Der neue Film von Pixar

„Soul“ ist ein Animationsfilm über einen Jazz-Pianisten, der plötzlich aus seinem bunten Leben in New York gerissen wird und stirbt. Im Jenseits entdeckt er den Sinn des Lebens, um wiederzukommen. Die Macher von Pixar unter dem Dach von Disney betreten erstmals spirituelles Terrain und entwerfen ein tröstliches Stück. Komplex, spannend und witzig.

 

Was passiert mit uns, wenn wir sterben? Was ist der Sinn unserer Existenz? Und was macht uns überhaupt zu denen, die wir sind? Es sind die großen Menschheitsfragen, denen sich der neue Animationsfilm „Soul“ von Pixar unter dem Dach von Disney widmet.

Und dies tut er in warmen Farben und mit virtuosen Klängen, Jazz-Klängen. Denn der Protagonist Joe Gardner ist leidenschaftlicher Jazz-Pianist und Musiklehrer. Ein Getriebener, den es auf die Bühne drängt. Dort vergisst er alles um sich herum, versinkt er in einem mentalen Zustand völliger Vertiefung. Restlos beseelt.

In den ersten Minuten des originellen und anspruchsvollen Films erhält Gardner – der erste schwarze Protagonist in der Geschichte der Pixar-Filme – die Zusage für den Gig seines Lebens: einen Auftritt mit der prätentiösen Saxofonistin Dorothy Williams.

Er taumelt glückstrunken durch New York, durch die präpandemische Version der Stadt. Eine pulsierende Metropole voll satter Farben und Leben. Detailgetreu nachgezeichnet und gerade schmerzlich vermisst. Dann fällt Gardner in einen Straßengully – und stirbt.

Er findet sich auf einem Fließband ins Jenseits wieder. Zunächst ungläubig, dann unwillig. Als nunmehr kleines, bläulich leuchtendes Seelenwesen weigert er sich ins – zugegebenermaßen klischeebehaftete – Licht zu gehen. Schließlich hat der Jazz-Pianist am Abend noch etwas vor. So setzt er alles daran, um schnellstmöglich auf die Erde zurückzukehren.

Er gelangt dabei an einen Ort, an dem sich Seelen auf ihr Leben auf der Erde vorbereiten. Im „Davorseits“ lernt Joe Gardner Seele Nummer 22 kennen. Ein zynisches und gleichsam liebenswertes Lichtwesen, das alles daransetzt, nicht ins irdische Leben katapultiert zu werden. Denn für dieses Leben fehlt 22 ihr „Funken“, ihre Bestimmung, ihr Lebenssinn.

2020 Disney/Pixar

Das Leben ist kein kosmischer Zufall

Regisseur und Co-Autor Pete Docter – übrigens selbst das Kind einer Musiklehrerin und eines Chorleiters – führt im „Davorseits“ verschiedene Zugänge zur Herkunft und zum Wesen unseres Geistes zusammen. Das Universum wird personifiziert durch eine Gruppe von Strichmännchen, Bürokraten, die die unschuldigen Seelen auf das Diesseits vorbereiten, sie formen und die allesamt „Jerry“ heißen. Sie verkörpern die Gesamtheit des Universums, seine vielschichtigen Ebenen, reduziert auf wenige Striche. Auf die Eindimensionalität. Auf eine Form, „die Menschen verstehen können“, erklären sie.

Das Meer der verlorenen Seelen – umherstreifende, verirrte, klobige Wesen, die gefangen sind, in ihrem Trott oder Kummer. Das Meer der verlorenen Seelen grenzt an eine Sphäre, in der sich Seelen tummeln, die gerade „im Flow“ sind. Völlig vertieft in ihren Tanz oder das Spielen ihres Instruments. Beseelt eben.

Der Grundgedanke: Das Leben ist kein kosmischer Zufall, keine Laune der Natur. Das Leben hat einen Sinn. Gespeist wird diese Idee aus verschiedenen spirituellen Quellen, etwa aus dem Glauben an das ewige Leben oder die Wiedergeburt. Und doch geht es in „Soul“ nicht um Religion, sondern um das Sein und um das „Davor“ und „Danach“.

Der bewegende Animationsfilm, der sich als Stück für alle Altersgruppen versteht, steht in der Tradition von „Oben“ und „Alles steht Kopf“ gleichermaßen. Wie „Oben“ ist er vor allem auch für ein erwachsenes Publikum interessant, da der Stoff an manchen Stellen zu anspruchsvoll für Kinder gerät. Und er knüpft wie „Alles steht Kopf“ an neue innerliche und nun auch existentielle Fragen und Erzählwelten an.

Gleichsam streben die Macher von „Soul“ nach einem Mehr an Unterhaltung, Denkanstößen und Filmmomenten, die erheitern und berühren. So wird der Film mit jeder Sequenz spannender, komplexer, witziger und wärmer, ohne ins Sentimentale abzudriften.

Gardner und 22 landen schließlich – versehentlich – gemeinsam auf der Erde. Und lernen so viel voneinander. Über die Schönheit des Lebens und darüber, dass Glück wahrlich nicht nur darin besteht, einem Zweck oder einer Bestimmung hinterher zu jagen.

„Soul“ stellt die ganz großen Menschheitsfragen, ohne sie in ihrer Absolutheit zu beantworten. Vielmehr bietet das Animationsabenteuer ein Potpourri der Möglichkeiten an, die sich zu einem tröstlichen Stück über das Leben und Sterben zusammensetzen.

Agnes Polewka

“Soul” ist nur zu sehen auf Disney+