Stille Stunden für´s Gehirn

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Interview mit Volker Busch

Der Neurowissenschaftler und Psychiater Volker Busch berichtet in seinem Buch „Kopf frei!“ davon, wie ständige Ablenkung und zu viele Informationen unser Gehirn verstopfen. Ein Gespräch über den Nutzen ungeteilter Aufmerksamkeit und die Bedeutung „tiefer Stunden“.

Das Gespräch führte Agnes Polewka

Frage: Herr Busch, Ihre Patienten klagen zunehmend über Symptome eines gestressten Gehirns. Wie kommt das?

Busch: Bei vielen Patientinnen und Patienten, die zu mir kommen, spielen ein Zuviel an Informationen und das ständige Überall-sein-müssen eine große Rolle. Das sind nicht unbedingt Stressfaktoren, die man vor dreißig Jahren noch genannt hätte. Geschwindigkeit, Hektik, Multitasking und die Gleichzeitigkeit von Dingen nehmen zu. Das hat viel mit Aufmerksamkeit zu tun.

Was passiert mit unserer Aufmerksamkeit?

Busch: Sie wird uns überall im digitalen Alltag gestohlen. Jede Nachricht, jede Schlagzeile, jeder News-Feed stellt den Versuch dar, einen Teil unserer Aufmerksamkeit zu bekommen.

Wir können die Aufmerksamkeit dann selbst nicht mehr eigenverantwortlich steuern und für eigene Dinge nutzen. Zum Beispiel, um eine wichtige Sache am Schreibtisch zu erledigen, für ein tiefgründiges Gespräch mit einem Freund oder für einen Roman, in dem wir versinken. Stattdessen verteilen wir unsere Aufmerksamkeit auf viele Kleinigkeiten. Und das fragmentiert uns geistig.

Hat sich das durch die Pandemie verstärkt?

Busch: Auf jeden Fall. Die Menschen hatten viel mehr Zeit zu Hause, sodass der Medienkonsum und die Informationsüberflutung zugenommen haben. Wie stark, zeigt eine Microsoft-Studie, nach der wir im vergangenen Jahr weltweit 40 Milliarden mehr E-Mails als in den Vorjahren verschickt haben. Ähnliches kann man für alle anderen Formen von Nachrichten annehmen: SMS, Whatsapp und so weiter.

„Zu viele Informationen lösen etwas in uns aus, sie machen etwas mit uns.“

Was macht das mit uns?

Busch: Die Folgen erstrecken sich über zwei Bereiche: unser Leistungsvermögen und die Gesundheit. Auf der Leistungsebene betreffen sie unsere Konzentrationsfähigkeit, die Präzision, mit der wir Dinge tun, und unser Gedächtnis. Wenn unsere Aufmerksamkeit ständig um andere Dinge kreist, zum Beispiel durch Handy-Unterbrechungen, und nicht mehr für die Dinge zur Verfügung steht, die für unser Leben wichtig sind, dann werden wir bei dem, was wir tun, schlechter. Wir vernachlässigen unsere Arbeit und machen mehr Fehler.

Wir brauchen länger, arbeiten ineffizienter. Gleichzeitig verschlechtert sich unser Gedächtnis. Denn die Menge an Informationen, die uns heute erreicht, verstopft uns so sehr, dass wir uns letztlich kaum mehr etwas merken können.

Und das kann mitunter gesundheitliche Folgen haben?

Busch: Auf der gesundheitlichen Ebene kann eine Informationsüberladung zu Stress und zu Unruhezuständen führen, die kurzfristig wahrscheinlich kein Problem darstellen. Längerfristig können sie aber durchaus die seelische Gesundheit beeinträchtigen und Depressivität sowie Angststörungen Vorschub leisten.

Wie entstressen wir unsere Gehirne?

Busch: Wir müssen lernen, gut mit Informationen umzugehen. Das ist der eigentliche Punkt. Wir können davon ausgehen, dass die Menge der täglichen Informationen in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen wird. Deshalb müssen wir erkennen, dass wir nur eine begrenzte Kapazität für ihre Aufnahme besitzen.

Gleichzeitig haben wir auch nur eine begrenzte Kapazität, um Dingen unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Sie ist nicht beliebig vergrößerbar. Das ist ein gesamtgesellschaftlicher, aber auch ein individueller Lernprozess. Jeder sollte sich, bei allem war er tut, die Frage stellen: Was verdient jetzt, in diesem Moment, meine volle Aufmerksamkeit?

„Ich rate dazu, sich jeden Tag etwa 60 Minuten von der Welt zu entkoppeln.“

Sie empfehlen in Ihrem Buch, sich „tiefe Stunden“ zu nehmen, um den Kopf frei zu bekommen. Was meinen Sie damit?

Busch: Es geht darum, einmal am Tag die Erfahrung zu machen, was man mit Freiräumen alles Gutes anfangen kann. Ich rate dabei zu Zeitspannen von 60 Minuten, in denen man sich von der Welt entkoppelt und sich mit den Dingen beschäftigt, die gerade wichtig sind.

In dieser tiefen Stunde, wenn man zur Ruhe kommt, synchronisieren sich die Nervenzellen im Kopf, das lässt sich sehr gut messen. Wir versinken, in dem was wir tun und sind besser darin. Und: Wir sind am Ende des Tages nicht so gestresst. Tatsächlich steigt dadurch die Leistung, wir können logischer Denken, wir können uns Dinge besser merken, das Lernen fällt leichter.

Es ist ein gutes Gefühl zu merken, wie viel man geschafft hat, weil man das Handy für eine Stunde liegen gelassen hat. Wie spannend der Roman war, wie tief man in den Spielfilm eingestiegen ist, wie interessant das Gespräch war, weil man sich einfach nicht ständig hat unterbrechen lassen.

Sind Sie optimistisch, dass das funktioniert? Dass wir Menschen lernen können, mit der Informationsflut umzugehen und uns diese Zeit zu nehmen?

Busch: Als Psychiater bin ich von Berufs wegen optimistisch. Allerdings glaube ich, dass wir gesamtgesellschaftlich noch viel zu wenig verstanden haben, was Digitalisierung mit uns macht. Wir sind in meinen Augen noch zu sehr allein Rezipient oder Konsument von Informationen. Der menschliche Geit ist zu viel mehr geschaffen als nur dazu.

„Wir können auch über das Gebet in Kontakt mit uns selbst kommen“.

Wie können wir dieses Potential besser ausschöpfen?

Busch: Wir können schon bei der Erziehung junger Menschen diese Dinge richtig vorleben und Heranwachsenden den guten Umgang mit digitalen Medien und Informationen beibringen, vielleicht auch in Form eines Schulfachs.

Digitalkompetenz umfasst ja auch das Wissen darum, wie viele Informationen gut für mich sind. Und wann ich mir Ruhepausen gönnen sollte, um Informationen sacken zu lassen. Diese braucht unser Gehirn, um gut sein, bei dem, was es tut. Und auch, um gesund zu bleiben.

Warum schieben wir zu vielen Informationen und Ablenkungen nicht intuitiv den Riegel vor?

Busch: Informationen zu haben, bedeutete schon immer, im Vorteil zu sein. Das ist in unserem Kopf so programmiert. In der Steinzeit hat das unseren Vorfahren in der Savanne mitunter das Leben gerettet. Deshalb reagieren wir auch heute noch stark auf Geräusche, auf ein Vibrieren oder auf visuelle Signale.

Unser Gehirn reagiert mit starken Belohnungsgefühlen auf neue Informationen. Die Endorphin-Kicks, die wir durch Whatsapp -Nachrichten oder Likes erfahren, halten uns jedoch von dem ab, was uns viel stärker belohnen würde. Uns stolz und zufrieden machen würde – zum Beispiel, weil wir ein gutes Gespräch hatten, etwas genießen konnten oder etwas „weggeschafft“ haben.

Was hilft uns unmittelbar, wenn der Kopf verstopft ist?

Busch: Zunächst einmal „Pull statt Push“. Das heißt, dass wir uns Informationen immer situationsbezogen beschaffen sollten. Ein konkretes Beispiel: Sie wollen die Terrasse Ihres Hauses neu fliesen und Sie schauen sich auf Youtube ein Heimwerkervideo an. Sie ziehen sich die Informationen, die Sie brauchen aus dem Internet und dann machen Sie die Kiste wieder aus. Das wäre der optimale Umgang mit Informationen. Push dagegen wäre, um die Langeweile einer U-Bahn-Fahrt zu überbrücken, den News-Feed Ihres Social-Media-Accounts durchscrollen.

Außerdem hilft es, wenn der Kopf voll ist, die Dinge „rauszuschreiben“, sie einfach aufzuschreiben. In dem Moment, in dem wir ein Ventil für Informationen, über die wir nachdenken, finden, verbleiben sie mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit im Kopf. Ein weiteres Ventil ist auch die Kraft des Gebets.

Inwiefern?

Busch: Natürlich würde ein gläubiger Mensch immer theologisch begründen, dass er beim Gebet in Kontakt mit Gott kommen möchte. Ich glaube auf der Metaebene geht es aber um den Kontakt zu sich selbst.

In dem Moment, in dem wir uns von der Außenwelt entkoppeln, uns Dinge in einem „Gespräch mit Gott“ klarmachen – Dinge, für die wir dankbar sind oder die wir heute erlebt haben – verbalisiere ich meine Gedanken. Das hilft dabei, Ordnung im Kopf herzustellen. Deswegen glaube ich persönlich – und damit lehne ich mich weit aus dem Fenster – dass das Gebet eine Kraft hat, ganz unabhängig davon, ob es Gott gibt oder nicht.

Foto: Petra Homeier

Prof. Dr. med. Volker Busch (49) ist Facharzt für Neurologie sowie Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik in Regensburg. Er leitet dort die wissenschaftliche Arbeitsgruppe „Psychosozialer Stress und Schmerz“ und ist in der Institutsambulanz tätig. 

 

 

Buchtipp: Volker Busch, „Kopf frei! Wie Sie Klarheit, Konzentration und Kreativität gewinnen“, Droemer, 18 Euro

 

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