Über die Höhen und Tiefen ehrenamtlichen Engagements in Afrika

Die Armut Afrikas bekämpfen helfen, das will Tronou Deahun, der sich von Deutschland aus mit einem kleinen Verein in seinem Heimatdorf in Togo engagiert. Kirsten Baumbusch hat ihn in Togo besucht, ein Land, für das es keinen Reiseführer gibt.

„Lege das Ruder erst dann nieder, wenn das Boot an Land ist.“ Sprichwort aus Togo

Wer sagt, dass er nach Togo reist, hat ein Problem. Wo willst Du hin? Und warum? Das fragen alle, oft verständnislos. Kaum jemand kennt den westafrikanischen Kleinstaat mit rund acht Millionen Einwohnern, der eingeklemmt zwischen Ghana, Benin und Burkina Faso gerade einmal 56 Kilometer breit am Atlantik liegt und etwas größer ist als Niedersachsen. Einen Reiseführer gibt es nicht.

Das Land von 1884 bis 1916 sogar deutsche Kolonie. Danach wurde es zwischen Frankreich und Großbritannien aufgeteilt. Seit 1960 ist Togo unabhängig, wird aber autoritär regiert. Ein Drittel der Menschen kann nicht lesen und schreiben, ebenso viele haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Armut ist mit Händen zu greifen. Hoffnung scheint oft schwer zu finden. Auch wenn Togo ein Land ist, in dem alles wächst, was wir mit paradiesischen Tropen verbinden: Mango, Ananas, Papaya, Chili, Okraschoten und Gemüse aller Art.

In Ekpui, einem kleinen Dorf am Togosee, etwa 40 Kilometer von der Hauptstadt Lomé entfernt, wird neben Französisch auch Ewe gesprochen. Der 60-jährige gelernte Installateur Tronou Deahun floh vor vielen Jahren aus diesem Dorf nach Deutschland, bekam Asyl und lernte schließlich seine deutsche Frau kennen.

Tronou Deahun (re) in seinem Heimatdorf, Foto: Wolfgang Martin

Doch seine Heimat ließ ihn nicht los. „Ich wollte unbedingt etwas tun“, erzählt der hochgewachsene Mann mit dem glattrasierten Kopf. Und er hat sich ein großes Ziel gesetzt: Die Armut Afrikas möchte er bekämpfen helfen – und zwar da, wo er sich auskennt. Er fand Mitstreiterinnen und Mitstreiter rund um Tauberbischofsheim. Sie gründeten den Verein „Anyievo-Ekpui“. Elisabeth Wycisk, eine Kollegin seiner Frau, stellte sich als Vorsitzende zur Verfügung. Sie war Lehrerin und unterrichtete den Togolesen in Deutsch.

Der Verein Anyievo-Ekpui zählt heute 38 Mitglieder. Alle eint, dass sie etwas Praktisches tun wollen – einfach irgendwo anfangen. Am besten bei den Kindern und bei den Frauen, denn dort ist die Unterstützung am effektivsten, das weiß auch die professionelle Entwicklungshilfe. Der Kreislauf der Armut lässt sich nur so durchbrechen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Binnen eines Jahrzehnts entstand auf dem Anyievo-Platz („Regenbogen-Platz“) im Herzen von Ekpui ein Kindergarten für 40 Jungen und Mädchen mit Küche und Spielplatz, eine Vorschule, ein Lernhaus mit Räumen für Nachhilfeunterricht, ein Nähmaschinenraum und jede Menge Platz für Begegnung. Darüber hinaus werden derzeit fünf Mädchen Dank Patenschaften auf höhere Schulen geschickt.

Landwirtschaftliche Mikrokredite für die Ärmsten der Armen, die auf den Feldern leben, werden 2019 erstmals vergeben. So soll es gelingen, dass die Bewohner durch Ackergeräte, Geld für Samen und Pflanzen sowie entsprechende Schulung in diesem fruchtbaren Teil Afrikas selbst ihr Auskommen finden können.

Alles funktioniert nach dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe: Der Verein gibt Geld für Material, und gebaut wird von den Menschen vor Ort, egal ob es sich um Steine, Wände, Dächer, Sanitäranlagen, Brunnen oder Tische und Stühle handelt. Im Kindergarten werden Betreuerinnen und Essen für die Kinder gestellt sowie Stoff für zwei Garnituren der Schuluniformen. Die Mütter der Steppkes bringen sich durch Wasserholen oder Sauberhalten des Anyievoplatzes ebenso ein und vernetzen sich dadurch wieder untereinander.

Kinder nutzen den Wagen, der eigentlich zum Transport von Wasser gedacht war. Foto: Wolfgang Martin

Nichts wird über den Kopf von jemandem hinweg, womöglich gegen dessen Willen, entschieden. Dadurch gelingt Anyievo in Ekpui eine ganze Menge. Auch, wenn manches anders funktioniert als gewünscht. So erfreute sich der extra angefertigte Wasserwagen bei den Frauen von Ekpui keiner großen Beliebtheit. Sie tragen das kostbare Nass lieber auf dem Kopf, wie es seit Jahrhunderten üblich ist. Dafür saust die Dorfjugend mit dem Gefährt jetzt über den Strand am Togo-See und quietscht vor Vergnügen.

Schicksale in einem afrikanischen Dorf

Ein Herzensprojekt liegt derzeit ebenfalls brach. Ein tiefer Brunnen für´s Dorf sollte gebohrt werden. Die Wasserstellen, die es bereits gibt, sind vor allem in der Trockenzeit salzhaltig. Nur in der Regenzeit gibt es für die Einwohner von Ekpui Süßwasser im See, das aber durch eingeschwemmte Verunreinigungen schwerste Krankheiten hervorruft. Das führt zu Dutzenden von Todesfällen im Dorf – jedes Jahr.

Doch die erforderliche Brunnenbohrung würde mehr als 100.000 Euro kosten, weil sie bis in 400 Meter Tiefe getrieben werden müssten. Zu viel für den kleinen Verein. Jetzt heißt es aushalten und gemeinsam mit den Bewohnern von Ekpui nach anderen Lösungen suchen. „Das stimmt uns traurig, doch auf keinen Fall mutlos“, gibt die Vorsitzende die Devise aus. Der 69-Jährigen ist ein afrikanisches Sprichwort zum Leitstern geworden: „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, werden das Antlitz dieser Welt verändern.“

Licht und Schatten, Werden und Vergehen liegen eng zusammen in Togo, diesem Land, das vom Rot der Erde und dem üppigen Pflanzengrün geprägt wird. Wir treffen den beim Kokosnussernten von der Palme gefallenen jungen Mann, der trotz schwerster Verletzungen mit der Hilfe aus Europa und medizinischer Versorgung in Lomé jetzt schon wieder gehen kann. Oder die Kinder mit den streichholzdünnen Ärmchen und den dicken Wasserbäuchen, die sich fast ausschließlich vom kohlenhydratreichen Maniok ernähren. Das Eiweiß jedoch fehlt ihnen, das Hülsenfrüchte liefern könnten, wenn ihre Eltern nur darum wüssten und es anbauen würden. Es gibt die Patenkinder des Vereins, die so fleißig sind, dass sie ihr Leben meistern und dem Dorf später wichtige Impulse geben werden. Und dann ist da die ausgezehrte 15-Jährige mit dem kleinen Baby, das nicht trinken will.

Ich besuche auch die Familie meines zwölfjährigen Patenkindes Akouvi. Das erste Foto Anfang 2018 ging mir durch Mark und Bein. „Die Trauer Afrikas“ nennt Tronou diesen hoffnungslos scheinenden Ausdruck in den Augen. Jetzt sehe ich Akouvis Mutter beim Kindergartenfest auf dem Anyievo-Platz – eine quirlige Frau, die hingegeben an Tanz und Gesang mit den anderen Frauen die Feier gestaltet. Die kleine Schwester kann dank meiner Unterstützung den Kindergarten besuchen, bekommt dort Essen und einen guten Start in ihr Bildungsleben. Die Mutter hilft mit, lernt Gleichgesinnte kennen und bildet sich fort in Ernährungs- und Gesundheitsfragen.

Akouvi geht regelmäßig in die Schule, wohnt dort bei der Direktorin, damit sie sich nicht jeden Morgen auf den kilometerlangen Weg machen muss. Der Vater ist nach langer Krankheit wieder so gesund, dass er auf dem Feld arbeiten kann.

Ungeduld und Ohnmacht

„Nicht müde werden, sondern dem Wunder die Hand hinhalten wie einem Vogel“, das muss die große Heidelberger Poetin Hilde Domin gemeint haben, denke ich im Stocherkahn sitzend, der uns über den Togosee von Lomé zurückbringt. Eine frische Brise kräuselt die braunen Fluten.

Irgendjemand schöpft immer ein bisschen Wasser aus dem kleinen Boot, während der Kapitän mit langen Stangen das Gefährt durchs flache Wasser schiebt. In der Ferne zucken Blitze. Die Netze der Fischer sind mit Stromsparlampen beleuchtet. Keine Ahnung, woher die den Strom beziehen, der ist nämlich knapp in Togo.

Die Seele beruhigt sich nach der stinkenden, lärmenden Hektik der Hauptstadt. Führerscheine gibt es ebenso wenig wie TÜV und es beschleicht einen das Gefühl, sämtlichen in Deutschland abgewrackten Autos hier wieder zu begegnen. So raumschiffartig der neue Flughafen anmutet, so scheußlich ist das Zementwerk, das die Luft von Lomé mit seinen Schwaden vernebelt. Es gehört zur HeidelbergCement-Group verkündet stolz ein buntes Plakat.

Nicht das Tempo der Eindrücke, das Warten oder die Hitze schaffen mich, es ist der Kontrast zwischen dem Landleben, wo so wenig nötig wäre, um vieles zu verbessern, und der Stadt, die im modernen Raubtierkapitalismus zu versinken droht. Die Togolesen ficht das nicht an. Sie paddeln weiter in ihrer Fröhlichkeit und Freundlichkeit und einer tiefen Zuversicht. „Lege das Ruder erst dann nieder, wenn das Boot an Land ist“, so ein Sprichwort.

Immer wieder packt mich die Ungeduld, die wir Westler kaum aushalten können, weil alles Zeit braucht in der schwülen Hitze. Dass es Missverständnisse gibt, kultureller und menschlicher Art, dass wir nicht allen helfen können.

Ich sehe deutlich, was wir anrichten, wenn wir unsere Wirtschaft, unseren Konsum hierher exportieren: dicke Winterhandschuhe in Altkleiderbergen auf dem Markt, kleine, überall herumfliegende Einmal-Plastikbeutel für Trinkwasser, die die Wasserverkäufer arbeitslos gemacht haben und als erstrebenswertes Luxusgut gelten. „Goldtropfen“, die Aufschrift auf den Getränkebeuteln wirkt zynisch.

Für Zuhause möchte ich die Patenmädchen fotografieren. Natürlich sollen sie lächeln. Als ich sie dazu auffordere, bricht Suzanne in Tränen aus. Eine ihrer „Patenschwestern“ nimmt mich zur Seite. Suzanne sei nicht nach lächeln, sagt sie, sie schmerzen einmal mehr die Narben ihrer Verbrühungen, die sie sich als Kind zugezogen hat.

Ich schäme mich, weiß nicht, was ich sagen soll. Angelika, unsere gelernte Krankenschwester im Team, rettet mich mit ihrer pragmatischen Art. Sie möchte sich die Narben ansehen, sie dokumentieren, in Erfahrung bringen, ob eine Hauttransplantation möglich sein könnte. Sie zeigt der 13-Jährigen, wie sie die Narben eincremen muss, damit sie elastisch bleiben. Die Tränen versiegen.

Kein typisches Touristenland

Nein, ein typisches Touristenland wird Togo wohl nicht so schnell werden. Auch wenn es im Nationalpark Fazao-Malfakassa Löwen, Leoparden, Büffel und Elefanten gibt, in Lomé den größten Fetischmarkt der Welt und Togoville sich die Hauptstadt des Voodoo nennen darf. Direktflüge von Deutschland sind nicht zu bekommen. Air France fliegt mehrmals die Woche von Paris aus. Auch das Schulsystem ist französisch. Das macht es für die Kinder nicht leichter.

Der Verein hat dieses “Lernhaus” gebaut. Foto: Kirsten Baumbusch

Wenn ihre Muttersprache nicht Französisch ist, oder sie keine Ausstattung wie Stifte oder Blöcke haben, werden sie nicht einmal von den sechs Pflichtschuljahren profitieren. Die Schulbücher sind nur in den Schulen verfügbar. Wasser und Elektrizität gibt es in der Regel nicht. „Wir machen hier nur Theorie“, klagt der Direktor des Collège in Ekpui und wünscht sich sehnlichst einen verlässlichen Internetanschluss im Dorf, damit seine Schülerinnen und Schüler wenigstens recherchieren können.

Vieles scheint in Togo Stückwerk von Hilfsorganisationen: da ein Brunnen, dort eine Schule, hier eine Medizinstation wie in Ekpui. Sie mutet eher wie ein Gefängnis an, dunkel und dreckig. Die Plakate mit den Impfkampagnen, zu Empfängnisverhütung, Wurmprophylaxe und Hygiene gilben vor sich hin. „Kreißsaal“ steht über einer Tür. Einmal im Monat kommt ein Arzt. Medikamente und medizinische Hilfe gibt es durchaus, wenn man Geld hat.

Doch es gibt auch Sternstunden. Ich erlebe sie beim Nachhilfelehrer im Lernhaus auf dem Anyievoplatz. Französische Grammatik, ein schwieriges und auf der ganzen Welt ziemlich verhasstes Thema. Doch hier steht ein begnadeter Pädagoge an der Tafel. Er ermuntert, gibt Hinweise, ermöglicht Transfer von Lösungsmöglichkeiten und am Ende applaudieren alle, wenn einer oder eine die richtige Antwort weiß. „Nicht müde werden, sondern die Hoffnung wachsen lassen, das geht“, so lautet meine Erkenntnis aus Togo.

Info: www.anyievo-ekpui.com