Interview mit Theaterregisseurin und Zen-Priesterin MyoE Doris Harder

Doris Harder inszenierte im Sommer 2021 den „Jedermann“ im Burghof der Festung Hohensalzburg. Wir können die Welt verändern, weil wir kreative Kräfte haben, ist sie überzeugt.  Wie sie Kunst, Spiritualität und politisches Denken verbindet, erzählt sie im Interview.

 

 

 

Das Gespräch führte Michaela Doepke

Frage: Sie haben Regie am bekannten Max-Reinhardt-Seminar in Wien studiert. Was macht Ihnen Freude an Ihrem Beruf als Theaterregisseurin?

Harder: Das Prozesshafte und das Arbeiten mit vielen Menschen bereitet mir große Freude. Der kreative und spielerische Umgang mit Menschen belebt mich. Das gibt mir Energie.

Derzeit inszenieren Sie den Jedermann nach Hugo von Hoffmannsthal. Was ist das Besondere an Ihrer neuen Inszenierung?

Harder: Es ist nicht die große Inszenierung vor dem Dom. Es ist eine alternative Inszenierung auf der Festung Hohensalzburg.  „Jedermann“ behandelt die großen Themen Tod und Sterben.

Probenfotos vom “Jedermann” 2018, Albert Moser

Es gibt in unserem Stück keinen strafenden Gott und keinen Glauben. Der Tod kommt in unser Leben und wir wissen nicht, ob von einem Gott geschickt oder nicht. Das Aufzeigen des Sterbeprozesses war mir sehr wichtig und dass alle Menschen, egal ob sie religiös geprägt sind oder nicht, damit etwas anfangen können, weil das Thema Sterben uns alle ausnahmslos angeht. Und dabei war es mir auch wichtig, trotz allem Humor zu zeigen.

Die Theater-Gruppe wollte etwas, was auch säkulare Menschen anspricht, und hat mich engagiert, um das Stück, das bereits seit Jahren aufgeführt wird, neu zu inszenieren. Und jetzt habe ich also den Auftrag, dieses Säkulare hineinzubringen oder die Sicht auf den Tod und das herauszukitzeln, wie wir heute draufschauen.

Foto: Albert Moser

Sie haben viele Jahre in buddhistischen Klöstern verbracht, davon allein neun Jahre am San Francisco Zen-Center in den USA. Was hat Sie dort angezogen?

Harder: Angezogen haben mich vor allem die Menschen. Menschen, die etwas leben, was mich interessiert und inspiriert. Und das war so im Österreichischen im Haus der Stille-Puregg. Hier war es damals Vanja Palmers, der dort ein Meditationszentrum gebaut und mich sehr beeindruckt hat durch seine Stille, durch seine Art. Damals hatte ich aber gar keine Worte dafür. Und auch in San Francisco waren es als erstes die Menschen. Als zweites vielleicht die Natur, denn Klöster sind ja auch oft an wunderschönen Plätzen gelegen. Ich habe so mit Anfang 40 nach 18 Jahren intensivster Theaterzeit gemerkt, dass ich einen Teil meines Lebens noch nicht gelebt hatte, zum Beispiel die Stille.

Ich glaube, es gibt einen Weg, der spirituell ist und nicht religiös sein muss.

Sie lehren heute als ordinierte Zen-Priesterin auf einem säkularen Weg: keine Robe, kein kahlrasierter Kopf. Wie kommt das?

Ich unterrichte hauptsächlich informell und im säkularen Rahmen, z. B. bei Vorträgen für Firmen oder in Yogazentren, aber wenn ich in Klöster und Zentren gehe, trage ich die Robe und lebe das, was das jeweilige Kloster vorgibt an Formen und Ritualen.

Als ich aus dem buddhistischen Kloster von USA nach Österreich zurückkam, – es waren die Zeiten der zahlreichen Austritte aus der katholischen Kirche – hatte ich den Eindruck, dass die Menschen nicht gleich wieder eine andere Religion wollten wie z. B. den Buddhismus. Aber sie hungerten nach Weisheit und Wissen.

Mein Anspruch ist: Ich möchte gerne viele Menschen erreichen und  bin offen für andere spirituelle Wege. Ich glaube, dass es einen Weg zu leben gibt, der spirituell ist und nicht religiös sein muss. Also keine Institution, die einen Namen haben muss.“

Wie ist ihr Blick auf die globale Welt aus Ihrer Warte als Weisheitslehrerin? Was hilft uns modernen Menschen in diesen herausfordernden Zeiten von Pandemie und zunehmender Unsicherheit?

Harder: Ich selbst sehe die Welt immer noch sehr positiv. Aber ich weiß, dass ich Menschen manchmal erschrecke oder vor den Kopf stoße, wenn ich das sage. Sie ist für mich nie böse oder schlecht, auch die Menschen sind nie böse oder schlecht.

Mit positiv meine ich nicht, dass alles gut ist im konventionellen Sinn, sondern es ist einfach alles wie es ist. Wichtig ist mir, mit Gleichmut, Weisheit und Interesse auf die Dinge zu schauen und  von diesem Ort der Mitte und Stille in der Welt zu wirken. Und das ist für mich, wie Sie eben sagten, die Weisheit oder die Weisheitslehre des Buddhismus oder das, was ich versuche, weiterzugeben.“

Wenn wir auf den Mond fliegen, können wir auch acht Milliarden Menschen ernähren.

Wir sind fähig, unseren Blick auf die Welt zu ändern. Wir kennen alle den Ausspruch, das Glas ist halb voll oder halb leer, je nachdem wie wir uns entscheiden, es zu sehen. Und dass wir das können als Menschen, das ist doch klasse. Das ist kreativ. Wenn der menschliche Geist in der Lage ist, den Mond oder den Mars zu erkunden, sind wir auch fähig, acht Milliarden Menschen zu ernähren. Wir können das! Wir müssen uns nur dahin orientieren und es wollen. Es beginnt alles damit, neu zu denken. Es ist so viel möglich.

Foto: Joachim Krenn

Ich habe Freunde, die vor 30 Jahren Wirtschaft studiert haben. Da sehe ich manchmal, dass sie völlig in ihrem alten Denken verhaftet sind und überzeugt, dass bedingungsloses Grundeinkommen wirtschaftlich gar nicht umsetzbar ist. In der Corona-Zeit haben sie gesehen, was wirtschaftlich alles möglich ist, dass man nicht mehr fliegt, dass Geschäfte und Firmen zumachen u.s.w. Es ist so viel möglich.

Also diesen Satz „Es ist nicht möglich“ gibt es für mich gar nicht. Und deswegen ist es auch möglich, dass wir mit einem Geist auf die Welt schauen und noch das Gute und Schöne sehen, oder wenn es nicht gut und schön ist, dass es dennoch möglich ist, es zu verändern.

Wir sind den ganzen Tag schöpferisch unterwegs.

Was bedeutet Kreativität für Sie?

Harder: Schön, dass Sie noch auf das Thema kommen, denn Kunst ist nur ein Teil, wie sich Kreativität zeigt. Ich glaube, dass jeder Mensch ein Künstler, eine Künstlerin ist im Sinne von „kreativ sein“. Ich weiß, wir haben kreative Kräfte in uns, ob wir kochen, ob wir kreativ sind im Kleider nähen, wie wir mit unseren Kindern umgehen, Lösungen finden.

Wir sind kreativ. Wir sind den ganzen Tag schöpferisch unterwegs. Nur ist uns das nicht immer bewusst. Und die Welt zu verändern und schöner zu machen, das ist für mich möglich, weil wir kreative Kräfte sind, nicht nur haben. Also ich glaube, wir sind kreative Wesen.

Heute lehren Sie universelle Werte wie Achtsamkeit, Resilienz und  säkulare Ethik in Vorträgen, Leadership-Seminaren oder für auszubildende Yogalehrerinnen. Wie lautet Ihre Botschaft?

Harder: Ich bin so froh, dass Zen und der Buddhismus in mein Leben gekommen sind. Ich habe so viel gelernt, wie ich auf die Welt und auf mein Denken schauen und meine Gefühle wahrnehmen kann. Und jetzt ist das so sehr in mir drin, dass ich die buddhistische Terminologie gar nicht mehr benutzen muss.

Ich möchte diese Werte oder diese Methoden leben, weil ich sie selbst als heilsam erlebe und sie mir helfen durch diese Pandemie oder durch Krisen zu gehen. Das möchte ich weitergeben.

Im Buddhismus ist es die Sicht der Verbundenheit, dass wir alle als Gesellschaft verbunden sind, mit der Natur, den Tieren, voneinander abhängig, dass die Welt zwar leidhaft ist, aber es einen Weg heraus gibt. Wenn man das versteht und in das Leben integriert, fällt zum Beispiel die Angst vor dem Tod weg. Wenn ich mich mit Vergänglichkeit beschäftige und die Angst vor dem Tod verlieren kann, und die können wir verlieren, dann leben wir ganz anders.

Liebe und Mitgefühl sind Haltungen, keine Gefühle

Wenn ich noch mal auf das Theater schaue, ist es diese Freude und das Interesse, sich mit Kunst zu beschäftigen, die eine Message hat und uns herausfordert, abstrakt oder auf anderen Ebenen zu denken. Das ist zwar nicht einfach, aber es fordert uns heraus, die eigene Sichtweise zu verändern.

Weitergeben möchte ich auch Freude und dass wir auf unser Denken, unsere Geisteshaltung achten und dass Liebe und Mitgefühl keine Gefühle, sondern Haltungen sind. Wir können uns entscheiden, so zu leben.

Frau Harder, haben Sie zum Schluss noch einen Herzenswunsch, den Sie mit uns teilen möchten?

Harder: Mein Herzenswunsch für die gesamte Gesellschaft ist es, Weisheit und Mitgefühl zu leben. Und mein persönlicher Herzenswunsch ist – im Moment leben wir zu zweit – ein größeres säkulares Wohnprojekt mit mehr Menschen, wo ich weiterleben und vielleicht auch altern kann (lacht).

MyoE Doris Harder ist seit 35 Jahren Theatermacherin und seit 19 Jahren ordinierte Zen-Priesterin in der Linie von Kobun Otogawa Roshi und Shunryu Suzuki Roshi. Sie lebt in Wien und unterrichtet Achtsamkeit und Zen.

Hinweis: Die Jedermann-Inszenierung von Doris Harder hat am 25. Juli 2021 Premiere in Salzburg. www.jedermann-salzburg.com

Fotos: Probenfotos vom “Jedermann” 2018 auf der Festung” in Salzburg am 19.07.2018; Regie: Daniela Meschtscherjakov.
Copyright: Moser Albert, www.moser.zenfolio.com