Die Kraft der Gedanken nutzen

Das menschliche Leben kann niemals frei von Leiden sein. Daher brauchen Menschen Trost. Die antiken Philosophen wie Seneca und Marc Aurel helfen mit tröstlichen Gedanken. Detlef Kühn hat einiges aus dem Fundus ihrer Alltagsweisheiten zusammengetragen und auch einen Blick auf das “positive Denken” geworfen.

Im Fernen Osten, im Hinduismus, Buddhismus und Taoismus, hat man irgendwann begonnen, den menschlichen Gedanken nicht mehr zu trauen. Frei von Leid kann der Mensch nur sein, sagen fernöstliche Weise, wenn der Mensch sein Denken überwindet und durch das Nicht-Denken eins wird mit der stillen Unendlichkeit des kosmischen Ganzen.

Diese Weltflucht mittels Nicht-Denkens erinnert an die Stoßseufzer etlicher Philosophen des alten Athens und Roms. Sie meinten, es wäre besser, gar nicht geboren zu sein. In dieser Klage drückt sich, wie in der christlchen Sehnsucht nach Erlösung im Jenseits und im fernöstlichen Streben nach Nicht-Denken eine existenzielle Unzufriedenheit aus: Die Welt ist nicht so, wie wir sie uns wünschen. Wir verlangen nach einer anderen.

Immer wieder hat es Menschen gegeben, die versucht haben, diese andere Welt hier auf Erden zu schaffen. Bislang sind alle Versuche gescheitert. Und sie werden weiter scheitern. Müssen scheitern, denn es wird nie eine Welt ohne Ungerechtigkeit, Leiden und Tod geben können. Das wussten schon die antiken Philosophen und empfahlen deshalb, das Leben so zu akzeptieren, wie es ist. Mit allen Schicksalsschlägen.

Trotzdem sei Glück möglich, versicherten die Philosophen Athens und Roms. Und zwar durch das Denken. Das nach Weisheit strebende Denken, die Philosophie, hatte in der Antike die Aufgabe, dem Menschen zu einem glücklichen Leben zu verhelfen. Cicero schrieb: „Die Untersuchung des glücklichen Lebens ist der einzige Gegenstand, den sich die Philosophie zum Zweck und Ziel setzen muss.“ Später formulierte es der christliche Kirchenvater Augustinus ähnlich: „Nichts anderes treibt den Menschen zum Philosophieren als das Verlangen nach Glückseligkeit.“

Mit sich im Reinen sein

Die antiken Philosophen stellten Gedanken ins Zentrum ihrer Überlegungen, die bis heute einleuchten: weil sie tröstlich sind, oder nützlich, oder beides zusammen. Platon hatte den tröstlichen Gedanken, dass die Welt und der Kosmos eine Einheit sind, die den göttlichen Gesetzen des Guten, der Harmonie und Vollkommenheit unterliegt. Sokrates lehrte die nützliche Wahrheit, dass es keine verlässlichen Wahrheiten gibt.

Epikur schenkte uns den tröstlichen Gedanken, dass jeder Mensch – gemäß seiner menschlichen Natur – nach Lust, Freude und Glück strebt. Und dies auch darf. Weil er gar nicht anders kann. Aristoteles empfahl, und es wäre gut, sich heute daran zu erinnern, stets das rechte Maß zu finden, Extreme zu meiden, den goldenen Mittelweg zu suchen.

Das glückliche Leben war nach Auffassung der antiken Denker für denjenigen möglich, der sein Denken, aber auch sein Handeln, am Guten und damit Tugendhaften ausrichtet. Ein Gedanke, der heute bei vielen auf Skepsis stoßen wird. Denn wird man es uns wirklich danken, wenn wir uns anständig und rücksichtsvoll benehmen, immer die Freundlichen sind, womöglich zugunsten anderer auf etwas verzichten?

Wir alle wissen: Undank ist der Welt Lohn. Ja, deshalb sagten die antiken Philosophen: Der Lohn für das gute, tugendhafte Verhalten liegt in diesem Verhalten selbst. Nämlich in dem guten Gefühl, das es dem Tugendhaften gibt. Er kann mit sich im Reinen sein. Er weiß, dass er richtig gehandelt hat.

Stoische Ruhe erlangen

Der Mensch muss sein Glück in sich selbst finden – dieser Gedanke stand vor allem in der Denktradition der Stoiker im Mittelpunkt. Sie betonten, dass die eigene Seele das Einzige ist, das der Mensch wirklich beeinflussen kann. Der römische Kaiser Marc Aurel war der letzte große stoische Denker. Seine „Selbstbestrachtungen“ werden noch heute viel gelesen. Er versicherte: „Es steht dir frei, dich zu jeder dir beliebigen Stunde in dich selbst zurückzuziehen. Es gibt für den Menschen keine ungestörtere Zufluchtsstätte als seine eigene Seele.“

Die Philosophen der Stoa versuchten, den Widrigkeiten des Lebens und auch dem Tod mit ihrer inzwischen sprichwörtlichen stoischen Ruhe zu begegnen. Für die Stoiker war klar: Der Mensch kann nicht verhindern, dass er in dieser Welt auf die eine oder ander Weise Leid erfahren wird. Wohl aber, dass dieses Leid seine Seele allzu sehr verletzt. Zum Ideal erhoben wurden daher die Seelenruhe und die Apatheia, die Unempflindlichkeit der Seele gegenüber äußeren Einflüssen.

Zur Seelenruhe verhelfen sollte diese Überlegung: Was einem zustoße, sei nur etwas Äußerliches. Obendrein unabwendbar. Alles im Kosmos hänge zusammen, wirke auf einander ein, sei letztlich vorherbestimmt. Da sei es unvernünftig, über ein Unglück Trauer oder Zorn zu empfinden oder mit dem Schicksal zu hadern. Damit schade man nur sich selbst.

Die Trostbriefe

Auch Seneca war Stoiker, gab aber zu, dass auch er keinesweg unempfindlich sei für Gefühle der Trauer. In einem Brief an Polybios, einen Ratgeber des furchtbaren Kaisers Caligula, schrieb er: “Niemals werde ich von dir verlangen, überhaupt nicht zu trauern. Die Vernunft dürfte genug leisten, wenn sie das aus dem Schmerz herausschneidet, was dort im Übermaß vorhanden ist. Bewahre lieber das Maß, das Zeichen einer liebevollen und bewegten Seele ist. Die Tränen sollen fließen, aber eben auch aufhören.“

Senecas Brief war ein sogenannter Trost-Brief und wird zu einer eigenen literarisch-philosophischen Gattung gezählt, der Trost-Literatur. Ihr bekanntestes Werk ist der „Trost der Philosophie“, eine Abhandlung, die der Römer Anicius Manlius Severinus Boethius im Jahre 524 nach Christus verfasste – in seiner Todeszelle. In die hatte ihn der das Römische Reich regierende Goten-König Theoderich werfen lassen. Wegen angeblicher Verschwörung. Es war, nach allem, was man weiß, ein Willkür-Urteil. Ungerecht und unerträglich.

Doch der damals vermutlich 45 Jahre alte Boethius suchte in seiner Todeszelle nach einem Weg, sich mit seinem ungerechten Schicksal zu versöhnen. Im Geiste führte er einen Dialog mit einer klugen Frau – Philosophia. Von ihr ließ er sich überzeugen, dass alles, auch das, was ungerecht und willkürlich erscheint, im Ganzen der göttlichen Ordnung einen Sinn hat.

Es ist die Vorstellung Platons, bei der Boethius hier Zuflucht sucht: die Idee von der Harmonie des Weltganzen. Eine Idee, die auch das Christentum und andere Religionen prägt: Was Gott tut, ist immer gut. Tröstlich ist für Boethius auch der oben angeführte Gedanke der klassischen Philosopie: Dass der Lohn für ein gutes und tugendhaftes Leben nicht in der Anerkennung durch andere liegt, nicht in weltlichem Dank. Sondern in einem gleichsam göttlichen Glücksgefühl, in dem wohltuenden Gefühl, das Richtige, das Gute getan zu haben.

Positive Gedanken als Stimmungsheber

Sich mit seinem Schicksal zu versöhnen, ist gar nicht so einfach in Krisenzeiten. Und selbst in unserem normalen, aber fast nie von Widrigkeiten freien Alltagsleben brauchen wir häufig Trost: aufmunternde Worte, hilfreiche Ratschläge. Letztere findet man inzwischen in tausenden Büchern, die im Titel das Wort Glück führen. Und in denen man erfahren kann, was auch die Stoiker schon wussten: Denken allein reicht nicht. Man muss auch tätig sein.

Seine Arbeit erledigen, damit sie einem nicht über den Kopf wächst. Lösungen finden für private und berufliche Probleme. Man muss auch mal an die frische Luft. Den Kreislauf in Schwung bringen. Neue Eindrücke sammeln. Und durch das eigenen Tun und Erleben auf andere Gedanken kommen: wohltuende, Kraft spendende, tröstliche.

Noch immer interessant ist, was der reformierte New Yoker Pfarrer Norman Vincent Peale 1952 erstmals propagierte – in seinem Buch „Die Kraft des positiven Denkens“. Peale schrieb eine ganze Reihe von Ratgebern, angefüllt mit positiven Gedanken. Die entnahm er häufig der Bibel, zitierte aber auch Konfuzius und Seneca, Alltagsweisheiten, Nachbarn, Freunde und – die eigene Mutter. Seinen Lesern schärfte er ein: „Seien Sie sich bewusst, dass es keine hoffnungslosen Situationen gibt. Es gibt nur Menschen, die hoffnungslose Haltungen einnehmen.“

Die Lehre vom Positiven Denken ist umstritten. Kritiker monieren, dass hier suggeriert werde, alle Probleme, sogar gesundheitliche, könnten durch die Kraft der Gedanken gelöst werden. Ja, es gäbe gar keine Probleme mehr, allenfalls zu wenig positive Gedanken. Wodurch letztlich der Einzelne selbst daran schuld sei, wenn es ihm schlecht gehe. Aber Peale war von der Wirkung positiver Gedanken fest überzeugt. Und die Hirnforschung weiß: Positive Gedanken, die wir durch die Nervenleitungen unseres Gehirns auf die Reise schicken, schaffen zwischen den Gehirnzellen neue Verknüpfungen. Möglich werden dadurch neue, optimistische, tröstliche Denkmuster.

Peale beschrieb den Trost des positiven Denkens so: „Seit vielen Jahren habe ich mir angewöhnt, meinem Geiste jeden Tag irgendeinen anregenden Gedanken einzugeben. Dabei habe ich bei mir selbst die Erfahrung gemacht, dass sich solche Gedanken nach und nach in der Einstellung niederschlagen. Ich habe sie zuweilen Stimmungsheber genannt, denn genau das sind sie: Ein Gedanke vermag in entscheidendem Maße zu bestimmen, wie man sich geistig, seelisch und körperlich fühlt.“

Detlef Kühn

 

Foto: Maria Sieren

Detlef Kühn lebt in Hamburg und arbeitet als Journalismusdozent und Schreibcoach Für den Hörfunk schreibt er Essays über Fragen von Religion, Philosophie, Anthropologie und Literatur.