Tinder, Parship & Co.: Chancen und Gefahren

Roman Samborsky/ Shutterstock
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Worauf man achten sollte

Wer eine Beziehung via Tinder, Parship & Co anbahnt, kann den Partner seines Leben finden oder eine Katastrophe erleben. Maria Köpf über Liebe in digitalen Zeiten, Selbstdarstellung und Ghosting und wie man es schafft, realistisch und wahrhaftig zu bleiben.

Als Inga seine ersten Worte las, machte ihr Herz einen kleinen Hüpfer. „Schön, dass es in Berlin noch ein paar Katholikinnen gibt. Wie kommt’s?“ schrieb Andreas in seiner ersten Message. Es ist November, Inga arbeitet neben ihrem Studium in einer Kaufhauszentrale. Eine christliche Freundin, die ihren Mann über die Seite „Christ-sucht-Christ“ kennengelernt hatte, ließ nicht locker, bis Inga es auch auf digitalem Wege versuchte.

Hoffentlich ist dieser Mann nicht so versponnen wie die bisherigen“ schoss es ihr durch den Kopf. Doch auch die weiteren Sätze ließen auf einen „normalen“ Gläubigen schließen. Von Rosenkranz-betenden, rechtskonservativen Muttersöhnchen hatte sie genug.

Auf analogem Wege hätte Inga ihren Mann wohl niemals kennengelernt. Ihre Freundin überzeugte sie mit dem Argument: „Die Auswahl an gläubigen Männer ist in Norddeutschland doch begrenzt und die meisten Ü25 schon vergeben. Siehst du dich nicht auch als selbstbestimmten Menschen, der ruhig gezielt auf die Suche gehen darf?“

Sie entschied sich für ein anderes Forum, das ihr noch seriöser erschien. Am letzten Tag vor Ende der einmonatigen Mitgliedschaft hakte sie das Experiment innerlich ab: „Nur spirituelle Freaks dabei gewesen“, zieht sie Bilanz. Doch als sie das Konto löschen möchte, sieht sie die Nachricht ihres heutigen Mannes im Postfach.

Dann geht alles ganz schnell: E-Mails werden ausgetauscht und nach einigen Monaten schlägt sie ein Treffen in Rom vor. Drei Jahre später läuten die Hochzeitsglocken. Die Tücken des Internets – sich nicht sehen, hören, einfühlen können – hat das Paar gemeinsam umschifft.

Tinderdates mit Lug und Betrug?

Ganz anders erging es drei anderen Frauen. Der bekannte Tinder-Schwindler Simon Leviev betrog sie um mehrere hunderttausend Euro. Mit der Netflix-Doku „Der Tinder-Schwindler“ gingen sie an die Öffentlichkeit, um ihm das Handwerk zu legen.

Sie erzählen auf Netflix, welche Masche der trickreiche Ladykiller hatte: „Ich bin der reiche Billionärssohn des israelischen Großunternehmers Leviev, lass uns für das erste Date in ein 5-Sterne-Hotel essen gehen.“ Die Taktik zog offenbar bei Frauen weltweit. Man schätzt ihre Leihgaben auf rund 10 Millionen Dollar.

Simon Leviev gibt einer Frau das Gefühl, besonders zu sein. Zunächst beeindruckt er mit seinem Jetset-Leben auf Instagram. Dann folgen Text- und Videonachrichten per Smartphone, schnell werden Zukünftspläne entworfen.

Cecilie Schrøder Fjellhøy sagt über die erste Anbahnung mit ihm: „Ein falsches Wegwischen auf Tinder kann dein Leben für immer verändern.“ Einige Monate, nachdem die Frauen begonnen hatten, sich ein Leben mit ihm vorzustellen, erhielten sie erste Fakevideos. Der Billionärssohn und sein aus einer Kopfwunde blutende Bodyguard würden von Entführern gejagt. Ob sie ihm mit ein paar tausend Doller in dieser lebensbedrohlichen Situation helfen würden? Sie würden. Die Beziehungen zerbrachen einige Zeit, nachdem die Frauen dem Betrüger beinahe ihr gesamtes Vermögen geliehen hatten.

Man sollte sich nicht blenden lassen

Inga und Cecilie hätten ihre Männer auf analogem Wege wohl nie kennengelernt. Wie im richtigen Leben gibt es Chancen und Gefahren. Schwierig ist, dass man durch die erhöhte Distanz und Anonymität im Netz nicht dazu verleitet wird, Dinge zu tun, an die man im realen Leben nicht denken würde, wie sensible Daten oder Geld an unbekannte Menschen herauszugeben.

Durch die erhöhte Distanz der digitalen Anbahnung muss man besonders darauf achten, sich zügig ein erstes Mal zu sehen. Neben der intuitiven Menschenkenntnis kann man erste Treffen dazu nutzen, erhaltene Informationen abzugleichen: Ist der andere wahrhaftig? Erscheinen seine Aussagen aus der E-Mail oder den Chats glaubhaft? Gibt sie oder er bei realem Kontakt andere Antworten als beim Schriftverkehr? Stimmen die Bilder einigermaßen mit der Person überein, die vor mir sitzt?

Das Internet verleitet dazu, sich durch Vorinformation und die Selbstdarstellung der Menschen blenden zu lassen. Das ist bei einem so sensiblen Bereich wie der Partnerschaft risikobehaftet. Das Spannungsfeld Vertrautheit und Distanz im Internet ist groß: Man muss sich ja selbst darstellen, um überhaupt gefunden zu werden.

Trotzdem gilt es darauf zu achten, möglichst authentisch zu bleiben. Das bedeutet nicht, gleich beim ersten Date zu erzählen, dass man unter einer chronischen Krankheit leidet. Doch spätestens beim zweiten Treffen dürfte eine solche Information behutsam mitgeteilt werden.

Viele Klicks sind wertlos

Um mit Realismus an die Kontaktanbahnung und das erste Date heranzugehen, ist es hilfreich, sich innerlich zu sagen: „Das ist wahrscheinlich nicht gleich beim ersten Versuch der Richtige. Ich werde mir heute einen schönen Tag mit einem Menschen machen und versuchen, diesen ohne Scheu und Druck kennenzulernen.“

Vertrauen und Verbundenheit sind die Basis einer Beziehung. Bei einer Anbahnung sollten durchaus persönliche Details immer wieder in die Kommunikation mit einfließen. Wer sich öffnet und Ehrlichkeit sät, kann eher damit rechnen, dass sein Gegenüber ebenso wahrhaftig reagiert.

Der Blick auf andere Menschen muss allerdings geschult genug sein, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Die nötige Menschenkenntnis hierzu erwirbt man durch Lebenserfahrung, soziale Kontakte und Weisheit. Beim Wunsch, eine weise Entscheidung zu treffen, können auch Gespräche mit erfahreneren, lebensklugen Menschen oder eine gute Lektüre zum Thema Beziehung und Kommunikation helfen.

Eine schlechte Menschenkenntnis ist besonders bei Tinder und Parship gefährlich, die mit zahlreichen Fotos sowie Wisch-und-Weg-Funktion dazu verleiten, in gewisser Weise kommerziell an die Suche heranzugehen.

Wer charmant, herzlich, lustig, sportlich, attraktiv und sympathisch wirkt, erhält mehr Klicks. Diese Klicks, die auf reinen Äußerlichkeiten basieren, sind bei genauerer Betrachtung jedoch wertlos und sagen über den Menschen nicht viel aus. Es ist unwahrscheinlich, dass solche Kriterien zu einer krisentauglichen, tiefgründigen Beziehung beitragen.

Ghosting – ein Kind unserer Wegwerfkultur

Schließlich lässt sich ein „Wisch-und-Weg“-Verhalten oder auch das sog. Ghosting immer öfter auf Tinder, Parship & Co antreffen. Ghosting ist eine Form des unvermittelten, abrupten „Auf-Eis-legens“ einer Beziehung, ohne dem anderen Partner zuvor mitgeteilt zu haben, dass der gänzliche Kontakt- und Kommunikationsabbruch erfolgen könnte. Das Phänomen trat vermehrt seit den frühen 2000er Jahren auf und wurde in Verbindung mit der wachsenden Nutzung sozialer Medien und Onlineplattformen gebracht.

Ghosting scheint ein Kind unserer „Wegwerfkultur“ zu sein, die alt Gewordenes zugunsten von Neuem wegwirft. Das deckt sich mit der häufig von älteren Paaren erlebten Einstellung: „Wir kommen aus einer Zeit, in der man Kaputtes nicht weggeworfen, sondern behalten und repariert hat.“

Bei Nicht-Gefallen geht ein Produkt in der freien Wirtschaft normalerweise zurück an den Versender. Möglicherweise ist unsere Gesellschaft durch Amazon, Alibaba & Co eher dazu verleitet, selbst Menschen aus Fleisch und Blut bei enttäuschten Erwartungen am liebsten sofort „zurückzugeben“.

Um bei der digitalen Partnersuche nicht wertvolle Lebenszeit und Selbstvertrauen zu verlieren oder sogar Betrügern anheimzufallen und viel Geld zu verlieren, sind Selbst- und Fremdeinschätzung so wichtig. Man sollte lieber drei Mal hinschauen. Wie im Märchen„Aschenbrödel“: Der Prinz ging während seiner aufwendigen Suche nach der Frau seiner Träume von Haushalt zu Haushalt, um den gläsernen Schuh dem richtigen Fuß anzupassen.

Dabei ließ er sich keineswegs von Frauen täuschen, die kurzerhand ihre Hacke abschnitten, um augenscheinlich als passende Ehefrau zu erscheinen. Er war schließlich so erfolgreich, weil er nicht von seinen individuellen Bedürfnissen und den erkannten Persönlichkeitszügen abrückte. Seine beharrliche, mühsame Suche war schließlich von dauerhaftem Erfolg.

Foto: privat

Maria Köpf arbeitet als Journalistin und Dozentin in Klagenfurt. Sie hat Germanistik und Judaistik studiert und schreibt u.a. für Magazine wie die Amira, den Wissenschaftsladen Bonn, Natur & Heilen, Ethik heute und das AVE-Institut. Sie schreibt über Bildung und Beruf, Gehirn und Gesellschaft und Achtsamkeit als Selbst- und Beziehungskompetenz. Sie lebte einige Zeit in Israel und in Spanien. Maria Köpf stammt aus Berlin und lebt heute mit ihrer Familie in Kärnten/Österreich. Mehr über sie auf www.mariakoepf.com.

Warchi | iStock

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