Vegane Ernährung

Foto: Timo Stoll
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„Entscheidend ist allein, ob ein Tier leidet“

Timo und Michaela Stoll, Eltern eines 16 Monate alten Kindes, engagieren sich in der Veganen Bewegung. Das Paar hat dafür in erster Linie ethische Gründe: Es will keine Tierausbeutung unterstützen und mit Illusionen über die „artgerechte“ Haltung aufräumen.

Ein verführerischer Duft zieht durch die Wohnung der Familie Stoll im Hamburger Stadtteil Eilbek. In der Küche brutzeln noch die Ofenkartoffeln, während auf dem Esstisch schon Schalen mit Kichererbsen-Püree, Avocado-Creme, Erdnuss-Spinat-Mus und anderen Gemüse-Leckereien bereitstehen. Timo Stoll (41) und seine Frau Michaela (24) haben mich zum Abendessen eingeladen.

Foto: Timo Stoll

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Die Eltern eines 16 Monate alten Jungen gehören zu der vor allem in deutschen Großstädten ständig wachsenden Gruppe von Veganern, die – im Gegensatz zu Vegetariern – nicht nur den Verzehr von Fleisch und Fisch, sondern auch den Konsum sämtlicher Produkte tierischen Ursprungs ablehnen. Dazu zählen neben Milch und Eiern auch Leder, Seide, Pelz und Honig sowie bestimmte Kosmetika. Dem Vegetarierbund Deutschland zufolge gibt es 2014 hierzulande rund 1,2 Millionen Veganer (Vegetarier: 7 Millionen), wenngleich diese Zahl im Vergleich zu anderen Quellen mit Abstand am höchsten liegt.

Für das konsequent vegan lebende Ehepaar ist dieser Lebensstil allerdings keine reine Privatangelegenheit. Timo, der bereits vor sieben Jahren vom Vegetarier zum Veganer wurde, gehört zu den Gründungsmitgliedern der Veganen Bewegung Hamburg, die seit 2011 Aufklärungsarbeit in Sachen Tierausbeutung leistet und sich für die Verbreitung der veganen Idee einsetzt. Michaela kam ein Jahr später hinzu, nachdem sie ein Video über Massentierhaltung gesehen hatte, dessen grausame Szenen sie äußerst betroffen machten. Noch am selben Tag stellte die zielstrebige junge Frau, die zuvor „sehr viel Wurst und Käse“ gegessen hatte, ihre Ernährung um.

Die Massentierhaltung bekämpfen

Schockierende Filme von Tierrechts-Aktivisten sind laut Timo häufig der Auslöser dafür, weshalb Menschen ihre Ernährungs- und Lebensgewohnheiten von heute auf morgen ändern. Er nennt hier als Beispiel die US-Dokumentation „Earthlings“. Argumente für sein Bekenntnis zum Veganismus hat Timo gleich mehrere: Neben dem Klima- und Umweltschutz sind dies für den ruhigen, besonnenen Mann, der den Lebensunterhalt für seine Familie als Gruppenleiter bei der Stadtreinigung verdient, die Bekämpfung des Welthungers ebenso wie gesundheitliche Aspekte.

Vor allem aber hat er sich die Abschaffung der Massentierhaltung zum Ziel gesetzt. Die Unterscheidung von Haustieren und Nutztieren hält Timo für willkürlich. Sie diene ausschließlich dazu, das bestehende System der Massentierhaltung und Fleischproduktion zu manifestieren. „Es gibt für mich keine rationalen Gründe, ein Tier als Nutztier zu kategorisieren, zumal die diesbezüglichen Bewertungsmaßstäbe in einigen Kulturen ohnehin anders sind als bei uns“, sagt er. „Entscheidend ist allein, ob ein Tier leidet – und ein Schwein leidet nun einmal genauso wie ein Haushund.“

„Es gibt kein Fleisch von ‚glücklichen‘ Tieren“

Foto: Shutterstock

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Auch die vermeintlich tierfreundlichere Biofleisch-Produktion ist für Timo ein rotes Tuch: „Bio-Tiere aus so genannter ‚artgerechter‘ Haltung werden in denselben Schlachthäusern getötet wie Tiere aus herkömmlicher Massentierhaltung“, betont er. Man könne die Haltungsbedingungen noch so gut verbessern, die wirtschaftlichen Interessen stünden dennoch den Tierinteressen entgegen. „Es gibt kein Fleisch von ‚glücklichen‘ Tieren zu kaufen, nur von toten.“ Zudem wäre die Präsentation von Fleisch-, Fisch- und Milchprodukten in Supermärkten so „abstrakt“, dass Konsumenten sich beim Einkauf zu wenig Gedanken machen würden. Timo will deshalb das Bewusstsein für das dahinter stehende Tierleid schärfen.

Bei ihrer Argumentation beziehen sich Timo und Michaela auch auf die Tierethikerin und Publizistin Hilal Sezgin, die das Paar vor einigen Jahren bei einem Tierrechtskongress kennen gelernt hat. „Gesellschaften entwickeln sich weiter, unsere Moral entwickelt sich ebenfalls weiter“, schreibt Sezgin in ihrem Essay „Dürfen wir Tiere für unsere Zwecke nutzen?“ Timo und Michaela sehen hier ebenso wie Sezgin noch viel gesellschaftliches Potenzial.

Aktiv für die vegane Sache

Foto: Timo Stoll

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Rund 15 Mal pro Jahr sind sie mit Infoständen bei Veranstaltungen präsent, das nächste Mal am 13. September 2014 bei Hamburgs erstem veganen Straßenfest. Bei diesen Anlässen bieten Michaela und Timo stets auch vegane Kostproben an. Wie Michaela berichtet, könne sie ihre Besucher neben Argumenten nämlich vor allem mit dem guten Geschmack der Speisen überzeugen. „Oft sind die Leute sogar überrascht, was alles vegan ist.“

Übrigens wären unter den Besuchern ihrer Infostände nicht nur Fleischesser, sondern auch viele Vegetarier, die sich bei ihnen darüber informieren, weshalb die Massenproduktion von Milch und Eiern für Tiere genauso leid- und todbringend ist wie die Massenproduktion von Fleisch. Interessenten können außerdem an den monatlichen Gruppentreffen teilnehmen, die in wechselnden veganerfreundlichen Lokalitäten stattfinden und auf der Facebook-Seite der Veganen Bewegung angekündigt werden.

Veganismus wird mehrheitsfähig

Gegen die „typischen links-alternativen Initiativen, die man häufig in der Veganer-Szene findet“, hat Timo nichts. Er sagt: „Wir haben zum Beispiel die Tierbefreiung Hamburg bei Demos und Kampagnen unterstützt.“ Wie er jedoch betont, sieht sich die Vegane Bewegung Hamburg selbst nicht als politische Gruppe, sondern will sich „in der Mitte der Gesellschaft“ positionieren. Timo ist der Ansicht, dass der Veganismus kein Nischendasein mehr fristet, sondern sich „auf dem Weg in den Mainstream“ befindet.

Ein wichtiger Indikator dafür ist für ihn die „veränderte mediale Wahrnehmung“: Es werde inzwischen „viel neutraler bis positiver“ berichtet als noch vor zwei Jahren. Außerdem würde er beobachten, dass in der letzten Zeit ständig neue vegane Produkte auf den Markt kämen, die nicht nur in Bioläden und Reformhäusern, sondern auch in vielen Supermärkten erhältlich wären. Sogar in der Gastro-Szene würden immer mehr rein vegane Restaurants eröffnen, darunter in Hamburg auch eines für den „gehobenen“ kulinarischen Anspruch.

Eiweißbedarf ist leicht zu decken

Ist das bereits die schöne neue Veganer-Welt, die er sich wünscht? „Ganz so einfach ist es nicht“, gibt Timo zu. „Trotz diverser Teilerfolge werden wir natürlich weiterhin mit Widerstand konfrontiert. Zu den typischen Abwehrargumenten unserer Kritiker zählen Verweise auf Traditionen, keine Lust auf große Veränderungen und Fleisch als Haupteiweißquelle, vor allem aber die Furcht vor Mangelerscheinungen.“ Timo ist davon überzeugt, dass solche Befürchtungen unnötig sind: „Es gibt für alle Fleisch- und Milchprodukte einen Ersatz, sogar für Süßigkeiten!“ Das zu glauben fällt nicht schwer, als seine Frau Michaela zum Nachtisch eine äußerst schmackhafte Sojamilchschnitten-Torte mit Erdbeersauce serviert.

Foto: Timo Stoll

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„Unser Eiweißbedarf wird durch Soja und Hülsenfrüchte völlig gedeckt“, erklärt Timo. Als einzige Nahrungsergänzung nimmt die Familie zweimal pro Woche hochdosiertes Vitamin B12 ein. Selbst das gesund wirkende, lebhafte Söhnchen Paul, das  bis vor kurzem noch Muttermilch erhielt, bekommt mittlerweile feste vegane Nahrung. Wie Timo erzählt, hätten sie die erste Kinderärztin wegen ihrer ablehnenden Haltung zur veganen Kinderernährung nicht mehr aufgesucht. Die neue Ärztin wäre dafür offener, nachdem sie Pauls vorbildliche Blutwerte ermittelt und ihm nach weiteren Untersuchungen einen ausgezeichneten Gesundheitszustand bescheinigt hatte. Auch Pauls Eltern sind mit ihrer körperlichen Verfassung sehr zufrieden: „Ich fühle mich viel fitter als früher“, sagt Michaela und Timo berichtet, er hätte „im Laufe der Jahre ganz nebenher 20 Kilo Übergewicht abgebaut“.

So kann der Wechsel gelingen

Nachdem Timo bereits zahlreiche Erfahrungen mit Umsteigern gemacht hat, hält er es für eine Frage der Persönlichkeit, ob Neu-Veganer einen radikalen Schnitt machen oder eine eher schrittweise Veränderung bevorzugen. Beides ist für ihn akzeptabel. Das Rückfallrisiko will Timo aber nicht kleinreden und erklärt: „Wer in erster Linie aus ethischen Gründen Veganer wird, bleibt nach meinen Beobachtungen eher dabei als jemand, der dafür ‚nur‘ gesundheitliche Motive hat.“

Fast jeder, der schon einmal versucht hat, seine Lebensgewohnheiten zu ändern, weiß, dass das Durchhalten mitunter recht schwer fallen kann. Mit fremder Hilfe funktioniert es meistens besser. Michaela empfiehlt deshalb das kostenlose 30-tägige Veganer-Coaching-Programm der Tierrechtsorganisation PETA, für das Thomas D., Mitglied der Hip-Hop-Band „Die Fantastischen Vier“, zurzeit als Testimonial wirbt. Wie Michaela erklärt, hätte ihr dieses Programm selbst sehr gute Einsteiger-Erfahrungen vermittelt und ihr geholfen, bei der Stange zu bleiben. Auch die „Vegan-Buddys“ des Vereins Animal Rights Watch bieten Michaelas Angaben zufolge einen Gratis-Support für Veganismus-Einsteiger an, die moralische Unterstützung und Einkaufstipps benötigen.

Astrid Triebsees

Literaturtipps der Veganen Bewegung Hamburg zum Thema Tierethik: „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer. „Vegan! Vegane Lebensweise für alle“ von Marc Pierschel. „Artgerecht ist nur die Freiheit“ von Hilal Sezgin.

Der NDR hat über Timo und Michaela Stoll im Mai 2014 einen TV-Beitrag gesendet, der online verfügbar ist.

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Ein Gedanke zu „Vegane Ernährung

  1. Ich bin heute rein zufällig auf Eurer Seite gelandet und begeistert. Von den Themen an sich, aber vor allem darüber, dass Ihr auch diesen schönen Artikel über vegane Ernährung veröffentlicht habt.

    Diese Welt wäre – das glaube ich ganz fest – so viel schöner und friedlicher, wenn Menschen aufhörten, Mitgeschöpfe zu essen. So vieles hängt damit zusammen: Krankheit, Umweltzerstörung, Tierquälerei, Ausbeutung von Menschen. „Du bist, was Du isst“ – essen wir traurige, gequälte, eingesperrte Wesen (die ja allesamt im Kindes- bzw. im Säuglingsalter geschlachtet werden), dann werden wir selbst traurig, quälen uns durch’s Leben.

    Kriege, Folter, Unterdrückung … Edgar Kupfer-Koberwitz hat es in so passende Worte gefasst, als er schrieb:

    „(…) Ich glaube, dass Menschen so lange getötet und gefoltert werden, solange Tiere gequält und getötet werden. Aus dem gleichen Grund wird es weiterhin Kriege geben. Der Grund liegt darin, dass das Töten an kleinen Objekten geübt und perfektioniert wird – moralisch und technisch gesehen. (…)“

    (Quelle: http://www.vgt.ch/vn/9701/kz.htm)

    Darum TAUSEND Dank für diesen Artikel und für Eure Seite. Ich habe sie gerne weiterempfohlen. Schade, dass Ihr nicht auf Facebook seid, da würdet Ihr so viele Menschen erreichen – vielleicht kommt das noch? Ich nutze Facebook auch nur dafür, Informationen weiterzuleiten, ein Ersatz für echte Menschen oder gar „Freunde“ ist es nicht. Aber das Erreichen der Herzen, der Geister, das finde ich sehr wichtig.

    Wie auch immer, viele liebe Grüße aus Pannonien!

    Sabrina

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