Ein Denkanstoß von Dirk Henn

Ein Schwarm Kiebitze vor seinem Fenster wies Dirk Henn in seiner Jugend den Weg zu einer tiefen Erkenntnis, dass wir so nicht weitermachen können. Seinen Impuls gibt er an uns weiter und ist überzeugt: Es ist an der Zeit, alles stehen und liegen zu lassen.

Wie gelähmt sitze ich vor meinem Schreibtisch und bringe es nicht fertig, meiner Arbeit weiter nachzugehen. Der Zustand ist nicht neu, ich kenne ihn seit meiner Jugend.

Es war dieser kleine Schwarm Kiebitze, der mir den Weg wies. Jedes Jahr versammelten sie sich vor dem Fenster meines Jugendzimmers, sie waren in Gefahr. Die “Flurbereinigung” hatte sie ihrer Heimat, den Hecken, Knicken und Brüchen beraubt. Straßen und das nahe Gewerbegebiet fraßen sich in die von Wildkräutern durchzogenen Felder und Wiesen, die unser Haus umgaben.

Ich konnte zusehen, wie der Schwarm von Jahr zu Jahr kleiner wurde – bis er schließlich verschwand. Es war die Zeit des Waldsterbens, und der Club of Rome hatte vor einigen Jahren seinen Bericht “Die Grenzen des Wachstums” veröffentlicht. Alles ergab einen Sinn, und zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich nicht mehr weiter.

Die Fassungslosigkeit jener Tage hat mich nie verlassen – und die Gewissheit, dass die Maßlosigkeit unserer täglichen Handlungen schwer wiegt. Seither begleitet mich diese tiefe Sehnsucht innezuhalten und einfach nicht mehr wie gewohnt weiter zu machen.

„Wir können eine Krise nicht bewältigen, wenn wir sie nicht wie eine Krise behandeln. Wir müssen die fossilen Brennstoffe im Boden lassen. Und wir müssen uns auf Gerechtigkeit fokussieren. Und wenn Lösungen in diesem System unmöglich zu finden sind, dann sollten wir das System selbst ändern.“

Niemand fasst derzeit das tief wurzelnde Dilemma unserer Lebenswirklichkeit in klarere Worte als Greta Thunberg. Unsere Kinder zeigen uns mit den Freitags-Demonstrationen den Weg: Es ist an der Zeit, endlich alles stehen und liegen zu lassen.

Innehalten wird von Tag zu Tag unvermeidlicher – und ich bin dankbar für jeden Moment, in dem wir daran erinnert werden.

 

Dirk Henn ist gelernter Journalist und Soziologe. Der Vater zweier erwachsener Söhne arbeitet als Vorstand einer kleinen Medienagentur in Freiburg. Er hat die Kampagne genug! – Es ist Zeit zu handeln ins Leben gerufen und betreibt den Blog 52wege.de.