Interview mit Sebastian Koch

Der Journalist Sebastian Koch hat einen Podcast für Stotternde von Stotternden gestartet, um Geschichten über das Leben mit Handicap zu erzählen. Agnes Polewaka sprach mit dem 28-Jährigen über den „Kampf um das Sprechen“, Vorurteile gegenüber Menschen, die stottern, und darüber, wie wichtig es ist, aufzuklären.

Wenn Sebastian Koch spricht, stolpert er über manche Buchstaben. Mal stärker, mal schwächer. Das Stottern begleitet ihn seit der Grundschulzeit. Jetzt hat der 28-jährige Journalist den „Ppppodcast“ gestartet, eine Audioserie von Stotternden für Stotternde. Agnes Polewka traf ihn zum Gespräch.

Frage: Herr Koch, wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Ihre Sätze anders klingen, dass Sie Vokale länger dehnen als andere, an einem Buchstaben hängen bleiben? Die Wörter einfach nicht heraus sprudeln wollen?

Koch: Ich habe immer schon Probleme mit dem Sprechen gehabt: Erst habe ich verhältnismäßig spät damit angefangen. Dann hatte ich Probleme, beim Sprechen zwischen „ch“ und „sch“ zu unterscheiden. Ich glaube, das Stottern hat sich – nach einer kurzen „Erholung“ – so richtig konstant ab der dritten Schulklasse eingestellt.

Wie hat es Sie geprägt?

Koch: Ich habe mir wegen des Stotterns früh ein recht gutes schriftliches Ausdrucksvermögen angeeignet, von dem ich als Journalist bei einer Tageszeitung sicherlich profitiere. Einer meiner Gesprächspartner, in der dritten „Ppppodcastfolge“, hat gesagt, er sei sensibler gegenüber Menschen mit anderen Handicaps, weil auch er eines hat. Das trifft auch ein Stück weit auf mich zu – wahrscheinlich auf alle Menschen, die ein offensichtliches Handicap haben. Man ist in gewissen Situationen vielleicht empathischer, vielleicht auch geduldiger.

In welchen Situationen trifft Sie das Stottern mit seiner ganzen Härte?

Foto: privat

Koch: Ich habe eine recht starke Symptomatik, deshalb trifft mich das Stottern eigentlich in vielen Situationen hart. Da spielt auch die Tagesform eine große Rolle: beim Telefonieren, beim Bestellen, beim Gespräch mit Fremden, in stressigen Situationen.

Vielleicht ist es einfacher, zu sagen, wann das Sprechen besser funktioniert: Auf dem Fußballplatz stottere ich beispielsweise kaum. Wahrscheinlich weil ich da auch nicht so sehr an das Stottern denke oder weil ich hier generell anders spreche. Beim Sport brüllt man mehr, gibt kürzere, schnellere Anweisungen. Es ist eine andere Form der Kommunikation.

In Selbstgesprächen stottere ich auch nicht. Und dann gibt es wieder Phasen, in denen ich generell weniger stottere, meist wochenlang. In diesen Phasen denke ich aber immer daran, dass ich eines Morgens aufwache und wieder stärker stottere. Irgendwie ist es ein Teufelskreis.

Mich interessiert, welche Geschichten sich hinter dem Stottern verbergen und wie es sich mit Handicap lebt

Wenn Stotternde mit Tieren kommunizieren, dann funktioniert das Sprechen mit einem Mal auch besser. Warum?

Koch: Generell stottern Betroffene in Kommunikationssituationen mit Tieren wenig bis gar nicht. Ein Grund ist, dass diese schlichtweg keine Unterhaltungen sind. Die Katze, der Hund oder der Hase, mit dem du „sprichst“, wird darauf nicht antworten, wird auf das Stottern keine Rückmeldung geben. Außerdem spricht man mit Tieren in einer anderen, in einer „fremden“ Stimmlage. Das Verändern des Sprechens wirkt sich positiv auf das Stottern bzw. das Flüssigsprechen aus. Auch beim Singen stottere ich nicht, weil ich mein Sprechen und meine Atmung verändere.

Es gibt so viele schwierige Situationen für Menschen, die stottern. Jetzt haben Sie – selbst stotternd – einen Stotterer-Podcast gestartet. Warum?

Koch: Ich hatte immer schon die Idee, das Stottern aus einer etwas anderen journalistischen Sicht aufzubereiten. Weil ich mich so oft darüber geärgert habe, dass viele Berichte über Stotternde nach dem immer gleichen Schema funktionieren: Jemand macht eine Therapie, die schlägt an, der Stotternde ist „geheilt“. Mit solchen Berichten werden bei anderen Betroffenen viele Hoffnungen geweckt, die womöglich enttäuscht werden, weil die Therapie nicht so anschlägt. Ich wollte völlig neutral berichten, ohne die eine oder andere Therapie in den Himmel zu loben.

Sie sprechen mit Betroffenen vor allem auch darüber, welche Rolle das Stottern in ihrer Lebensgestaltung spielt.

Koch: Mich interessiert nicht unbedingt die Symptomatik der Gesprächspartner. Ich frage zu Beginn zwar, wie stark mein Gegenüber stottert, damit die Zuhörenden eine ungefähre Einordnung bekommen. Mich interessiert vielmehr, wie Betroffene mit dem Stottern umgehen, was es für ihren Alltag bedeutet, was sie trotz des Stotterns bzw. mit dem Stottern erreicht haben. Welche Geschichten verbergen sich hinter dem Stottern? Wie lebt es sich mit einem solchen Handicap? Welche Auswirkungen hat es auf die Lebensplanung?

Mir sind dann verschiedene Dinge zugutegekommen: Der „Mannheimer Morgen“, die Zeitung bei der ich arbeite, hat eine Podcast-Offensive gestartet. Und der neue Chefredakteur hat selbst eine Stotterer-Vergangenheit.

Warum ausgerechnet ein Podcast? Sie hätten als Print-Journalist ja auch eine Kolumne schreiben können.

Koch: Ich wollte, dass man die Probleme, den Kampf beim Sprechen, selbst miterleben kann – eine rein schriftliche Berichterstattung wäre dafür eher ungeeignet gewesen.

Wir hatten uns auf Hass-Mails eingestellt, haben aber nur positive Reaktionen bekommen

Was macht dieser Podcast mit Ihnen? Gefühlsmäßig, mit Ihrem Selbstwert?

Koch: Das ist eine schwierige Frage. Ich war noch nie der typische, klischeehafte Stotterer. Ich bin immer schon recht offensiv damit umgegangen, habe mich in Gruppen integriert, mir ein soziales Umfeld aufgebaut. Mein Selbstwertgefühl hat sich deshalb nicht explizit durch den „Ppppodcast“ gesteigert oder geschwächt.

Was der „Ppppodcast“ vielleicht wirklich verändert hat, ist die Tatsache, dass ich hinter einem Radiomikrofon stehe. Das hätte ich zu Beginn des Jahres noch nicht gedacht. Ansonsten glaube ich nicht, dass sich mein Umgang mit dem Stottern so stark verändert hat.

Aber haben Sie dadurch selbst einen anderen Blick auf das Stottern gewonnen?

Koch: Ganz klar: „Ja“! Ich bin zum einen überrascht, wie ähnlich sich viele Stotternden-Biographien sind – und dass meine eigene da etwas anders ist. Ich wurde beispielsweise nie gemobbt oder ausgegrenzt. Viele andere hatten diesbezüglich weniger Glück. Ich habe in den bisherigen fünf Episoden gelernt, dass das Stottern speziell im Kindes- oder Jugendlichen-Alter eben doch ein hartes Handicap ist. Mir ist bewusst geworden, welches Glück ich mit meinem Umfeld gehabt habe und auch immer noch habe.

Zum anderen hat es mich etwas überrascht, wie negativ meine Gesprächspartner das öffentliche Bild von Stotternden sehen und bewerten. Das hätte ich nicht ganz so schlecht gesehen – aber vielleicht hängt das eine auch mit dem anderen zusammen.

Ihre Gesprächspartner zeichnen ein negatives Bild des Stotterns in der Öffentlichkeit. Wie reagieren die Hörer?

Koch: Bisher ausnahmslos positiv. Chefredakteur Karsten Kammholz und ich haben uns in der Vorbereitung auf das Projekt darüber unterhalten, wie wir mit eventuellen Hasskommentaren umgehen. Das brauchen wir jetzt gar nicht, weil es keine gibt. Ich habe, und das ist kein Witz, bislang null negative, sondern nur positive Reaktionen bekommen – von Kolleginnen und Kollegen, von Zuhörerinnen und Zuhörern und natürlich viele von Betroffenen selbst.

Anders als die meisten Reaktionen, die Stotternden im Alltag begegnen?

Koch: Ich glaube, ja. Wir benötigen hier mehr Aufklärung, weil das Thema nach wie vor eher negativ besetzt ist und es viel Unwissen über den Umgang mit Stotternden gibt. Eine fortlaufende Serie stellt diese Aufmerksamkeit besser her als ein einzelner Beitrag, der gerade in unserer schnelllebigen Welt schnell mal übersehen oder vergessen wird.

Wünschen Sie sich, nicht mehr zu stottern?

Koch: Ich hätte nichts dagegen, um es mal so zu sagen. Ich habe durch den Podcast gelernt, dass es auch im Erwachsenenalter noch Besserungschancen gibt. Jochen Praefcke (5. Episode) hat es mit Mitte 30 sehr gut in den Griff bekommen, Martin Seefeld (Episode 6) hat auch bis Mitte 20 noch stärker gestottert. Ich bin jetzt 28 Jahre alt und meine Hoffnung, das Stottern vielleicht doch noch in den Griff zu bekommen, ist im Moment wieder größer als sie es noch vor dem Ppppodcast gewesen ist.

Agnes Polewka

Sebastian Koch ist 28 Jahre alt und arbeitet als Redakteur beim „Mannheimer Morgen“. Am 26. August lief die erste Folge des Ppppodcasts, den er ins Leben gerufen hat, um Stotternden eine Plattform und Einblicke in ihr Leben mit Handicap zu geben. Dabei spricht er mit Betroffenen, aber auch mit Experten – etwa Logopäden oder Wissenschaftlern. Die Ppppodcast-Folgen sind unter morgenweb.de/stottern oder auf Spotify, Apple Podcast und Deezer zu hören.