Was ist Wahrheit?

sl photography/ shutterstock
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Ein pluralistischer Zugang zum Wahren

In Zeiten von Fake News ist es gut, einmal gründlich über das Thema Wahrheit nachzudenken. Der Philosoph Peter Vollbrecht gibt einen Überblick: von naturwissenschaftlicher Erkenntnis-Wahrheit über existenzielle Sinn-Wahrheiten bis hin zu den politischen Kämpfen um Wahrheit heute. Ohne Wahrheit gibt es keine Orientierung in der Welt.

 

Wahrheit bildet den tragenden Grund des menschlichen Zusammenlebens. Ohne sie gäbe es keine Verlässlichkeit, keine Ideale, keine wissenschaftliche Forschung, kurzum: keine Orientierung in der Welt.

 

Was ist Wahrheit? Darüber lässt sich trefflich und endlos streiten. Gleichwohl – es gibt menschheitsgeschichtlich einen unbestreitbaren Nullpunkt, einen unspektakulären Anfang des Wahrheitsbegriffs. Damals, als ›Wahrheit‹ ein bleibender Eintrag in den menschlichen Vokabularen wurde.

Doch wann war das? Darüber lässt sich nur spekulieren. Ganz gewiss meinten die frühen Menschen mit ›wahr‹ oder ›unwahr‹ nicht die Dinge, sondern sie zertifizierten Aussagen über die Dinge, über ihre sozialen Beziehungen und über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse. Worum es dabei ging?

Im Einzelnen wissen wir es nicht, Überlieferung Fehlanzeige. Wir dürfen vermuten, dass sie mit ihren Wahrheitspraktiken ihre Erfahrungen festigen wollten, damit ihr Weltnetz um neue und belastbare Maschen reicher wurde.

Die Lernkurve der Menschheit bedurfte schon in ihren frühesten Tagen prüfender Prozeduren. Und wir dürfen weiter vermuten, dass auf diesem Entwicklungsweg die ›Wahrheit‹ zur wesentlichen Orientierungs-Koordinate im noch kleinen Diskursuniversum der Menschen wurde. Dort verhandelten die Menschen ihre Lebenswelten aus sozialen und ökonomischen Verbänden, aus Natur, aus sinnlicher und übersinnlicher Welt.

Der Zugang zum Wahren ist pluralistisch

Irgendwann kam dann die Stunde der Philosophen. Sie dachten darüber nach, was denn – bitteschön! – die Wahrheit sei, von der so oft die Rede ist. Sie suchten also die Wahrheit über die Wahrheit? Das geriet zum irrwitzigen Unterfangen.

Bei allen Unterschieden im Detail kam man zunächst noch darin überein, dass die Wahrheit die universale Währung alles Denkens und Handelns sei. Unkonvertierbar, die eine Wahrheit, einzig und unteilbar. Doch über die Wahrheit selbst zimmerten sie viele konträre Theorien. Damit ergaben sich mehrere Wahrheiten von der Wahrheit.

Eine philosophische Bruchlandung ist das nicht, denn pluralistisch ist allein der Zugang zum Wahren. Die Singularität der Wahrheit lässt sich auch bei vielen Wahrheitstheorien aufrechterhalten, wir Menschen verfügen nicht über einen alternativlos einzigen Königsweg zur Wahrheit.

Das Eingeständnis vieler Zugänge entlastete die Philosophen aber nicht von der Anstrengung, ihren Wahrheitsbegriff gegen die Konkurrenz zu verteidigen und zu stärken. So erfanden die Philosophen ganz neue Begriffe und Bilder, um sich der Wahrheit von der Wahrheit zu nähern.

Zu großer Berühmtheit hat es Platon mit seinem Höhlengleichnis gebracht, das die Wahrheit als den Aufstieg aus der Welt der Schatten zur Lichtgestalt der Ideen beschreibt. Aristoteles senkte das idealistische Niveau Platons wieder ab und richtete die Wahrheit an den Dingen aus: »Derjenige ist im Irrtum, der anders denkt als die Dinge sich verhalten.«

Von Thomas von Aquin ist schließlich die klassische Formel der sogenannten Korrespondenztheorie der Wahrheit überliefert: Wahrheit ist die Übereinstimmung von Sache und Erkenntnis – man erkannt, was ist: »adaequatio rei et intellectus« Das klingt handfest und plausibel, und zudem holt es uns beim common sense ab. Ist damit nicht alles gesagt, hätte man es damit nicht bewenden lassen können?

Nein. Denn offenkundig verlangt die Aquinatische Formel Aufklärung über die beiden Schlüsselbegriffe ›Übereinstimmung‹ und ›Sache‹. Wie stellen wir denn fest, dass unser Urteil mit den Sachen übereinstimmt?

Was, wenn wir uns nicht auf empirische Fakten beziehen können?

Bei Tatsachen mag die Sache überprüfbar sein, aber bei Phänomenen des gesellschaftlichen und individuellen Lebens nicht, denn Begriffe wie ›Freiheit‹, ›Seele‹, ›Würde‹ oder ›Gerechtigkeit‹ sind ja Konstrukte unseres Intellekts.

Hier bezieht sich unser Intellekt nicht auf empirische Fakten, sondern er kommuniziert gleichsam mit sich selbst. Nein, mehr noch, denn sein Selbstgespräch zapft historisches, gesellschaftliches, kulturelles Wissen an, das in den Traditionen abgespeichert ist.

Die ›Übereinstimmung mit den Sachen‹ bauscht sich folglich auf im Wind vieler kultureller Narrative. Und was dort alles die Strippen zieht im Hintergrund: Gefühle und Evidenzen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Erfahrungen jedweder Art – kurzum der ganze Apparat einer ›weichen Software‹, mit der wir Welt erleben und verarbeiten, die uns Welt verstehen lässt.

Und wenn man sich philosophisch in diesen Wind stellt, dann wehen einem die vielleicht kreativsten wie kreatürlichsten Wahrheitskonzeptionen um die Ohren. Denn hier geht es um viele subjektive wie auch gesellschaftliche, historische, sprachliche und zivilisatorische Faktoren, die Mitspieler sind im Wahrheitsgeschehen.

Doch dazu später mehr, wir kehren noch einmal zu den Fakten zurück: Selbst in den Naturwissenschaften sind die Fakten nicht frei von Interpretationen, denn sie stecken dort in Modellen mit begrenzter Haltbarkeit: Kopernikus löste Ptolemäus ab und wurde seinerseits von den azentrischen Weltbildern gestürzt.

Wahrheit in den Naturwissenschaften

Aber zeigt nicht gerade der Fortschritt in den Wissenschaften, dass unsere Erkenntnisse immer besser mit den Sachen korrespondieren? Ist nicht der Erkenntniskurs der Wissenschaften eine Erfolgsgeschichte in Richtung Wahrheit? Kommen unsere naturwissenschaftlichen Theorien der Welt, so wie sie tatsächlich ist, nicht immer näher?

Eine große Plausibilität hat diese Auffassung meines Erachtens nach für die Physik und ihre Verwandtschaft aus Astronomie, Geologie, den Klimawissenschaften und der Meteorologie. Auch die Chemie und, etwas abgeschwächter, die Biologie können sich in korrespondenztheoretischen Fortschrittstakten wiegen.

Hier werden strenge Kausalketten mit ebenso strenger Mathematik abgeschritten. Experimente müssen wiederholbar und überprüfbar sein, was den steten Kontakt der Forschung zur Empirie vor Manipulationen schützt.

In den Naturwissenschaften nähern wir uns tatsächlich dem Betriebsgeheimnis der Natur an. Die Natur ›spricht‹ mathematisch, und seit Galilei ›liest‹ sie der forschende Mensch in mathematischer Formelsprache.

Selbst die postnewtonianische Physik darf das Fortschrittswort in den Mund nehmen, denn Relativitätstheorien und Quantenphysik funktionieren in technischen Apparaturen wie das GPS oder der Quantencomputer.

Existenzielle Sinn-Wahrheit

Ein ganz anderes Szenario aber zeigt sich in den Bereichen von Wirtschafts- und Gesellschaftstheorien, von Psychologie, Spiritualität und Ethik. Hier bekommen wir das, was Jürgen Habermas das »erkenntnisleitende Interesse« nannte, nicht aus den Modellen heraus.

Es ist die jeweilige Lebenswelt, die darüber befindet, was die Zeitgenossen als stimmig oder unstimmig empfinden. Heben wir sie mit dem Titel der ›existenziellen Wahrheit‹ von der naturwissenschaftlichen Wahrheit ab.

Hier geht es um die Ressource ›Sinn‹. Man schürft sie an mehreren Orten, und dort betört sie mit jeweils anderen Namen. Die ›Wahrhaftigkeit‹ findet man im inneren Leben, sie meint Rückgrat, Unbeugsamkeit, Transparenz und Authentizität.

Vielleicht kann man sich an keiner anderen Wahrheitsdimension so sehr berauschen wie an ihr. Zudem stehen viele historische Personen exemplarisch dafür ein: Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi, Nelson Mandela, Malala Yousafzai oder Thich Nhat Hanh, sie sind die Lichtgestalten der politischen und geschichtlichen Welt.

»Wenn sich die Wahrheit dem Menschen zeigt, dann kommt sie im Gewande der Gewaltlosigkeit«, so pointierte Gandhi die Grundhaltung der ›Satyagraha‹, des unbeirrten Festhaltens an der Wahrheit. Was die existenzielle Wahrheit so überzeugend, ja mitreißend macht, sind weniger ihre Lehren als ihre Taten. Die existenzielle Wahrheit setzt höchste Ansprüche ganz einfach deshalb, weil sie die strikte Übereinstimmung von Denken und Handelns einfordert.

Streit um die Wahrheit

Leider gibt es im Reich der existenziellen Wahrheit hörbar Streit, nicht nur bei den religiösen Weltanschauungen, sondern auch im philosophischen Lager.

Auch dort geht es, wie überall, durchaus um Hackordnungen, um Narzissmen, Einfluss und Macht. Eine Gesellschaft mit ausgeprägt medialer Aufmerksamkeits-Ökonomie wie die unsrige verführt die Vernunft zu geltungsfiebrigen Auftritten vor Mikrophon und Kamera.

Doch das bleibt immer noch vergleichsweise sachlich und nüchtern. Dagegen hat die zivilgesellschaftliche Erregungskultur, wie sie in den Medien ausgetragen wird, richtig hohe Temperatur. Wie schnell gilt da jemand als Rassistin oder als ignoranter Cisgender.

Nun sind Auseinandersetzungen, ja sogar Kontroversen und Streit die Elixiere der Philosophie. Ein Dauerbrenner im Wahrheitsdiskurs ist dabei die Frage, ob die Wahrheit absolut oder relativ ist. Ob es nur die eine Wahrheit gibt oder deren viele.

Ich persönlich halte nicht viel von dieser Alternative. Sie spitzt das breite und weite Feld von Wahrheitsansprüchen und Wahrheitspraktiken auf eine Gretchenfrage zu, die mir wie eine säkularisierte Frage nach der Existenz eines Gottes vorkommt. Ich denke, philosophisch kann man gut ohne diese Frage leben.

Wahrheit und das bessere Leben

Es scheint mir innovativer, wahrheitstheoretisch über Gestalt und Umfang dessen nachzudenken, was ich die ›weiche Software‹ nennen möchte. Hier kommen die subjektiven, aber auch die gesellschaftlichen wie historischen Faktoren zur Sprache, die ebenfalls Wahrheit ›machen‹.

Weshalb erscheinen uns bestimmte sexuelle Orientierungen wie etwa Homosexualität oder Transsexualität, die vor einem Jahrhundert noch als ›naturwidrig‹ galten, heute für akzeptabel und gleichrangig? Was hat uns da die Augen geöffnet?

Die Antwort des amerikanischen Pragmatismus lautet: Weil wir mit dem, was wir heute für wahr halten, besser geführt werden: »Als annehmbare Wahrheit gilt […] einzig und allein das, was uns am besten führt.« (William James).

Damit ist die klassische Korrespondenztheorie der Wahrheit nicht abgeräumt, sondern auf findige Weise erweitert. Denn nun erst nimmt die Suche nach Wahrheit auch die Lebenswelt der Menschen in den Blick. Sie fragt: In welcher Weise lassen uns wahre Überzeugungen besser leben als irrige?

Und die Antwort: Sie lassen uns mehr Verbindungen des Weltnetzes sehen. Sie erweitern unser Leben. Richard Rorty, ein Vertreter der gegenwärtigen Strömung des Pragmatismus, regt an, »Metaphern der Erweiterung unserer selbst zu verwenden, Metaphern, die davon handeln, wie wir uns selbst fähiger und besser machen«.

Der fähigere und bessere Mensch wird eine freiere und gerechtere Gemeinschaft realisieren: Das ist eherner liberalistischer Glaubensbestand. Einige Etagen tiefer im gesellschaftlichen Haus geht es sehr viel primitiver zu. Da werden wichtige Ecksteine im Gebälk ausgetauscht mit sog. alternativen Fakten.

Wahrheit und “alternative Fakten”

Faktfälschungen hat es in der Geschichte wohl immer schon gegeben. Man denke nur an das, was Antisemiten den Juden im Laufe der Geschichte alles angedichtet haben: Gottesmörder, Brunnenvergifter, Weltverschwörer. Für den Ausbau politischer Macht ist es vielversprechend, die Wahrheit zu kapern und unter Deutungshoheit zu bringen.

Die heutige hypermediale Welt bietet den Emporkömmlingen der Macht ganz neue Möglichkeiten, Wirklichkeiten zu erfinden und Wahrheiten zu erschwindeln. »Alternative Fakten« werden unbeirrt von korrigierenden Faktenchecks wiederholt bis der Punkt erreicht ist, wo sie durch die suggestive Macht der Wiederholungen zu neuer, wirkender Wirklichkeit werden.

Faktfälschungen, das war gestern – alternative Fakten einer alternativen Wirklichkeit, das ist das unheilvolle Projekt heute. Eine komplette Realität gilt es nun neu zu erfinden. Dabei gibt Donald Trump den Meister und liefert mit der Mär von der gestohlenen Wahl sein Glanzstück ab.

Welche konstitutive Rolle die sozialen Medien im manipulativen Geschehen spielen, wurde offenkundig, als Twitter, Facebook und Instagram den Ex-Präsidenten sperrte. Denn auf den sozialen Plattformen gefallen sich die User in einer neuen Rolle: Sie sind nicht nur Rezipienten von Informationen, sondern durch das Weitergeben von ›fake news‹ werden sie zu Akteuren neuer Wirklichkeiten und Wahrheiten. Alternative Fakten wirken wie eine Einladung an das Prekariat, endlich einmal Subjekt der Geschichte sein zu können und das Kapitol zu stürmen.

Alternative Fakten deuten Unwahrheiten zu Wahrheiten um. Damit halten sie – wenn auch ex negtivo – immer noch einen Kontakt zur der Wahrheit. Zwar sind sie durch einen Faktencheck als Lüge zu entlarven, doch das nimmt ihnen nicht ihre politische Wucht.

Wirkungsvoll lässt sich nur in offensiver Weise gegen ›fake news‹ agieren. Eine demokratische Gesellschaft verfügt dazu über viele Akteure: die Qualitätsmedien, die Wissenschaften und die ganze Bandbreite von Institutionen und Verbänden, in denen eine offene Gesellschaft ihre Wege vom Wissen zum Handeln regelt.

Es gilt, diese Kräfte zu mobilisieren, um den gesellschaftlich nötigen Konsens von Wahrnehmungen und Einsichten zu sichern. Dazu benötigen wir auch ein farbiges, ansprechendes Vokabular, um die Wahrheitsbotschaften transportieren zu können.

Der Sinn von Politik ist Freiheit, das war die Überzeugung von Hannah Arendt gewesen. Heute müssen wir dem einen zweiten Satz zur Seite stellen: Freiheitliche Politik geht den Weg von der Wahrheit zur Wirklichkeit.

Peter Vollbrecht, nach dem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft DAAD-Lektor an der University of Delhi. 1997 Gründung des ‚Philosophischen Forums Esslingen‘, seitdem philosophische Reisen in Europa und Südasien, Kooperation mit „Die Zeit“ seit 2006. 2017 erschien sein philosophischer Roman „Ich allein bin wirklich. Die Philosophie und das launige Leben“ bei Klöpfer & Meyer. Das philosophische Programm auf www.philosophisches-forum.de

 

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