In Gemeinschaft mit anderen zu sich selbst werden

Nur wenn wir gut für uns selbst sorgen, können wir auch für andere da sein, ist eine Weisheit aus der antiken Philosophie. Hier wird der Gedanke der Selbstsorge betont. Damit ist nicht Egoismus gemeint, sagt die Philosophin Ina Schmidt. Vielmehr geht es um die bewusste Erfahrung, ein Selbst zu sein. Denn wer „selbstlos“ ist, kann nicht in der Welt wirken.

Welche Sorge hat Sie heute schon beschäftigt? Was gibt Anlass zu existenziellen Sorgen und wie besorgt sind Sie angesichts unserer Zukunft? Und wie sorgen Sie trotzdem gut für das, was wichtig bleibt, also auch für sich selbst?

Wenn wir von „Sorgen“ sprechen, dann haben wir meist Probleme, Zweifel oder schwierige Aufgaben vor Augen, die wir lösen also, „ent-sorgen“ müssen. Aber es gibt auch eine andere Möglichkeit, nämlich das fürsorgliche Wohlwollen. Ein Wohlwollen, das nicht allein auf die anderen und die Welt da draußen gerichtet ist im Sinne einer selbstlosen Nächstenliebe, sondern uns selbst einbezieht. Denn wir können am besten auf die Welt einwirken, wenn wir eben nicht „selbst-los“ sind, sondern sehr wohl und sehr gut um dieses Selbst wissen.

Die Idee der Selbstsorge in der griechischen Antike

Das, was mit dieser Form der Fürsorge gemeint ist, geht zurück auf das Prinzip der „Selbstsorge“. Dies war schon in der griechischen Antike ein zentrales Thema der Dialoge Platons, insbesondere in den Ausführungen des Alkibiades im Symposion. Der griechische Philosoph fragt hier nach dem rechten Gebrauch der Freiheit im Umgang mit sich selbst inmitten einer sozialen Gemeinschaft.

Wie gelingt ein gutes Miteinander auf der Basis von Menschen, die in dieser Gemeinschaft nicht nur sie selbst sein dürfen, sondern sogar sollen. Denn so können sie den bestmöglichen Beitrag zu dieser Gemeinschaft leisten.

Eine Voraussetzung dafür ist nach Platon, sich mit sich selbst zu beschäftigen, um – so lässt er es seinen Lehrer Sokrates sagen – die Seele so aufs Beste gedeihen zu lassen. Dieses Wissen um sich selbst könne man in Bezug zu anderen für die eigene Entwicklung nutzen.

Diese Seite des Menschen als ein soziales Wesen, das nicht mit sich allein, sondern nur in der Gemeinschaft mit anderen zu sich selbst werden kann, ist der zentrale Gedanke der griechischen Selbstsorge, den wir heute zu häufig vernachlässigen.

Die gegenwärtig häufig vorschnelle Gleichsetzung von „Selbstsorge“ oder „Selbstliebe“ mit Egoismus oder Selbstsucht liegt nicht in der Natur dieses Anliegens, sondern hat viel mit dem – oft christlichen – Missverständnis zu tun, dass das jenseitige Heil nur den erwartet, der sich in „Selbstverzicht“ übt.

Eben diesem Gedanken, den wir in unserer Kultur so verinnerlicht haben, tritt die griechische Idee entgegen. Sie macht die Bezogenheit des „Selbst“ und seines prozesshaften Charakter stark: Wir können gar nicht auf unser Selbst verzichten oder „selbstlos“ sein, weil wir uns stets im Verhältnis zu anderen, in dem, was wir tun und wie wir uns verhalten, als dieses Selbst erleben. Nicht der Besitz oder Verzicht eines „Selbst“ ist von Belang, sondern der bewusste Umgang mit der Erfahrung, ein „Selbst“ zu sein.

Foucault: Eine Kultur der Selbstsorge schaffen

Genau das hat Sokrates in Platons Apologie im Sinn gehabt, wenn er sagt, er habe nichts weiter getan, als umherzugehen, „um Jung und Alt unter euch zu überreden, ja nicht für den Leib und für das Vermögen zuvor noch überall so sehr zu sorgen als für die Seele, daß diese aufs beste gedeihe, zeigend, wie nicht aus dem Reichtum die Tugend entsteht, sondern aus der Tugend der Reichtum und alle andern menschlichen Güter insgesamt, eigentümliche und gemeinschaftliche.“

Lassen sich solche Gedanken aus der griechischen Antike in die moderne Gegenwart übersetzen? Bedeutet die sokratische Sorge um die eigene Seele das, was wir uns heute wünschen, wenn wir uns um unser Selbst sorgen?

Einen Versuch einer solchen Übersetzung hat der französische Philosoph Michel Foucault Mitte der 1980er Jahre gewagt. Er fragte sich, wie eine moderne Form der Selbstsorge aussehen kann. Gibt es eine philosophische Lebensweise, die uns heute dabei hilft, ein „sorgendes Selbst“ in einer Gemeinschaft zu sein, die so ganz anders ausgerichtet ist als die griechische Polis?

Auch die Welt der 1980er Jahre ist sicher nicht eins zu eins vergleichbar mit unseren globalen und digitalen Welten, in denen wir heute versuchen, uns um uns selbst zu sorgen. Und doch bleiben grundsätzliche Aspekte menschlicher Selbsterkenntnis unabhängig von den Bedingungen, unter denen sie formuliert werden.

Foucault geht es um ein menschliches „Sich-zu-sich-selbst-Verhalten“, ein Sichverhalten zur eigenen Existenz, das er als „Kultur der Selbstsorge“ versteht. Die wichtigste Frage lautet darin: „Wie stellt man zu sich selbst eine adäquate und erschöpfende Beziehung her, indem man sich selbst zum Ziel macht?“. Für diesen Weg nennt Foucault verschiedenen Praktiken und Prinzipien, die er als zentral erachtet.

Es geht ihm darin weniger um das „Erkennen“ des eigenen Selbst, sondern um das Verstehen dessen, was jeden von uns ausmacht, wie wir uns an unseren Grenzen und denen des „anderen“ ausrichten können und wollen und wie wir uns darin beständig neu auf den Prüfstand stellen. Was genau heißt das?

Wenn wir von „Selbsterkenntnis“ sprechen, dann haben wir ein Ziel vor Augen, eine Vorstellung, dass es da etwas zu erkennen gibt, das auf eine bestimmte Weise entschlüsselt werden will. Wenn wir uns aber zum Ziel setzen, dieses Selbst verstehen zu lernen, dann geht es viel mehr darum, aufmerksam zu betrachten, wahrzunehmen und sich auch in dem, was sich „selbstverständlich“ und in Bezug auf andere immer wieder verändert, kennenzulernen und zum Thema zu machen. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass wir das eine oder andere erkennen können, aber die Art und Weise, wie wir uns um uns selbst sorgen, ist eine ganz andere.

Philosophie als Arztpraxis der Seele

Diese Art der Selbstsorge schließt ein, dass wir unserem „Selbst“ eben nicht immer auf den Grund gehen können. Trotzdem können wir gut für die eigene Selbsterfahrung sorgen, um uns ein gutes Stück besser kennenzulernen. Das ist nicht nur eine interessante Beschäftigung mit sich selbst, sondern die Grundvoraussetzung dafür, auf eine uns entsprechende Weise handeln.

Nur vor diesem Hintergrund kann ein Leben gelingen, in dem wir das „rechte Maß“ finden, eine Art Gleichgewicht, in dem sich Innen und Außen die Waage halten kann: Denn nicht nur der selbstzentrierte Blick auf das Eigene, sondern die Sorge für das, was für uns selbst und das Umfeld, in dem wir leben, wesentlich ist, wird so zum Gegenstand der eigenen Betrachtung:

Wie gut kenne ich meine Bedürfnisse und wie sorge ich dafür, dass diese erfüllt werden können? Welche anderen Menschen sind darin beteiligt, welche Erwartungen kann ich an sie haben, und für welche Bedingungen muss ich selbst sorgen? Wie tragfähig sind die Beziehungen, in denen ich mich in der Welt eingerichtet habe und wie bewusst pflege ich diese Verbindungen?

Um Antworten auf solche Fragen finden zu können, gilt es nicht nur zu wissen, was wir wollen, sondern auch was wir geben können, welche Fähigkeiten und Überzeugungen wir mitbringen. Michel Foucault schlägt für diese Form des sorgenden Umgangs mit sich selbst konkrete Übungen vorn, um die Praxis wie in der Antike als lebendige Tugend einzuüben.

Dazu gehören, in aller Kürze: leichtes Körpertraining, Meditation, Lektüre und das Niederschreiben der Gedanken zu dieser Lektüre, kritische Reflexion der eigenen Wahrheiten das differenzierte Sprechen darüber. In diesen Formen der Selbstzuwendung besteht nach Ansicht des französischen Denkers das Fundament einer sowohl körperlichen wie auch seelischen und geistigen Fürsorge für das, was wir zu einem gelingenden Leben ausprägen wollen.

Das Selbst ist keine Insel

Diese Praktiken scheinen nicht besonders originell, wenn wir an all die Tipps und Tricks moderner Lebensführung denken, die uns in Magazinen und Ratgebern begegnen. Aber die Tatsache, dass sie offenbar bis in die Antike als Praktiken zurückzuverfolgen sind, zeigt, dass sie mehr sind als eine Erscheinung des Zeitgeistes.

Und doch gibt es zwei Punkte, die wir in der gegenwärtigen Selbstbegeisterung zu wenig verfolgen. Den ersten Punkt haben wir eingangs erwähnt und bereits ausgeführt: Das Selbst darf nicht wie eine Insel gegen die Wellen der Außenwelt verteidigt werden. Vielmehr entfaltet es sich nur in dem beständigen Austausch mit dem, was dieses Außen ausmacht. Wir werden also nur gemeinsam zu denen, die wir sein wollen.

Der zweite Punkt betrifft die von Foucault beschriebene Praxis der „kritischen Reflexion“. Diese sollte ein wesentlicher Bestandsteil einer aufmerksamen Selbstbetrachtung sein, wenn wir sie nicht auf seelische und geistige Wellnesserfahrungen beschränken wollen, die zwar gut tun können, aber meist keine Antworten parat halten.

Foucault vergleicht die kritische, vielfach philosophische Reflexion, die sich um die Klärung existenzieller Lebensfragen bemüht, mit der medizinischen Sorge um den Körper. So wie wir die Symptome unsere Körpers verstehen lernen können, Schmerzen empfinden und dafür lindernde Praktiken anwenden, so könne die Philosophie zu einer „Arztpraxis der Seele“ werden. Diese legt allerdings ein anderes Verständnis von Gesundheit zugrunde.

Anders als in unserem modernen medizinischen Verständnis, das davon ausgeht, dass körperliche Gesundheit der Normalzustand sei und eine Krankheit als Störung zu beheben sein müsse, sieht Foucault vor dem Hintergrund des antiken Verständnisses jeden Menschen als unvollkommen, verletzlich und „bedürftig“ an.

Die Fürsorge, die wir uns also selbst zukommen lassen sollten, ist also nicht als Option für Zeiten der Unsicherheit oder Krankheit gedacht. Sie meint vielmehr eine grundsätzliche Haltung, mit der wir uns selbst und anderen in einem unsicheren Leben begegnen können. In diesem Leben erfahren wir Leid und Not, die sich nicht immer heilen lassen. Aber die Erfahrung einer gemeinschaftlichen Sorge um das Wesentliche, das uns selbst mit einschließt, eröffnet uns die Möglichkeit, in einem mutigen „Trotzdem“ der Welt als ein Selbst gegenüberzutreten, das dieses Leben dennoch gelingen lassen kann.

Dr. Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften und Philosophie. 2005 gründete sie die denkraeume, eine Initiative für philosophische Praxis. Buchautorin, Referentin der Modern Life School und des Netzwerks Ethik heute. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg. Jüngste Buchveröffentlichung: Über die Vergänglichkeit. Eine Philosophie des Abschieds, Edition Körber 2019.