit vollgestopften Sleeperclass-Wagons und Ventilatoren in einfachsten Absteigen Vorlieb nehmen.

Man muss Prioritäten setzen! Darum habe ich keinen Führerschein,  trage hauptsächlich Secondhand-Kleidung und wenn ich verreise, dann trampe ich meist.

Zeit ist mein Luxus

Ich weiß – ich nerve die lieben Mitmenschen in meinem nahen Umfeld gelegentlich mit meinem Lebensstil, und manchmal geht mir die chronische Geldknappheit selbst auf die Nerven. Aber: Zeit ist mein Luxus! Der Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau sagte einmal, es sei ein Missverständnis zu glauben, wir sollten sechs Tage schuften im Schweiße unseres Angesichts, um dann einen erbärmlich Tag zu ruhen! Angemessener wäre das genaue Gegenteil: Einen Tag schweißtreibende Plackerei und sechs Tage Muße, um uns den wahren, guten und schönen Dingen des Lebens zu widmen.

Er spricht mir aus tiefster Seele! Lieber esse ich täglich Porridge zum Frühstück und bleibe Herr meiner kostbaren Lebenszeit, als mich acht Stunden jeden Tag, fünf Tage die Woche, mit drei Wochen Urlaub im Jahr, bis ins Greisenalter hinein zum Lohnsklaven machen zu lassen.

Da nehme ich gerne in Kauf, dass der ein oder andere liebe Mensch in meinem direkten Umfeld mal die Augen verdreht und dass ich mir ab und zu Geld aus der Spardose meines Sohnes leihen muss, um seinen Schulbus zu bezahlen. Und ich kann mich sogar über die erstaunten Blicke der Vorbeifahrenden amüsieren, wenn ich mit beiden Kindern und zwei Kindersitzen ins Nachbardorf zur Großmama trampe.

Eine Schale, ein Gewand

Ich mag mein Leben so wie es ist. In den Augen des einen ein trostloses Dahinvegetieren, ist es in meinen Augen die reinste Luxusexistenz. Ich mache einen Lifestyle aus meiner Geldknappheit und nenne die Auswirkungen der von mir gesetzten Prioritäten „simplicity“, ganz nach dem Motto des japanischen Dichters Ryokan: „eine Schale, ein Gewand“.

Simplicity, Einfachheit ist mein Zugang zum Luxus freier, ungebundener Zeit. Darüber hinaus ist eine einfache Lebensart in meinen Augen eine Frage der Ästhetik.

Aber Simplicitiy ist mehr als privater Luxus und ästhetischer Entwurf, sie ist ein Gebot der Stunde. Sie ist der schöne, schlanke Pfad, der uns aus der globalen ökologischen, sozialen Krise führen wird.

Die Erde ist in der Lage uns alle zu versorgen, aber sie trägt unzumutbar schwer an unserer Unmäßigkeit. Wenn wir uns diesen Lebensraum nachhaltig erhalten wollen, dann müssen wir kollektiv zurückfinden zu einem schlichten, schönen Lebensstil der Einfachheit. Und wer weiß: Vielleicht wird unser Dasein nicht ärmlicher dadurch, sondern reicher. Michael Feike

Michael Feike, 32, lebt mit seinen beiden Kindern zwischen Ammersee und Lech. Er arbeitet als Lyriker, Bauer, Gärtner, Altenpfleger, Kabelträger, Töpfer, Veranstalter und freier Autor.
Info: www.openmind-dharma.net

 

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Ein Gedanke zu „Simplicity

  1. Klasse, Michael! Auch ich lebe seit 12 Jahren mit sehr wenig Geld in Italien, konnte sogar 5 Jahre lang den Dharma studieren. Jetzt bin ich Gastarbeiter in Italien mit Jobs vom Putzen bis zur Kunsttherapeutin halte ich mich über Wasser, oft gegen Essen und Wohnen. Ich denke, solange ich keinen schädige, kann ich so leben. Das einzige ist mein eigenes schlechtes Gewissen wenn ich andere regelmässig zur Arbeit gehen sehe…….. Ansonsten kann ich nur jeden ermutigen, es einmal zu probieren: raus aus der Sklaverei der eigenen Bedürfnisse, die ja meist durch Stress und Frust in der Arbeit zum Kompensieren erwachen.

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