Nachruf auf Fußballstar Diego Maradona

Am 25. November starb Diego Armando Maradona. Der Fußballer wurde zum Mythos und wie ein Heilsbringer verehrt. Das Kind aus dem Armenviertel wurde einst zum Goldjungen und stürzte dann ab. Doch sein Stern ging auf und blieb. Steve Heitzer über Aufstieg und Fall der Fußball-Legende.

El pibe de oro, der Goldjunge, so nannte man den jungen Diego Armando Maradona, als sein Stern als Fußballer in Argentinien aufging. Als ich von seinem Tod und den Reaktionen hörte, war zuerst etwas Spöttisches in mir.

Ich hatte die quasi-religiöse Verehrung Maradonas in Argentinien vor mir, die bis zur Gründung einer Kirche führte. Und ich hatte den späten Maradona vor mir: die Auswüchse seines Drogenkonsums und die Eklats und Ausbrüche, für die er in den Stadien als Fußballer, aber später auch als Zuschauer mit Stinkefinger auf den Tribünen gesorgt hatte. Das Bild eines kleinen dicken und gebrochenen Mannes, der scheinbar nichts mehr zu tun hatte mit dem Fußball-Genie, das ihn einst berühmt gemacht hatte.

Menschenkind
Doch als uns dann unsere erwachsene und fußballbegeisterte Tochter auf eine Arte-Dokumentation einlud und ich mir noch manchen Nachruf anschaute, kam mir Maradona wieder näher. Ja der Mensch Diego Armando und das ihn abgöttisch liebende argentinische Volk berührten mein Herz.

Dazu muss ich vielleicht erwähnen, dass ich nicht nur den Fußball immer geliebt habe, sondern auch vor 30 Jahren ein halbes Jahr in Argentinien gelebt habe – lange genug, um zu spüren, wie dieser Fußballer die Seele dieses Volkes widerspiegelt: Menschen, die wie Kinder sind, fröhlich, verspielt, ihren Gefühlen nahe, und vielleicht auch leichte Beute für die, die es nicht so gut mit ihnen meinen.

Argentinien hatte seine Schreckensherrschaft unter General Videla (Diktator 1976 bis 1981) wie Chile unter Pinochet, inklusive unzähliger bis heute verschwundener Menschen. Videlas Nachfolger Galtieri stürzte sein Land in einen selbstmörderischen Krieg mit England um die nahegelegenen Falklandinseln: Größenwahn, Ablenkungsmanöver und Erniedrigung.

Mit diesem ganzen Wahnsinn der Erwachsenen wuchs Maradona auf und trat eine Karriere als Fußballer an. So viel Armut, so viel Verführbarkeit, aber auch so viel kindliche Begeisterung, Lebensmut und Solidarität unter den Armen. Maradona mittendrin wie eine Miniatur seines gebeutelten Volkes.

Gauner und Genie
Maradona wurde in den Himmel gehoben. Er konnte Bälle millimetergenau ins Tor zirkeln, den Ball so genial durch die halbe Mannschaft seiner Gegner führen (sein „Jahrhundert-Tor“ im WM-Halbfinale gegen England 1986), wie er genial schummeln konnte (sein Tor mit der „Hand Gottes“ im gleichen Spiel!).

Und dann stürzte er ins Bodenlose. Er wurde mehrmals des Dopings überführt, benahm sich häufig daneben und rastete oftmals völlig aus. Nach einem Spiel trat er einmal brutal auf Leute ein, nachdem er selbst auf dem Fußballfeld immer wieder brutal getreten wurde.

Was bleibt, ist ein kleiner Mensch, der sich zu seiner ganzen Größe entfaltete und damit ein Licht für die Menschen wurde. Für sein eigenes geschundenes Volk, für das er 1986 den WM-Titel holte, wie für den verachteten Süden Italiens: Als er sich gegen alle Vernunft entschied vom großen spanischen Barcelona zum armen italienischen Neapel zu wechseln, gewann er dort die Meisterschaft − gegen all die großen und arroganten etablierten Vereine − und gab den Menschen damit ihre Würde zurück. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Menschen, der sein Leben für das hergab, wofür er selbst brannte.

„Er hatte einen Traum“
Was bleibt von Maradonas Leben und was sagt es uns? Unser Leben geht auf und ab, kennt Höhen und Tiefen, Fehltritte und Erfolge, Träume und Albträume, und worauf kommt es an? Nicht dein Geburtsort und deine Herkunft zählen: Der Goldjunge aus Buenos Aires (den „schönen Lüften“) wurde im Dreck der barrios, der Elendsviertel der argentinischen Hauptstadt, geboren. Doch auch über diesem Stall stand ein Stern. Entscheidend war, dass er einen Traum hatte und diesem Stern folgte.

Wir alle tragen einen solchen Stern in uns, ja wir alle sind Sterne – egal wie viel Publikum wir haben. Lichter für diese Welt. Diego hatte keine politische Botschaft und schien der Diktatur gegenüber genauso ohnmächtig wie seine Landsleute.

Aber er liebte den Fußball wie kaum ein anderer Mensch. Und diese Liebe strahlte er aus. Und sie berührte die Menschen. Vielleicht bleibt das sein Vermächtnis: Wenn deine ganze Liebe diesem Ball und Spiel gilt, wenn dein Leben eine so eindeutige Resonanz mit etwas zeigt – und sei es noch so scheinbar banal, nutzlos oder auch zwiespältig wie es Fußball ist, dann folge diesem Stern.

Dem Stern folgen
Maradona folgte einem Traum. Er folgte einem Stern. Er stellte das Licht, das in ihm brannte, auf einen Leuchter, anstatt es unter einem Scheffel zu verbergen. So kam es der Welt zugute und brachte immer wieder Licht in die Dunkelheit der Menschen.

Dafür ist es nie zu früh und nie zu spät. Ein Stern hat uns alle gerufen. Das ist auch eine der Botschaften von Advent und Weihnachten. So wie jeder Stern am Himmel auf geheimnisvolle Weise gezündet wurde, brennt in jedem und jeder von uns – manchmal mächtig lodernd, manchmal leise knisternd – ein Feuer.  Auch wenn wir immer wieder am Boden landen, grandios scheitern und uns Fehltritte einholen sollten, es bleibt uns möglich, dem Stern und Traum im Herzen zu folgen, das Feuer in uns zu hüten und unser Licht leuchten zu lassen.

Bei seinem letzten Spaziergang in der Siedlung, gestützt von seinen Assistenten, soll ihm ein Kind gewunken und ihn gegrüßt haben. Maradona blieb zeit seines Lebens selbst wie ein Kind. Er winkte zurück und das Kind war außer sich vor Freude. Maradona war wild, zornig und traurig, und er verbreitete Freude wie ein Kind. Bis zum letzten Tag.

Foto: privat

Steve Heitzer ist Pädagoge, Theologe, Achtsamkeitslehrer und Buchautor. Seit vielen Jahren ist er mit Vorträgen und Fortbildungen für Eltern und Pädagog*innen tätig.
www.steveheitzer.at