Eine Inspiration von Margrit Irgang

Immer wieder zerbricht etwas im Leben. Wie können wir damit gut umgehen? Die Kunst hat darauf Antworten, denkt man an die japanische Reparaturmethode Kintsugi oder die Werke von Joseph Beuys. Wenn wir uns heilen wollen, müssen wir unsere Wunden zeigen und unserer Kreativität vertrauen, ist Autorin Margit Irgang überzeugt.

Letzte Woche habe ich meine Teekanne zerbrochen. Sie gehörte zu dem Teeservice, das ich mir vor dreißig Jahren von einer Keramikerin nach meinen Vorstellungen hatte anfertigen lassen. Ich fegte die Scherben zusammen und war überrascht von dem Schmerz, den ich fühlte. Es ist nur eine Teekanne, sagte ich mir. Aber die Scherben waren auch eine Metapher für alles, was mir im Leben schon zerbrochen war, und ich trauerte in dem Moment nicht nur um die Kanne.

Wie gehen wir mit den Brüchen in unserem Leben um?

Der japanische Shogun des 14. Jahrhunderts, Ashikaga Yoshimitsu, zerbrach einst seine liebste Teeschale. Er ließ sie nach China schicken in der Hoffnung, sie von erstrangigen Keramikern so repariert zu bekommen, dass sie wieder wie neu aussehen würde. Als die Schale jedoch zurückkam, war er entsetzt: Die Scherben waren lieblos mit Metallklammern zusammengefügt.

Da beauftragte er die besten Keramiker seines Landes mit der Reparatur. Nach langem Experimentieren präsentierten sie dem Shogun eine Teeschale, die aus den Scherben der alten bestand, aber ganz und gar neu war: Sie hatten die Bruchlinien mit einer Paste zusammengeklebt, der sie reinen Goldpuder zugesetzt hatten.

Sie nannten das Verfahren kintsugi. Kin = golden, tsugi = zusammenfügen. Anstatt die Beschädigung zu verstecken, hatten die Keramiker sie in einem künstlerischen Akt betont und die Schale zu wahrer Schönheit erhoben. Kann uns diese Geschichte helfen, mit unseren eigenen Verletzungen und denen anderer Menschen auf gute Weise umzugehen?

Zeige deine Wunde“

Es war Anfang der 1980er Jahre, als ich in München die erste Installation von Joseph Beuys sah. Das Lenbachhaus hatte sie kurz zuvor angekauft, der Kauf hatte bundesweite Empörung ausgelöst; die Installation wurde unter anderem als „der teuerste Sperrmüll aller Zeiten“ bezeichnet.

Ich stand in einem kargen, wie ein Krankenzimmer eingerichteten Raum und sah zwei Leichenbahren, dann Kästen aller Art, zwei Forken, zwei gerahmte Ausgaben der italienischen Zeitung „Lotta Continua“, zwei Schäleisen („Schepser“) und zwei Tafeln, auf die Beuys geschrieben hatte: „Zeige deine Wunde“.

Hin und wieder begegnen wir einem Kunstwerk, das in uns eine Resonanz auslöst. Es spricht unmittelbar unser Gefühl und unsere Emotionen an; wir verstehen es auf einer tiefen Ebene, ohne darüber nachdenken zu müssen, „was das Kunstwerk bedeutet“. So ging es mir mit der Installation „Zeige deine Wunde“.

Joseph Beuys war 1944 mit seinem Flugzeug auf der Krim abgestürzt. Zehn Jahre später fiel er in eine tiefe Depression, und es ist sicher nicht falsch, zwischen dem Kriegstrauma und der Depression einen Zusammenhang herzustellen.

Ich wiederum, die so unverhofft Berührte, war ein Nachkriegskind und konnte mich nicht damit abfinden, wie schnell in meinem Land die konkreten geistigen und seelischen Verwüstungen durch einen selbst verschuldeten Krieg versteckt und geleugnet worden waren.

Später recherchierte ich, was es mit diesen von Beuys eingefügten Schepsern auf sich hatte. Ich lernte, dass sie in der Forstwirtschaft dazu benutzt werden, von Schädlingen befallenen Bäumen die Rinde abzuschälen, um sie am Leben halten zu können. In dieser Installation wurden also gleichzeitig die Versehrtheit, ihre mögliche Therapie und der Schmerz, den die Heilungsmaßnahme notwendigerweise hervorruft, thematisiert.

Schamhaft verstecken wir unsere Versehrtheit

Wenn wir – individuell wie kollektiv – heilen wollen, müssen wir den Mut haben, unsere Wunden zu zeigen.

Aber diese Haltung passt nicht in unsere Gesellschaft mit ihren allgemeinen Vorstellungen von Perfektion, Fitness und „Glücklichsein“. Schamhaft verstecken wir unsere vielfältige Versehrtheit aus Angst, aus der Gemeinschaft der Menschen ausgestoßen zu werden.

Als der schwer depressive Fußballer Robert Enke sich am 10. November 2009 das Leben nahm, äußerte sein Umfeld Fassungslosigkeit. Der Manager seines Clubs sagte, dass „äußerlich bei Enke immer alles gestimmt“ habe.

Enkes Frau Teresa aber erzählte, dass die Wahrung des Scheins nur mit großer Kraftanstrengung möglich gewesen war. Die Welt des Profi-Fußballs ist gnadenlos. Trainer, Kollegen, Vereinsführung und die Fans erwarten von den Spielern, stets kraftvoll und strahlend zu sein. „Robert hatte panische Angst“, sagte Teresa Enke. „Angst davor, dass etwas ruchbar wird, dass alles herauskommt und er als Spieler und Mensch nicht mehr stattfinden würde.“

Welch eine erschütternde Aussage: Ein Mensch, der die gesellschaftliche Übereinkunft darüber, was „gesund“ ist, nicht erfüllen kann, hat Angst, „nicht mehr stattzufinden“.

Mutig und kreativ mit Brüchen umgehen

Immer wieder zerbricht das Leben etwas, das uns wichtig ist. Wir werden krank, verlieren unseren Job, der Partner verlässt uns. Ziele und Pläne lösen sich unter widrigen Umständen in Nichts auf.

Zumeist versuchen wir dann, aus den Scherben unseres Lebens die alte Form wieder herzustellen, vielleicht indem wir sie notdürftig verklammern mit irgendwelchen Arrangements oder falschen Kompromissen, die keinen Beteiligten glücklich machen.

Verschämt verstecken wir unsere Gebrochenheit vor der Welt, weil wir Angst haben vor Zurückweisung und Liebesverlust. Die von einem kintsugi-Künstler zu neuer Schönheit erhobene Teeschale aber sagt dasselbe wie Joseph Beuys: Aus Brüchen kann Neues entstehen.

Wenn wir den Mut haben, unsere Brüche zu sehen, zu zeigen und über unsere Verluste zu sprechen, öffnet sich ein ungeahnter Raum der Begegnung. Wir laden andere ein zu ehrlichem Austausch, und die Menschen in unserer Umgebung fühlen sich angesprochen.

Die glanzvolle Persona, die viele Menschen in der Öffentlichkeit zeigen, ist fast immer genau das, was der Begriff meint: eine Maske. Hinter jedem Erfolg gibt es Enttäuschung, hinter jeder großartigen Leistung das Versagen.

Wir könnten damit beginnen, im kleinen Kreis unter Menschen, denen wir vertrauen, die Maske abzulegen. So entstehen auch Nähe und Verbundenheit, die unser Leben so bedeutsam machen.

Vielleicht entdecken wir dann, wie mutig und kreativ wir die ganze Zeit mit unseren Brüchen umgegangen sind.

Der ersehnte Weg war uns verschlossen, da haben wir einen anderen gesucht. Wir haben Verluste erlitten und aus den Scherben Neues aufgebaut. Vorher sah unser Leben aus wie das Leben vieler anderer. Jetzt ist es einzigartig, ganz und gar unseres. Ein Lebens-Kintsugi.

Ein Kunstwerk, das man nicht verstecken darf.

Foto: privat

Margrit Irgang ist Schriftstellerin und Dichterin. Sie erhielt für ihre Erzählungen und Gedichte etliche Literaturpreise. Seit 1984 praktiziert sie Zen, seit 1992 bei Thich Nhât Hanh. Seit über 20 Jahren gibt sie Meditations-Retreats. Auf ihrem Blog www.margrit-irgang.blogspot.de erkundet sie „die Poesie des Augenblicks“.

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