Foto: Jens Nagels
Foto: Jens Nagels

„Wir brauchen einander“

 Der Dalai Lama fordert ein neues Denken

Der Dalai Lama erklärt, warum wir in der globalen Krise Dialoge und Solidarität brauchen. Er appelliert, Trennendes zu überwinden. Konzepte wie „meine Nation, meine Religion, meine Gemeinschaft“ seien überholt. Vielmehr gelte es, sich die Einheit der Menschen ins Bewusstsein zu rufen.

 

 

Viele Probleme, denen wir uns heute gegenübersehen, sind von Menschen gemacht. Wir sind sieben Milliarden Menschen, und jeder von uns braucht Freunde. Warum also bekämpfen und töten wir einander?

Es liegt daran, dass wir uns zu sehr auf die sekundären Unterschiede konzentrieren – die Nationalität, Hautfarbe, Religion, soziale Stellung, ob wir gebildet sind oder nicht. Auf Basis dieser Unterschiede teilen wir ein in „wir“ und „die anderen“. Das ist kurzsichtig und daraus entstehen Konflikte.

Das einzige Mittel dagegen ist, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und das Gemeinsame zu betonen: Wenn wir tiefer und grundsätzlicher schauen, können wir erkennen, dass wir Menschen körperlich, emotional und mental gleich sind. Wir wünschen Glück und kein Leiden und sind auf dieser fundamentalen Ebene gleich.

Sobald wir uns als Brüder und Schwestern sehen, gibt es keine Basis mehr, andere zu verletzen oder zu töten. Daher sollten wir ein Gefühl für die Einheit der Menschheit entwickeln und alle Menschen als Brüder und Schwestern ansehen. Auch die großen religiösen Traditionen lehren uns die Einheit aller Menschen – und das trotz der Unterschiede, etwa dass die einen an Gott glauben und andere nicht.

Wohlstand reicht nicht, um inneren Frieden hervorzubringen

Ich möchte Ihnen nun berichten, welche Ziele ich im Leben verfolge. Mein erstes Ziel ist, zu einer glücklicheren Menschheit beizutragen. Viele denken, dass Glück von Geld und Macht kommt. Wenn wir aber tiefer schauen, können wir erkennen, welche Rolle der Geist dabei spielt. Er ist maßgeblich für unser Wohlergehen.

Der Schlüssel zum Glück ist innerer Frieden. Wenn wir Kummer, Sorgen und Stress haben, bringen uns materielle Annehmlichkeiten kaum Erleichterung. Dagegen können wir körperliches Leiden gut ertragen, wenn wir innerlich ausgeglichen sind. Dies zeigt, wie wichtig die geistige Ebene ist. Wenn wir also ein glücklicher Mensch sein wollen, müssen wir mehr auf die inneren Werte achten.

Der moderne Lebensstil ist zu sehr am Materiellen ausgerichtet, das gilt übrigens auch für das Bildungssystem. Wohlstand und Erfolg reichen aber nicht, um inneren Frieden hervorzubringen. Daher möchte ich Menschen davon überzeugen, wie wichtig es ist, Warmherzigkeit zu kultivieren, wenn man glücklich sein möchte, und wie elementar ein gesunder Geist auch für körperliches Wohlbefinden ist.

Das gilt sowohl für religiöse als auch für nicht-religiöse Menschen. Entscheidend ist nicht, ob wir glauben oder nicht, sondern ob wir den Wert des Mitgefühls erkennen. Ich möchte also innere Werte vermitteln durch Bildung, Vernunft und Erkenntnisse aus Erfahrungen, nicht durch religiösen Glauben.

Wir können auch wissenschaftliche Forschung zu Hilfe nehmen. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Menschen durchaus mitfühlend sind und mit anderen kooperieren. Wäre der Mensch von Natur aus aggressiv und voller Hass, dann hätten wir keine Hoffnung, und alle Anstrengungen, Mitgefühl zu entwickeln, wären vergeblich.

Wenn aber die menschliche Natur mitfühlende Anteile hat, dann lohnt es sich, diese zu stärken. Ein wesentliches Ziel von Bildung sollte es sein, den Menschen zu vermitteln, wie man ein glücklicher Mensch, eine glückliche Familie, eine glückliche Gesellschaft wird, ja wie die sieben Milliarden Menschen glücklich sein können. So sehe ich meine erste Lebensaufgabe darin, Menschen die Bedeutung innerer Werte wie Mitgefühl, Vertrauen und Verbundenheit zu vermitteln.

Die Zukunft der Menschheit steht auf dem Spiel

Als zweites kümmere ich mich um die Harmonie unter den Religionen. Das Weltparlament der Religionen zum Beispiel ist eine wundervolle Einrichtung. Ich habe schon mehrmals an Veranstaltungen teilgenommen. Solche Initiativen sind wie Samen für eine gute Zukunft.

Ein weiterer Punkt, der mir am Herzen liegt, ist der Dialog. Wir Menschen sind mit einem wunderbaren Gehirn ausgestattet, das uns diese große Intelligenz ermöglicht. Daraus entstehen verschiedene Ideen, Interessen und Vorstellungen, die aber auch zu einer Quelle von Konflikten werden können. Das ist ganz normal. Solange es Menschen gibt, wird es Konflikte geben. Diese entstehen oftmals, wenn Intelligenz und zerstörerische Emotionen wie Wut und Rachsucht zusammen kommen.

Wenn wir unsere Intelligenz jedoch mit Mitgefühl verbinden und destruktiven Kräften Einhalt gebieten, können wir als Menschen grenzenloses Mitgefühl hervorbringen. Wir haben die Wahl, der Störenfried zu sein oder ein Mensch, der Harmonie und Frieden in die Welt bringt.

Wann immer es Interessenskonflikte gibt – seien es nationale, religiöse oder wie auch immer geartete -, sollten wir mehr global denken. Wir sind voneinander abhängig. Wir brauchen einander. Der Westen braucht den Osten, der Süden braucht den Norden. Und gerade auch die Umweltprobleme wie der Klimawandel überschreiten Grenzen. Daher ist jetzt die Zeit gekommen, zusammenzuarbeiten. Die Zukunft der Menschheit steht auf dem Spiel.

Die Interessen anderer anerkennen

In einer globalisierten Welt ist es nicht zeitgemäß, an Konzepten wie „meine Nation, meine Religion, meine Gemeinschaft“ zu hängen. Wir sollen uns stattdessen viel stärker die Einheit der Menschen ins Bewusstsein rufen. Das ist die Voraussetzung für einen echten Dialog. Dialog bedeutet, dass wir die Rechte und Interessen anderer anerkennen. Die anderen mögen andere Sichtweisen haben, aber sie sind immer noch unsere Brüder und Schwestern.

Das letzte Jahrhundert war eine Ära massiver Gewalt, auch in Europa. Die Gewalt geht auf all die Fehler zurück, die in der Vergangenheit gemacht wurden. Die Menschen setzten auf militärische Macht und nationale Interessen. Das ist altes Denken und total engstirnig und kurzsichtig.

Jetzt ist die Zeit für ein neues Denken. Wir sollten die ganze Menschheit im Blick haben und nach Lösungen suchen, die dem Wohl der vielen dienen. Dialog ist der Weg, das Wohlergehen anderer stärker zu berücksichtigen. Daher plädiere ich dafür, dieses Jahrhundert zu einem Jahrhundert des Dialogs zu machen. Dialog erfordert ein Gefühl der Solidarität mit allen Menschen.

Natürlich ist das nicht einfach, denn normalerweise sind wir kurzsichtig und im alten Denken gefangen. Wir sind ganz fixiert auf unsere eigenen Interessen. Um so verdienstvoller sind Initiativen wie die Europäische Union. Die Motivation hinter dem vereinten Europa ist es, die Interessen einer größeren Gemeinschaft vor die Interessen einzelner Mitglieder zu stellen, um dem großen Ganzen zu dienen.

Wenn Sie etwas von dem, was ich gesagt haben, sinnvoll finden, denken Sie bitte mehr darüber nach. Diskutieren Sie es mit Ihren Freunden. Auf diese Weise verbreiten sich solche Ideen. Das erreichen wir nicht, indem wir zu Jesus, Buddha oder Allah beten und von ihnen verlangen, dass sie unsere Probleme lösen.

Auszug aus dem Vortrag vom 12. Oktober 2016 in Bern, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Office of His Holiness the Dalai Lama in Dharamsala, übersetzt aus dem Englischen von Christof Spitz. Weitere Beiträge des Dalai Lama auf Ethik heute

Seit Frühjahr 2017 ist der Dalai Lama in sozialen Medien (deutschsprachig) zu finden:

https://www.facebook.com/DalaiLamaDE/

https://twitter.com/DalaiLamaDE

 

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