Was gibt uns Halt in Krisenzeiten?

Julia Star/ shutterstock
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Sich auf Unsicherheit einlassen

Wenn der Boden schwankt und alles unsicher ist – wie können wir dann überhaupt leben? Diese Frage stellt die Philosophin Ina Schmidt in ihrem Artikel, auch angesichts des Krieges gegen die Ukraine. Sie lehrt uns, in Anlehung an Epiktet eine wichtige Entscheidung zu treffen: Was steht in unserer Macht – und was nicht? Wichtig ist, die Unsicherheit anzunehmen und darin Spielräume zu entdecken.

Es ist nichts beständig als die Unbeständigkeit.
I. Kant (Reflexionen zur Anthropologie)

„Wir sind in einer anderen Welt aufgewacht“ so sagte es Außenministerin Annalena Baerbock nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine. Aufgewacht in einer Welt, in der das, was für viele von uns selbstverständlich war, zerbrochen ist: Die Friedenszeiten in Europa sind vorbei.

Es herrscht Krieg, Gewalt, von einer Zeitenwende ist die Rede, in jedem Fall von einer neuen Krisenzeit. In dem Moment, in dem wir gerade den Eindruck hatten, wieder ein wenig aufatmen zu können, die Coronakrise etwas von ihrer Bedrohlichkeit verloren hatte. Und erneut schwankt der Boden, auf dem wir stehen – und wir suchen nach Standpunkten und Orientierung, nach neuen Wegen und Überzeugungen, die uns helfen, Halt zu finden.

Der Wunsch nach berechenbaren Sicherheiten, Planbarkeit und klaren Einschätzungen ist so menschlich wie verständlich. Aber die Bedingungen sind andere, unsere Möglichkeiten begrenzt und die Protagonisten nicht berechenbar.

Ein politischer Despot ist nicht berechenbar und kein moralischer Akteur. Was aber verspricht gerade in diesen haltlosen Zeiten Halt, und wie können wir lernen, neue Wege zu gehen, uns in anderen Elementen, Denkweisen und Kommunikationsformen zu bewegen?

Wie schaffen wir es in unserem persönlichen Alltag, Verunsicherung auszuhalten, Brücken zu bauen oder uns auf schwankendem Boden zu bewegen?

Leben ist Verunsicherung

Sich wahrhaftig auf diese Form der Verunsicherung einzulassen – darum geht es. Und dies beginnt nicht erst im Erleben existenzieller Krisen auf der globalen Weltbühne, sondern ist Teil unseres alltäglichen Lebens – und das sogar in Zeiten vermeintlich größter Stabilität und Sicherheit:

die ganz persönliche Erfahrung und Erkenntnis, dass unser Leben eine vergängliche und zerbrechliche Daseinsform beschreibt. Es ist von Beginn an ein eigenartiges auf sein eigenes Ende zustrebendes Phänomen, dem wir nur begrenzt einen Sinn abringen können.

Wir kommen, egal zu welchen Zeiten, als biologische Mängelwesen auf die Welt, bahnen uns mühsam einen eigenen Weg durch bestehende kulturell geprägte Kontexte und Gepflogenheiten und finden fast überall und ständig Veränderung und Wandel vor. Dennoch suchen wir weiter nach dem, was in der Philosophie schon seit über 2000 Jahren unter der Überschrift des „guten Lebens“ gesucht und nur selten gefunden wird.

Derzeit scheint es in dem Erleben von Verunsicherung viel weniger darum zu gehen, was das einzig „Richtige“ in einem guten Leben sein kann. Vielmehr können wir uns oft nur fragen, woher wir die Kraft nehmen, den Halt finden, um weiterhin auf der Suche, im Gespräch, in der Schwebe sein zu können und in der eigenen Verunsicherung zumindest so etwas wie Orientierung zu finden.

Angesichts der Endlichkeit immer wieder neu beginnen

Wie aber kann das gelingen? Ist nicht die Tatsache, dass wir uns eher als unvollkommen und begrenzt, als Mängelwesen verstehen, Einwand genug, dass wir uns dieser Herausforderung kaum erfolgreich werden widmen können?

Ja und Nein. Denn wir sind eben nicht nur verwundbare und durch die eigene Endlichkeit bedrohte Wesen, sondern wir sind zu allen Zeiten ebenso in der Lage gewesen, dem etwas entgegenzusetzen:

Anfänge zu schaffen, Neues auf den Weg zu bringen und andere Perspektiven einzunehmen. Antworten auf Fragen zu geben, die vorläufig sein mögen, aber sich gerade deswegen Veränderung anpassen können.

In einer unsicheren Welt sind wir aufgerufen, neue Wege zu ebnen, neue Gedanken auszuprobieren und neue Gespräche zu führen. Vieles von dem erleben wir ganz besonders in Krisenzeiten: schnelle kreative Lösungen, Bettenlager in Moscheen und Gemeindezentren für Flüchtlinge aus der Ukraine, Hilfskonvois und Initiativen für die mögliche Arbeitssuche. So vieles kann in so kurzer Zeit auf den Weg gebracht werden, wenn die Zeit drängt. Solidarität das ist, worauf es ankommt.

In Krisenzeiten werden ungewöhnliche Ideen ausprobiert, manche verworfen und einige weiterentwickelt. Wir brauchen den Mut, uns in neuen Gedankenwelten oder Elementen zu bewegen, neue Fähigkeiten zu erlernen.

Wir stehen am Ufer und suchen nach neuen Möglichkeiten – manchmal tragen uns die Beine nicht weiter, aber vielleicht ist es möglich, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und schwimmen zu lernen.

Wagen wir diesen Sprung, heißt es auch geistig, in neuen Gewässern zu fischen, zu stochern, zu suchen und sich vielleicht auch nur mühsam über Wasser zu halten. Aber wenn wir zu diesen Fragen ins Gespräch kommen, dann entstehen Ideen und Denkgebäude, Architekturen und Landkarten, mit deren Hilfe wir uns zu Recht finden können, auch wenn sie immer wieder verändert, erneuert oder umgebaut werden müssen.

Was steht in meiner Macht – und was nicht?

Sich auf den Wandel einzulassen, bedeutet, sich immer wieder neu auf veränderte Umstände einzurichten. Wir können sie annehmen, um uns selbst eine Richtung zu geben:

Wieviel Diskurs lassen wir zu und an welchen Stellen beziehen wir Positionen, die nicht mehr verhandelbar sein sollen? Was trauen wir uns Menschen zu und worin setzen wir unser Vertrauen? Und worauf wollen wir hoffen können – wenn das Wissen schlicht nicht zur Verfügung steht?

Der Qualität der Fraglichkeit – also der Tatsache, das auch vermeintliche Selbstverständlichkeiten immer wieder Fragen aufwerfen – wahrhaftig zu begegnen, ist alles andere als leicht.

Es ist das, was in der philosophischen Tradition seit der griechischen Antike gemeint ist, wenn Sokrates davon spricht, dass nur ein geprüftes Leben ein gutes sein kann. Aber diese prüfenden Fragen bleiben ungewohnt, sind oft unbequem und manchmal überaus schmerzhaft – und zu manchen Zeiten unmöglich, und nur mit Hilfe anderer überhaupt zu durchdenken.

Und selbst dann werden wir feststellen, dass sich nur manche Dingeändern lassen, manche gilt es schlicht auszuhalten, auch wenn es schwer fällt und an den europäischen Grenzen Unrecht geschieht und Krieg und Leid herrschen. Wenn wir diese Einsicht wirklich zu leben versuchen, stehen wir in der Tradition der stoischen Philosophie, die in der griechischen wie der römischen Antike für die zentrale Frage steht: Was steht in „meiner Macht“ (Epiktet) – und was nicht.

Willige ich also auch in die Grenzen der eigenen Reichweite, der Begrenztheit des eigenen und Wissens ein, ohne mich darin hilflos zu fühlen, dann ermögliche ich gleichzeitig einen anderen Blick für das, was in einem „Trotzdem“ möglich sein kann.

Diese Haltung beschreibt keine Ohnmacht, sondern den mutigen Schritt, innerhalb der eigenen Möglichkeiten zu gestalten: Wir können uns solidarisch zeigen, können Spenden sammeln, Kleidung und Medikamente auf den Weg in die Ukraine bringen, wir können uns darin üben, denen zur Seite zu stehen, die von den Folgen eines Krieges betroffen sind.

Damit können wir die Not und das Leid der Menschen, die gerade ihre Ehemänner und Väter zurücklassen, nicht ungeschehen machen, den Schmerz nicht lindern. Aber es ist doch eine Möglichkeit, diesem Krieg etwas entgegenzusetzen und weitere militärische Bedrohungen zu verhindern. Wir können unsere Gemeinschaften stärken.

Einen Schritt vor den anderen zu tun, sich vergewissern, dass der Boden noch trägt, auf dem ich stehe, oder aber herausfinden, ob ich den Sprung ins „kalte Wasser“ wagen sollte, auch wenn ich mir das nicht freiwillig ausgesucht habe.

Erst wenn wir zustimmen, dass es manchmal eben dieser „Sprung“ sein muss, der uns voranbringt, werden wir herausfinden, wie weit es mit unseren Schwimmkünsten ist. Und manchmal ist es das einzige, was möglich ist, um irgendwann wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren – um irgendwann wieder ruhig schlafen und in einer Welt aufwachen zu können, in der Frieden herrscht.

Foto: privat

Dr. Ina Schmidt studierte Angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg, Forschung und Lehre am Institut für Philosophie sowie Promotion 2004. Gründung der denkraeume, einer Initiative zur Vermittlung philosophischer Praxis.

Autorin philosophischer Sachbücher für Erwachsene und Kinder, zuletzt erschienen „Das kleine Ich auf der Suche nach sich selbst“ im Carlsen Verlag (2021) sowie „Die Kraft der Verantwortung. Über eine Haltung mit Zukunft“ in der Edition Körber (2021).

Ina Schmidt ist Referentin für verschiedene Bildungsnetzwerke, u.a. in dem Projekt „Gedankenflieger“ am Hamburger Literaturhaus. Ina Schmidt ist verheiratet, Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Reinbek bei Hamburg.

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