Gedanken von Margrit Irgang

Die Corona-Pandemie hat uns aus dem normalen Leben gerissen. Wir sehnen uns nach „Normalität“ und Sicherheit. Doch unsere Welt ist eine andere geworden, ist die Schriftstellerin Margrit Irgang überzeugt. Sie rät, die Unsicherheit willkommen zu heißen, denn nur so können wir neue Möglichkeiten für uns und die Gesellschaft entdecken.

Als wir in den ersten Lockdown geschickt wurden, sprach die Bundeskanzlerin von einer „neuen Normalität“, die uns in der Zukunft erwarten würde. Aber die Zukunft trödelt herum und will sich nicht einstellen.

Jens Spahn hält sich deshalb lieber an die Vergangenheit und hofft auf eine „Rückkehr zur Normalität“ im Sommer dieses Jahres. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller glaubt dagegen „vorerst nicht“ an eine Rückkehr zur Normalität, während der Chef der Stiko, der Ständigen Impfkommission, mit einer Rückkehr zur Normalität Ende des Jahres 2021 rechnet, wenn die Herdenimmunität erreicht sein soll.

Normal nennen wir das, was wir gewohnt sind, was uns vertraut ist. Die derzeitige Beschwörung der Normalität soll die Illusion von Sicherheit erzeugen in einer Zeit, in der nichts mehr sicher ist. Ich finde es aufschlussreich, dass in der Sprache der Justiz früher das Wort „sicher“ im Sinn von „frei von Schuld, Pflichten, Strafe“ gebraucht wurde. Ganz tief unter unserem Wunsch nach Sicherheit liegt die Angst vor dem Unbekannten, dessen Gesetze und Verhaltensregeln wir nicht kennen.

Niemand sagt deutlich, was im Grunde alle wissen, aber keiner zugeben will: dass es eine Rückkehr zur Normalität nicht geben wird, weil unsere Welt nicht mehr die ist, die sie vor der Pandemie war. Man will ja im Herbst wiedergewählt werden, und eine verunsicherte Bevölkerung ist unberechenbar.

Und so entgeht den Volksvertretern, dass ihr Volk in weiten Teilen die veränderte Lage längst begriffen hat. In welche „Normalität“ sollen die Besitzer kleiner Läden, die Konkurs anmelden müssen, zurückkehren? Oder die Menschen, denen ein naher Angehöriger an Covid-19 verstorben ist? Oder die Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz finden?

Alle, die eine Zukunft beschwören, die nichts anderes sein soll als eine Rückkehr ins Gewohnte, betrügen die Menschen um die große Chance, die Corona uns bietet: die Unsicherheit willkommen zu heißen mit all ihren Möglichkeiten.

Corona schickt uns auf eine Reise in ein fremdes Land

Der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr wies darauf hin, dass Unsicherheit geradezu eine Vorbedingung für Kreativität sei, weil sie uns Handlungsfreiheit eröffne: „Unsicherheit bewirkt Sensibilisierung. Und ein lebendiges Wesen ist ein hochsensibilisiertes System. Wenn wir im stabilen Grundzustand sind, passiert uns nichts, hier sind wir sicher, aber das Geistige könnte sich in uns kein Gehör mehr verschaffen, die Welt der Ahnungen und Gedanken wäre verschüttet.“

Corona schickt uns auf eine Reise in ein fremdes Land, und eine solche Reise erfordert von uns das Erlernen ganz neuer Fähigkeiten. Ich bin einmal alleine durch Harlem und die Bowery in New York gestreift, weil sich meine amerikanischen Freunde weigerten, mich in diese gefährlichen Viertel zu begleiten.

Ich ging mit weit offenen Sinnen, hellwach und jede Einzelheit registrierend. In Hauseingängen lagen Kleiderbündel, die ich für Abfall hielt, bis sie sich zu bewegen begannen und aufrichteten: Waren es Obdachlose, Junkies?

Drei junge Männer folgten mir im immer gleichen Abstand, ohne näher zu kommen. War es Neugier oder Überwachung? Ich konnte das alles nicht auf Grund vergangener Erfahrungen beurteilen. Ich brauchte eine andere Instanz, um die möglichen Gefahren zu orten: meine Intuition und den Instinkt, der seit den Urzeiten der Menschheit in meinen Genen schlummert und jetzt geweckt wurde.

Was wir zu wissen glauben, nehmen wir kaum mehr wahr

Wir wissen nicht, wo wir uns – jede und jeder für sich und wir als Gesellschaft – in einem Jahr befinden werden. Ist das wirklich so furchterregend? Wenn wir etwas zu wissen glauben, nehmen wir es nicht mehr wahr. Uns entgehen die feinen Nuancen unseres Partners, den wir seit Jahrzehnten „kennen“, weil wir von ihm keine Überraschungen mehr erwarten. Wir sehen an unserem langjährigen Wohnort die Veränderungen der Natur nicht mehr.

Wir wissen noch nicht viel über das Virus. Die Virologen sind dabei, mehr darüber herauszufinden, und das ist gut und wichtig. Aber wir könnten unser Nicht-Wissen jetzt, in diesem Moment, für größere Lebendigkeit nutzen. Anstatt auf die Rückkehr des Gewohnten zu warten, könnten wir uns den Energien des Lebens anvertrauen.

Eine der grundlegenden Lehren des Buddha ist die von der unaufhörlichen Veränderung alles Seienden. Und auch die Bibel weiß, dass es für alles eine Zeit gibt, für das Säen und Ernten, für das Leben und Sterben.

Irgendwann wird es eine Zeit des Wissens geben, in der wir das Virus verstehen und vielleicht sogar eindämmen können. Jetzt jedoch ist die Zeit des Nicht-Wissens und der Entdeckung der Möglichkeiten. Die größte dieser Möglichkeiten sind wir selbst: unsere Ideen, unsere Kreativität, unsere Herzenswärme.

Wir haben das „hochsensibilisierte System“, das jeder von uns ist, vielleicht noch gar nicht wirklich kennengelernt. Ein Leben im Gewohnten und Altvertrauten schläfert subtile Kräfte nämlich ein. Aber jetzt könnten sie aufwachen und in uns die hellwache, kritische Aufmerksamkeit wecken, die wir mehr denn je brauchen.

Noch hat sich das Lebendige nicht zu einer „neuen Normalität“ verfestigt, und wir haben uns noch nicht in einer neuen scheinbaren Sicherheit eingerichtet. Noch ist alles im Fluss. Es wäre zu schade, wenn wir diese Zeit versäumen würden.

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Foto: privat

Margrit Irgang ist Schriftstellerin und Dichterin. Sie erhielt für ihre Erzählungen und Gedichte etliche Literaturpreise. Seit 1984 praktiziert sie Zen, seit 1992 bei Thich Nhât Hanh. Seit über 20 Jahren gibt sie Meditations-Retreats. Auf ihrem Blog www.margrit-irgang.blogspot.de erkundet sie „die Poesie des Augenblicks“.