Persönliche Erfahrungen mit Krisen
Im Zweifel für die Unsicherheit, das war schon früh die Devise von Michaela Doepke, die Ethik heute mitgegründet hat. Sie schreibt in einem sehr persönlichen Bericht, wie sie Scheidung und Existenzsorgen meisterte und Vertrauen in das Leben entwickelte. Soziale Netze und Meditation helfen ihr, mit allem, was kommt, gut umzugehen.
Seit dem Ausbruch des Corona-Virus frage ich mich verwundert: Warum fühle ich mich im Vergleich zu meiner Umgebung so ruhig, so sicher und stabil? Um mich herum grassiert die Angst. Das Reptiliengehirn schlägt Alarm: Unsicherheit kippt oftmals in Angst um. Dann setzt schnell der Verstand aus. Angst verengt den Blickwinkel und führt zu irrationalen Handlungen. Daher ist es gerade in kritischen Zeiten wichtig zu lernen, Unsicherheiten auszuhalten und nicht kopflos zu agieren.
Ich kann ein Lied davon singen. Existenzängste und existenzielle Unsicherheit waren in der Vergangenheit meine treuen Begleiterinnen. Oft blieb mir nichts anderes übrig, als mich damit anzufreunden und mit ihnen zu leben. Kampf, Flucht und Starre, unsere normalen Reaktionsweisen, haben auf Dauer nicht funktioniert.
Nach einer leidvollen Trennung mit einer nervenzehrenden Scheidung nach 35-jähriger Beziehung und 25 Jahren Ehe, musste ich lernen, auf eigenen Füßen zu stehen und mich finanziell unabhängig machen. Das war nicht einfach als Alleinerziehende mit zwei kleinen von vier Kindern, die heute alle erwachsen sind.
Dazu kam, dass ich mir immer treu geblieben bin und fast trotzig stets den schwierigeren Weg im Leben gewählt habe. Ich habe mich trotz einer sicheren Existenz von meinem Mann getrennt, weil ich mich in der Ehe mit der Zeit schlecht fühlte. Ich dachte, jetzt winkt die Freiheit. Aber meine Freiheit bestand vor allem darin, so viel zu arbeiten wie ich konnte.
Trotz Warnung meiner Freunde, die fassungslos den Kopf schüttelten, habe ich vor acht Jahren dann auch meinen sicheren Job als Chefredakteurin einer Zeitschrift gekündigt, weil ich inhaltlich nicht mehr dazu stehen konnte.
Letztendlich habe ich mich im Zweifel immer für die Unsicherheit entschieden statt für eine vermeintliche Sicherheit. Aber ich habe es nie bereut. Von klein auf habe ich immer ein Gefühl von großer innerer Stärke in mir gespürt, das mich getragen hat.
Die beste Altersvorsorge ist ein Netz von Beziehungen
Fortan wählte ich also das Los einer Selbständigen mit vielen Existenzsorgen, von Aufträgen abhängig, wöchentlich der ängstliche Blick auf das Konto, immer die Frage, kann ich die Miete noch zahlen? Ein Leben im Mangel und, auch mit Blick auf die Kinder, oft an der Grenze des Belastbaren.
Irgendwann waren die Existenzängste so überwältigend und ich vom Kämpfen so müde, dass ich beschlossen habe, mich auf meine inneren Werte zu besinnen und nicht mehr auf äußere Werte, auf Materielles, Kontostände, Auftragslage zu setzen. Plötzlich wurde mir klar, dass ich die Sicherheit, die ich bisher im Äußeren, im Finanziellen gesucht hatte, dort niemals finden kann.
Was trägt und mir heute wirklich Sicherheit vermittelt, ist das Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten und das Vertrauen, dass in Notsituationen immer Menschen da sind, die mir helfen. Auch in Krisenzeiten hilft Geld nicht, sondern nur die Verbundenheit und Solidarität und ein Netzwerk mit anderen Menschen.
Da fällt mir ein, wie eine Freundin mir erzählt hat, was ein Banker ihr geraten hat in Bezug auf Alterssicherung: „Das Beste, was Sie für die Altersvorsorge machen können, ist ein gutes Netzwerk an Beziehungen aufzubauen.“ Sie staunte nicht schlecht.
Wenn einem im Leben der Teppich unter den Füßen wegzurutschen droht, finde ich es wichtig, Vertrauen in ein höheres Ganzes zu entwickeln, was trägt. Meine verstorbene Freundin Irmtraut Wäger, die für ihr Engagement für hilfsbedürftige Exil-Tibeter das Bundesverdienstkreuz erhalten hat, hat mich in Krisen immer ermutigt. Sie sagte: „Michaela, vertrau auf deinen Weg. Wo Vertrauen ist, hat die Angst keinen Platz.“
Innere Stärke in unsicheren Zeiten
Heute kann ich Situationen von Ungewissheit und Nicht-Wissen aushalten und erlebe sie sogar mit freudiger Spannung, da sie zum kreativen Denken und Neuorganisation anregen.
Was aber gab mir die Kraft und Stärke, den Kopf über Wasser zu halten und mit der Unsicherheit zu leben? Mit tiefer Dankbarkeit und Freude betrachte ich es als großes Geschenk, dass ich schon vor über dreißig Jahren in der Meditation zu Hause bin, heute sogar als Meditationslehrerin wirke. Die tägliche Meditation ist mein Anker und meine Kraftquelle im Leben.
Viele Leserinnen und Leser werden an dieser Stelle einwenden: Wenn sie schon so lang meditiert, sollte sie doch keine Angst mehr haben! Natürlich habe ich auch noch Angst, auch Gefühle von Wut und Trauer. Diese Gefühle gehören zum Menschsein.
Aber ich weiß heute aus Erfahrung, wie ich bewusst damit umgehen kann. Jon Kabat-Zinn, der Begründer der Achtsamkeitsbewegung, den ich sehr schätze, sagt oft: „Du kannst die Wellen von Gedanken und Gefühlen nicht stoppen, aber du kannst lernen, sie zu reiten.“
Als Journalistin hatte und habe ich das große Glück, vielen berühmten Weisheitslehrern und Wissenschaftlern persönlich zu begegnen. Diese waren und sind meine Vorbilder, besonders in Krisenzeiten.
Wir werden alle sterben
Unsere Öffentlichkeit hat Alter, Krankheit und Tod in Krankenhäuser und Altenheime verbannt und tabuisiert. Achtsamkeit ist die Betrachtung der Realität, und die ist: Wir werden alle sterben. Seit ich das tief erfahren habe, weiß ich, dass wir alle verletzlich und abhängig voneinander, Brüder und Schwestern auf diesem Planeten sind.
Seither fühle ich eine tiefe Verbundenheit mit der Menschenfamilie, kann Mitgefühl und Liebe entwickeln. Beim Umgang mit schwierigen Gefühlen hilft kein Ablehnen, kein Verdrängen, sondern nur freundliche Zuwendung und Hinwendung.
Wir können das Leben nicht kontrollieren. Wer die eigene Vergänglichkeit tief im Inneren geschaut hat, der weiß, dass es nichts gibt, woran wir uns festhalten können. Diese Praxis muss aber jeder selbst in der Meditation oder im Leben erfahren. Bücherwissen hilft da nicht.
Positive Geisteshaltung trainieren
Da wir Menschen eine ausgeprägte Negativitätstendenz haben, ist mir auch bewusst, dass es notwendig ist, täglich eine positive Geisteshaltung zu trainieren. Die habe ich mir von dem großen Weisheitslehrer Dalai Lama abgeschaut. Ich hatte das große Glück, dieser beeindruckenden Persönlichkeit, die mein Leben tiefgreifend verändert hat, in der Vergangenheit jedes Jahr auf Pressekonferenzen und in Vorträgen erleben zu dürfen.
Jeden Morgen fasst er den Entschluss, eine positive Geisteshaltung zu kultivieren, egal was passiert. Das erhält seinen inneren Frieden. Jeden Abend überprüft er, ob er sein Versprechen an diesem Tag gehalten hat.
Und zum Schluss zur Ermutigung eine kleine Weisheitsgeschichte: Einmal wurde eine alte Indianerin gefragt, wie sie so weise und gelassen geworden sei. Sie antwortete: „Ich habe zwei Wölfe in meiner Brust. Der eine ist der Wolf des Hasses und der andere der Wolf der Liebe. Es kommt darauf an, welchen Wolf in mir ich an jedem Tag füttere.“
Wir haben also immer die Wahl, welchen Wolf wir heute füttern und wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten, ob wir destruktive Gedanken kultivieren oder heilsame. Es ist unsere Entscheidung, ob wir die Krise als Chance sehen oder uns von Angst und Unsicherheit überwältigen lassen.
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