Ein Essay von Albert Kitzler

Auf der Suche nach dem gelingenden Leben ist der Philosoph Albert Kitzler im antiken Weisheitsdenken fündig geworden. Danach müssen wir uns um drei Bereiche kümmern: den Umgang mit der Welt, mit Anderen und mit uns selbst. Vor allem geht es darum, hinderliche Gewohnheiten zu überwinden und die Persönlichkeit zu bilden.

Die Frage nach dem guten Leben ist so schwierig und komplex wie das Leben selbst. Die besten Antworten finden wir in dem reichen Schatz des antiken Weisheitsdenkens in Orient und Okzident.

Die Einsichten der großen Denker der Antike sind keineswegs veraltet. Die menschliche Natur hat sich nicht geändert. Glaubt man dem Historiker Yuval Noah Harari, hat sie es in den letzten 300.000 Jahren nicht getan. Die tiefsten inneren Bedürfnisse und Sehnsüchte, Ängste und Sorgen, das Selbst, die „Buddhanatur“ sind gleich geblieben. Modern gesprochen: die neuronalen und biologischen Gehirnfunktionen laufen immer noch nach denselben Gesetzmäßigkeiten ab wie im Altertum, mag sich alles Äußere auch geändert haben.

Zur Beschreibung, was zu einem „guten Leben“ gehört, haben die Weisen des Altertums immer wieder bestimmte Qualitäten genannt: innere Ausgeglichenheit, Selbsterkenntnis, Authentizität, Selbstbestimmtheit, Aufrichtigkeit, Achtsamkeit, Mitgefühl, Zugewandtheit, Genügsamkeit, Heiterkeit, Gelassenheit und ein maßvolles Leben.

Manchmal wurde es auch anders herum formuliert: Wir führen ein „gutes Leben“, wenn wir uns soweit wie möglich befreit haben von negativen Gefühlen wie Ängste, Sorgen, Zorn, Hass, Ärger, innerer Zerrissenheit, Unruhe, Habsucht, Getriebensein, Eifersucht, Neid, Gier, Selbstsucht, Überheblichkeit, Geltungssucht. Die Alten bezeichneten solche Affekte als „Krankheiten der Seele“, die wir mit einer von Weisheit geleiteten Übungspraxis „heilen“ können.

Es geht um die Gesundung der Seele

Weise Lebensführung sollte zur Gesundung der Seele führen. Die Gesundheit der Seele aber war für sie ein Synonym für ein „gutes Leben“, für Glück: „Weisheit ist Glück“, sagt Sokrates. Praktische Philosophie in diesem Sinne war nicht nur die Lehre vom glücklichen Leben, sondern zugleich auch „Seelenheilkunde“.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir drei Lebensbereichen so gut wie möglich beherrschen, auf drei Bühnen eine gute Vorstellung abliefern: im Umgang mit der Welt (Schicksal), mit den Anderen und mit uns selbst. Das ist freilich keine leichte Aufgabe. Es bedarf einer kontinuierlichen Arbeit an sich selbst, um unser Leben in diesen drei Bereichen auf den „rechten Weg“ zu bringen. Mit Seneca: „Um richtig leben zu lernen, braucht es das ganze Leben“.

Fragen wir, was wir denn konkret tun sollen, um ein erfülltes und glückliches Leben zu führen, so fällt auf, dass die großen Denker und Weisen des Altertums in West und Ost unabhängig von Kultur und Zeit zu ähnlichen Ergebnissen kamen, auch wenn die Begründungen und Begriffe, die Art des Denkens und die metaphysische oder spirituelle Verankerung und Einbindung sehr unterschiedlich sind.

Ein wesentlicher Gedanke aller Weisheitslehren ist, dass Weisheit Wissen und Können ist. Wer die Erkenntnisse zur praktischen Lebensbewältigung verinnerlichen will, muss sie konsequent einüben. Erst dadurch wird die gewonnene Einsicht zu einem Teil von uns und ist uns „zur Hand“, wenn wir sie brauchen.

Einer der „Sieben Weisen“ im alten Griechenland bringt es auf die knappe Formel: „Alles ist Übung/Gewohnheit.“ Bei Konfuzius heißt es: „Etwas lernen und sich immer wieder darin üben, führt das nicht zum Glück?“ Aber gerade das fällt vielen Menschen sehr schwer: die Umsetzung einer Einsicht in eine feste Lebenspraxis, eine Gewohnheit, eine innere Haltung.

Gewohnheitsmuster zu verändern bedarf der Übung

Warum ist das so? Weil wir im täglichen Leben weniger durch unsere Vernunft gesteuert werden, als durch verinnerlichten Denk-, Verhaltens-, Werte- und Wollensmuster. Wir sind, was wir tun, denken und wollen, heißt es in den Upanishaden. Wir sind unsere Gewohnheiten. Wenn wir unsere Gewohnheiten nicht ändern, ändert sich nichts. Das aber ist schwer, denn es verlangt Entschlossenheit, Konsequenz und Beharrlichkeit.

Nur durch längeres Einüben entstehen neue Gewohnheiten. Nur so ändern wir – neurologisch gesprochen – die synaptischen Verbindungen, „überschreiben“ die im Gehirn eingeprägten Muster und transformieren unsere Persönlichkeit. Die dazu erforderliche Selbstdisziplin bringen viele nicht auf. Deshalb ermahnte uns Sokrates, zunächst die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und Selbststeuerung einzuüben und zu stärken.

Was brauchen wir für ein gutes Leben? Materiell wenig, da waren sich die Weisen in Ost und West einig. Glück und Unglück liegen in der eigenen Seele, nicht im Besitz, Ansehen oder Macht. „Das beste Haus ist das, welches die geringste Einrichtung braucht”, sagte ein indischer Yogi zur Zeit Alexanders des Großen. Aristoteles war im Grundsatz der gleichen Meinung und meinte, der Besitz sei oft eher ein Hindernis als ein Vorteil auf dem Weg zum Glück.

Seelisch-spirituell brauchen wir vor allem “Weisheit”. Auch das war allgemeiner Konsens. Wir müssen Unwissenheit, falsche Vorstellungen, leidvolle Gedanken, zügellose Affekte und Ängste überwinden und uns von negativen Prägungen befreien, seien sie pränataler, frühkindlicher, gesellschaftlicher oder sonstiger Natur. Wir müssen die Masken des Egos durchschneiden” und zu unserem Selbst” vorstoßen, zum Kern unserer Persönlichkeit, zu unseren eigentlichen Bedürfnissen, zu unserer Mitte.

Weisheit im Alltag

Was wir darüber hinaus brauchen, ist ein guter Lehrer, eine Lehrein, ein Vorbild (lebendig oder tot), , ein Meister, eine Meisterin, einen Coach oder guten Freund. Aus diesem Gedanken heraus entstanden in der Antike die philosophischen Schulen, die häufig Lebensgemeinschaften waren.

Ohne ein Vorbild, ohne eine therapeutische Allianz” finden nur wenige Menschen die Kraft, ihr Leben nachhaltig zu verändern. Deshalb lege ich in meiner philosophischen Schule großen Wert auf langfristige persönliche Beziehungen. Einmaliger, punktueller Unterricht kann allenfalls ein erster Anstoß sein.

Was ist konkret zu tun, um den Schatz an überliefertem Weisheitswissen in unser Leben einzubauen und zu nutzen? Zunächst müssen wir verstehen. Die Einsicht ist das nachhaltigste Fundament jeder persönlichen Weiterentwicklung. Ferner müssen wir die Einsicht so verinnerlichen, dass sie „aufpoppt“, wenn wir sie brauchen.

Einige Beispiele: Um mit unseren Mitmenschen Frieden zu schließen und die „Krankheiten“ Zorn, Wut, Hass und Ärger zu überwinden, hilft es zu verstehen, dass Fehler oder Bösartigkeiten anderer Menschen nur Ausdruck eines ungelösten seelischen Problems, ihrer Unwissenheit oder Unreife sind.

Wir sollten uns nicht anmaßen, über Andere zu urteilen. Wir sollten die Betroffenheit unseres „Egos“ als leere Eitelkeit entlarven und daran denken, dass auch wir nicht fehlerlos sind und schon ähnliche Torheiten begangen haben. Es ist hilfreich, den Menschen von seinen Taten zu trennen und in dem Anderen einen hilfebedürftigen Menschen zu sehen. Trainieren wir ein solches Denken, so wird der Ärger über Andere irgendwann verschwinden.

Die Angst vor dem Tod zu überwinden, kann dabei helfen, auch andere Ängste abzubauen, weniger in der Zukunft zu leben und sich mehr am Hier und Jetzt zu erfreuen. Wir sollten den Tod als etwas Natürliches begreifen, uns „im Sterben üben“ (Epikur) und den Tod zu unserem Freund machen: „Das ich dich liebe, mein Leben, das verdanke ich dem Tod“ (Seneca).

Wenn wir Verluste fürchten, können wir uns klar machen, dass alles nur „geliehen“ und vergänglich ist, dass Besitz, Arbeitsplatz, gesicherte Stellung, Freunde, Partner schon verloren werden kann. Wir sollten ständig daran arbeiten, uns innerlich an nichts so stark zu binden („anzuhaften“), dass uns sein Verlust aus der Bahn wirft: „Das Werden und Vergehen wählt der, der dieses Leben wählt“ (Platon). Wir sollten uns darin üben, das, was wir nicht ändern können, duldsam und gelassen zu ertragen.

Vor Jahren stieß ich auf den Ausspruch „Achtsam zuhören und nicht viel reden“ (Kleobulos, einer der „Sieben Weisen“). Seitdem übe ich mich darin, weniger von mir zu reden und mehr Aufmerksamkeit meinem Gegenüber zu widmen. Das ist viel interessanter, als sich selbst zuzuhören.

Weisheit und ihre Umsetzung ist kein einfaches Unterfangen. Ich kann aber versichern, dass ich vieles selbst ausprobiert habe und es weiter tue, weil es mein Leben bereichert. Es hat meine Freude erhöht und mein Leiden vermindert.

Der Philosoph Dr. Albert Kitzler ist Gründer und Leiter von „Maß und Mitte – Schule für antike Lebensweisheit“. Er veranstaltet Matineen, Seminare und philosophische Urlaube zu Fragen der Lebensführung und berät Organisationen und Einzelpersonen. Über einen kostenlosen Newsletter versendet er jeden Morgen kommentierte „Worte der Weisheit“. Buchveröffentlichungen: „Wie lebe ich ein gutes Leben?“ (2014), „Philosophie to go“ (2015), „Denken heilt! Philosophie für ein gesundes Leben“ (2016), „Leben lernen – ein Leben lang“ (Oktober 2017). Mehr Infos unter: www.massundmitte.de.