Als der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss in Brasilien über eine Hochebene des Mato Grosso ritt, erfasste ihn plötzlich tiefes Heimweh. Fünf Jahre war er unterwegs gewesen. 1935 hatte er in Paris seine Universitätsausbildung abgebrochen, weil ihn das Fernweh gepackt hatte. Und nun ging ihm wochenlang eine Chopin-Etüde nicht mehr aus dem Kopf. Und mit der heimatlichen Melodie stellten sich ihm Fragen: »Wozu ist man hierhergekommen? Welcher Hoffnung? Zu welchem Zweck?«

Weshalb überhaupt reisen? Lévy-Strauss wollte die normale Bahn des Lebens sprengen, er suchte in den Wäldern und Steppen Brasiliens, wie er melancholisch schreibt, »die Überreste der Menschheit«. Und er fand die sterbenden Kulturen der Indianer. Oftmals nur dezimierte Stämme von dreißig bis fünfzig Mitgliedern, die sich in die weltabgewandten Winkel einer Natur kauerten, stumm ergeben in das unvermeidliche Aussterben ihrer Ethnie.

Zurück in Frankreich publizierte er die Traurigen Tropen, jenes ethnographische Meisterwerk, das in üppiger Regentropfen-Prosa die Blüten eines vergänglichen Lebens protokolliert. Reisen als Trauerarbeit, als schuldbeladene Anklage der expansiven Gier westlicher Zivilisationen. Reisen aber auch als Rückkehr zu sich selbst, zur eigenen Herkunft, zur französischen Landschaft, zu Chopin und Debussy.

Wie Reisen uns verändert

Es gibt Rückkehrer in heiterer Stimmung. Heute begegnet man ihnen in der Schlange beim Einchecken am Flughafen oder auf den Parkplätzen von Autoraststätten. In der Regel trägt man noch Shorts und ein leichtes T-Shirt, das den gebräunten Körper zur Geltung bringt, Trophäe der Tage am Strand. Vielleicht stemmen sich die Reisenden damit noch bis zur letzten Minute gegen die Rückkehr in den Alltag.

Man hat die Regel nicht gesprengt, aber doch unterbrochen für ein paar Wochen. Sehr oft, so scheint es, ist es gut gegangen. Man ist aufgeräumter als zuvor, sogar die kleinen Kinder quengeln weniger ob der Langeweile auf den hinteren Sitzen der Limousine. Und die Eltern bewegen sich in größerer Lässigkeit, auch wenn noch achthundert Kilometer zu fahren sind auf der stauträchtigen Strecke bis nach Hause.

Und dann die jungen Paare auf erstem gemeinsamem Trip. Die jugendlichen Gruppen, ein wenig verkatert, aber immer noch in verlängerter Partylaune. Die Senioren auf ihren Kulturreisen mit ihren großen Koffern oder nomadisch im Wohnmobil. Bahnhöfe, Flughäfen und Raststätten könnten die heutigen Orte ethnologischer Feldforschung sein. Sie versprechen größere Authentizität als die Bewertungen auf tripadvisor oder booking.com.

Denn alle bringen sie etwas mit nach Hause. Erlebnisse, das wäre vielleicht der größte gemeinsame Nenner für die Mitbringsel einer reisewütigen Gesellschaft. Dabei ist jedes Erlebnis doch so anders, alle inszenieren ein Fest der Pluralität. Ein bunter Flickenteppich zeigt sich dem Auge des feldforschenden Ethnologen. Es flimmert ihm beim Betrachten der Ethnie touristique. Und er greift sich einige Bilder heraus.

Da ist die Fernreisende, tief berührt ist sie noch von der Gastfreundschaft, die aus schlichten Lebensverhältnissen erwächst. Sie bringt Fragen mit nach Hause, alte und bekannte Fragen, aber nun, unter dem frischen Eindruck, schneiden sie tiefer ins eigene Dasein: Brauchen wir alle unsere Dinge? Was zählt wirklich?

Dann, dort drüben, das ältere Paar, sie haben sich in zweiter Lebenshälfte erst kennen gelernt, das sieht man ihrem Minenspiel an und auch ihrer Körpersprache. Sie haben die Bergwelt Südtirols still auf ihren Frieden wirken lassen, den sie mit dem Leben geschlossen haben, der Hunger auf Welt ist länger schon gestillt.

Ein starker Kontrast zum lauten Freundeskreis, der es in Slowenien all inclusive hat krachen lassen. Einmal im Jahr entkommen sie dem sozialen Erdgeschoß, die Männer mit aufgeschwemmten Bäuchen, die Frauen aufgeschirrt in grellen Blusen, die sich über ihre üppigen Brüste spannen.

Erlebnisse sind auch ins Smartphone gespeichert, unser Ethnologe hätte Mühe, sich in diesem Dschungel orientieren zu können. Denn hier gibt es alles noch einmal, ins Bild, in Myriaden von optisch verzerrten Selfies multipliziert, wo sich die Gesichter ins enge Display drängen und dem Betrachter ein Hallo zuwerfen, von vor Ort schon gepostet.

Erlebnisse verwehen schnell

Man war von unterwegs immer mal wieder auf Stippvisite zuhause. Facebook, Instagram und Whatsapp bieten die Technik dafür, sie verbinden Menschen, Erdenbürger, quer durch alle sozialen Schichten hindurch. Jeder ist mit einem einzigen Klick zugleich draußen und daheim. Oder auch: man nimmt die Freunde mit auf Reisen. Man bildet eine Ethnie touristique.

Die Rückkehrer früherer Zeiten, vortouristischer Zeiten, sie waren wirklich draußen gewesen, oft jahrelang. Claude Lévi-Strauss ergriff eine unfassbare Sentimentalität, wenn er durch Stadttore schritt. Welche Gefühle hatten die Briten zweihundert Jahre zuvor, als sie die dicke Mauer in Lahore/Pakistan durchquerten? War das damals nicht viel ‚echter‘? Was wurde zerstört in einem Jahrhundert kolonialer Herrschaft?

Abschiede auch das, Abschiede in historischer Dimension, schmerzlich, weil schuldbeladen mit einem Standpunkt ringend, Lévi-Strauss widmet ein volles Kapitel seiner Traurigen Tropen der Abschied nehmenden Rückkehr. Er hatte ja auch Zeit. Zugegeben: die Dimensionen waren andere, die Reisen auch. Der Extrakt aber zählt auch heute noch, die Erfahrungen mit sich und mit den fremden Anderen, davon etwas Heim zu bringen, daran bemisst sich auch der heutige Sinn des Reisens.

Erlebnisse verwehen, wenn sie nicht zu Erfahrungen werden konnten. Manchmal sind sie Spätreifer, sie liegen zuhause herum wie eine harte Avocado. Und irgendwann – sind sie soweit.

Peter Vollbrecht

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Peter Vollbrecht, nach dem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft DAAD-Lektor an der University of Delhi. 1997 Gründung des ‚Philosophischen Forums Esslingen‘, seitdem philosophische Reisen in Europa und Südasien, Kooperation mit „Die Zeit“ seit 2006. 2017 erschien sein philosophischer Roman „Ich allein bin wirklich. Die Philosophie und das launige Leben“ bei Klöpfer&Meyer. Das philosophische Programm auf www.philosophisches-forum.de, philosophische Kolumnen auf www.philosophiekolumne.com