Kirsten Baumbusch in Peru

Auszeit – ohne Netz und doppelten Boden

Kirsten Baumbusch über ein Jahr der Veränderung

Kirsten Baumbusch hat den Sprung gewagt: Im Januar 2015 ging sie für ein Jahr ins Sabbatical nach Peru, um in einem peruanischen Kinderheim zu arbeiten. In ihren Beitrag erzählt sie, wie sie mit sich selbst in Kontakt kam und die Angst vor Veränderungen überwand.

Da stehe ich nun auf dem schneebedeckten Vulkan Chachani in über 6000 Metern Höhe. Nicht nur vor Freude schnappe ich nach Luft und mein Herz rast. Der Ausblick ist atemberaubend, der nächtliche Aufstieg hat mir alles abverlangt und ich fühle mich leicht wie ein Schmetterling.

Vor dem letzten Viertel meines Sabbatjahres staune ich über mich selbst. Hinter mir liegen mehrere Monate als Freiwillige in einem Kinderheim und das Erlernen der spanischen Sprache, vor mir eine Meditation im Mondtempel von Cusco und eine sechswöchige Reise mit mir allein durch Bolivien, Argentinien und Uruguay.

Noch vor einem Jahr habe ich diese Frau, die sich entpuppt hat, nicht gekannt. Heute ist sie mir in ihrer Unbeschwertheit, in ihrer Offenheit und Gelassenheit vertraut wie eine alte Freundin. Ein weibliches Wesen, gerade 50 Jahre alt geworden, das ohne Netz und doppelten Boden unterwegs ist. Eine Frau, die weiß, dass Glück ohne Schmerz als Kontrast nicht vorstellbar ist – und sich dem auch bewusst aussetzt. Die manchmal einfach nur in der Sonne sitzt, diese auf der Haut spürt und gar nichts tut, außer die Gedanken und Gefühle schweifen zu lassen. Eine Frau, die begonnen hat, einen Kampfsport zu erlernen und einen Teil dieses Muts und des Vertrauens in sich selbst mit zurücknehmen wird in das „alte Leben“, das es so gar nicht mehr gibt.

Den schützenden Kokon verlassen

Was ist geschehen? Was hat diese Metamorphose ausgelöst? Dass mich die Auszeit nicht kalt lassen würde, war von Anfang an klar. Auto verschenkt, Wohnung aufgegeben, ein halbes Jahr vor dem Ablauf aus dem befristeten Arbeitsvertrag ausgestiegen (Bericht über die Vorbereitungen des Sabbaticals). Mit einem großen Tramper-Rucksack, einem Koffer und einem kleinen Laptop-Rucksack ging es los in ein Jahr voller Unsicherheiten. Der größte Akt der Klugheit war es wohl, keine Erwartungen und keine Pläne zu haben. Das hat die meisten Enttäuschungen erspart.

Der emotionale Super-GAU hat dennoch zugeschlagen. Was als gemeinsames Sabbatical begann, endete nach der Hälfte mit dem Zerbrechen der Liebe. Vermutlich gar nicht so selten, denn das enge Zusammenleben, das es so im deutschen Alltag gar nicht gibt, birgt Chancen und große Risiken zugleich. Unterschiede im Lebenskonzept können Ablenkung oder Sehnsucht nicht kaschieren. Der eine will eine monogame Beziehung auf Dauer, der andere ist polyarmor unterwegs; der eine will ins alte Leben zurück, für den anderen ist es der Einstieg zum Ausstieg; der eine muss überall Wurzeln schlagen, der andere ist ein ewig Reisender, der so etwas nicht braucht.

Kirsten Baumbusch geht für ein Jahr nach Peru, um ehrenamtlich zu arbeiten.

Kirsten Baumbusch geht für ein Jahr nach Peru, um ehrenamtlich zu arbeiten.

So ist mein Schmetterling, der mir schon vor der einjährigen Auszeit in Lateinamerika zum Leitsymbol geworden war, vorübergehend zum Bruchpiloten geworden. Doch das Bild stimmt noch immer: Das Dasein erst als kriecherische Raupe, die ganz andere Bedürfnisse hat als sein geflügeltes „alter ego“ der späteren Tage und die sich mit bangem Herzen der Aufgabe stellt, endlich den dunklen, beengenden, wenn auch schützenden Kokon zu verlassen. Und da sind die Unsicherheit des ersten Flügelschlags und die damit verbundene Ungewissheit.

Veränderung entsteht durch wahre Begegnung

Um zu verstehen und zu begreifen, was da nicht nur mir geschieht, sondern fast allen Menschen, die in ein solches Sabbatical gehen, hilft mir die Pedaktik. Hinter dem sperrigen Begriff steckt eine Geisteshaltung, die auf der Basis der humanistischen Psychologie fußt und mir über deren Begründer Christoph Röckelein so nahe gekommen ist, dass ich selbst als Coach, Beraterin und Mediatorin damit arbeite.

Worum geht es? Die Pedaktik, eine Art pädagogische Basis der Persönlichkeitsbildung, geht davon aus, dass Veränderung nur entsteht, wenn eine wahre Begegnung stattfindet. (Ich sehe Dich – ich bin da). Diese Begegnung kann mit einer anderen Person, einer anderen Umgebung und schließlich mit mir selbst sein – all dies bedeutet einlassen auf Veränderung. Doch dies muss ich zulassen wollen. Und da gibt es einige Hinderungsgründe. Zum Beispiel, wenn ich aus übergroßem Sicherheitsbedürfnis – und das wird uns Deutschen nicht zu Unrecht nachgesagt – versuche, alles akribisch zu planen. Auch die Auszeit und die Abenteuer.

Damit jedoch baue ich mir meine eigenen Blockaden und verhindere letztlich nicht nur die Begegnung mit mir selbst, sondern auch die Entwicklung meiner Persönlichkeit. Das ist so, als würde die Raupe beschließen, im Kokon zu bleiben und es sich dort gemütlich zu machen. Sie würde jämmerlich verenden.

Das bestehende Selbstkonzept zu überwinden indes erfordert – neben der nicht immer nur angenehmen Begegnung mit sich selbst – auch eine aktive Überwindung eben dieses, meist über Jahrzehnte aufgebauten Konzepts des Selbst. Das ist anstrengend und löst einen Reinigungsprozess aus, in dem sich der Kern seiner Schalen entledigt. Der Prozess vollzieht sich, wie jede gelingende Veränderung von innen nach außen und verlangt bewusste Entscheidungen. Das Eine darf gehen, das Andere bleiben und das Dritte neu dazu kommen.

Den Wandel bewusst gestalten

Wie gehe ich nun mit diesem Risiko der Veränderung, das die Auszeit quasi automatisch in sich trägt, um? Eines ist klar, die in Deutschland so beliebte Vollkaskomentalität ist wenig hilfreich. Gut möglich, dass am Ende so viel Veränderung da ist, dass das alte Leben gar nicht mehr zu einem passt. Deswegen lieber nicht so viel absichern und abklären. Auch, wenn das so bequem scheint.

Wer also ohne Netz und doppelten Boden aufgebrochen ist und letztlich nur auf das Netz der Liebe in Form von Familie und Freunden sowie sich selbst vertraut, ist besser dran. Der kann sich sicher sein, dass Neues dazu gekommen sein wird: liebe Menschen, Lebensziele, neue Perspektiven und ein neues Bewusstsein seiner Selbst. Denn das Schöne ist, dieses Tor zur Veränderung kann gestaltet werden, wenn ich mich bewusst dafür entscheide. Und am Ende ist eines sicher: Es ist mein eigenes Tor, durch das ich gehe, um die innere Freiheit bei mir zu finden.

Und so ist das Sabbatical eine Reise zu mir selbst und eine Stärkung für die Zukunft. Ich habe verstanden, dass ich die Welt nicht aus den Angeln heben kann. Doch bei der Begegnung mit mir selbst habe ich einen Menschen gesehen, dessen innerste Bedürfnisse ich nun wahrnehme. Die Metamorphose hat ein Wesen offenbart, dem es um Wesentliches geht. Kraft tanken in der Natur und in der Gemeinschaft, andere im Innersten berühren und darüber schreiben, Menschen begleiten und lehrend lernen. Frieden stiften und Liebe schenken, da wo das Leben mich hinstellt. Ich will besser für mich sorgen und immer wieder offen sein für Unbekanntes, ganz nah und ganz weit weg.

Die Neugierde auf die Welt gilt es zu bewahren und den Glaube daran, dass der Kern von allem gut ist. Darüber nachzudenken hätte sich die Raupen-Frau nie im Leben Zeit genommen. Doch jetzt habe ich die Muße, den Schmetterling die Flügel schwingen und sich in die Lüfte erheben zu sehen. Einen gepflasterten, abgesicherten Weg braucht der nicht mehr.

Kirsten Baumbusch

Lesetipp:

Christoph Röckelein, Ich sehe dich, Ein Handbuch zur Persönlichkeitsdidaktik (Pedaktik) in Führung und Beratung, ISBN: 978-3-945371-00-8, sine causa Verlag, Berlin

Lesen Sie auch den Beitrag über die lange Vorbereitungszeit zu ihrem Sabbatical „Ein Jahr Auszeit“

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