„Freude ist die Schwester der Hoffnung“

Foto: Christa Spannbauer
Foto: Christa Spannbauer

Ein Interview mit Verena Kast

Freude und andere „gehobene Emotionen“ sind der Psychologieprofessorin und Psychotherapeutin Verena Kast ein Herzensanliegen. Freude macht innerlich warm und verbindet uns mit anderen. Im Interview erklärt sie, warum sie für die Freude kämpft, warum Freude kreativ macht und neue Möglichkeitsräume entstehen lässt.

 

Das Gespräch führte Christa Spannbauer

Frage: Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen, schrieb Ernst Bloch in einer der dunkelsten Zeiten der Menschheit, während des 2. Weltkriegs. Hoffnung und Zuversicht sind auch zentrale Themen Ihrer Arbeit. Zur Hoffnung kann man sich entschließen, schreiben Sie in Ihrem Buch „Zuversicht“. Wie geht das? Wie können wir das Hoffen lernen?

Kast: Ernst Bloch hat Furchtbares erlebt. Neben all dem Schrecklichen, was ihm später geschehen ist, hat er bereits als junger Mann seine Frau verloren. Seinen Zustand danach beschrieb er mit den eindrücklichen Worten: „Ich habe keine Atmosphäre mehr um mich.“ Und doch hat dieser Mann nie aufgehört zu hoffen.

Für mich ist die tiefe und bildlose Hoffnung die Begleit-Emotion des Lebens. Deswegen sagen wir auch: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Freude ist für mich die kleine Schwester der Hoffnung. Aristoteles hat diese beiden als Emotionen beschrieben, die die Stimmung heben. Ich nenne sie daher die „gehobenen Emotionen“.

Das finde ich passender, als immer von positiven und negativen Emotionen zu sprechen. Der Ärger beispielsweise zählt zu den negativen Emotionen, kann aber durchaus auch eine positive Emotion sein, selbst wenn er im Moment lästig ist.

Was bewirken gehobene Emotionen?

Kast: Gehobene Emotionen machen weit, sie heben unsere Stimmung. Die Freude macht dies in besonderem Maße. Wenn wir uns freuen, dann geht alles in die Höhe, in die Weite, es wird uns innerlich ganz warm, wir werden solidarisch mit anderen Menschen und verschwestern und verbrüdern uns. Ganz viele Bindungen entstehen aus der Freude heraus. Wenn wir uns freuen, werden wir auch freundlicher. Und aus der Freude heraus entsteht eine Art alltäglichere Hoffnung, aus der uns dann die Zuversicht erwächst.

Ich habe diese Hoffnung kürzlich in einem Vortrag die „pragmatische Hoffnung“ genannt. Dabei handelt es sich nicht um einen flachen Optimismus und auch nicht um ein simples „Es-wird-schon-irgendwie-gut-werden“, sondern wir erkennen Probleme, wenn sie da sind, wir schauen uns diese an und gehen sie auf einer Ebene von Kreativität und Vorstellungskraft an. Dadurch schaffen wir uns neue Möglichkeitsräume. Die pragmatische Hoffnung ist für mich das Bezogen-sein auf einen Möglichkeitsraum. In diesem entsteht die Zuversicht, dass man Probleme verändern kann.

Der Neurobiologe Antonio Domasio sagt: Jede Zelle will so lange leben wie sie nur kann. Das ist für mich auf einer anderen Ebene das Gleiche, was ich mit meiner These von der Hoffnung als Begleit-Emotion des Lebens ausdrücken möchte. Es ist immer etwas möglich, der Möglichkeitsraum steht immer offen.

Einfacher ist es, wenn man die Dinge miteinander angeht und nicht alleine. Das gilt heute mehr denn je und gerade in einer Zeit, in der Leute ängstlich fragen: „Was sollen wir mit den Fremden in unserem Land machen?“ Wir machen das doch alles schon seit geraumer Zeit zusammen mit diesen Fremden. Und es ist uns doch auch gar nicht schlecht bekommen.

Es ist die Angst, die uns immer wieder zurückweichen lässt. Der Möglichkeitsraum jedoch ist getragen von Hoffnung und Freude.

Gemeinsam sind wir stärker

Sie ermutigen in ihren Büchern immer wieder dazu, sich der Angst zu stellen, sie beim Namen zu nennen, um ihre Kraft zur Verwandlung zu nutzen. Was kann uns darin unterstützen?

Kast: Angst ist eine Herausforderung. Es braucht Mut, sich ihr zu stellen. Wenn wir vor der Angst zurückweichen und die Herausforderung nicht annehmen, dann werden wir in der Folge immer ängstlicher. Auch hier helfen die Verbundenheit mit anderen und die eigene Resilienz.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir Menschen zusammenarbeiten. Denn wenn mehrere Menschen gemeinsam an etwas arbeiten, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass alle auf einmal die Hoffnung verlieren und Angst bekommen. Und wenn es einem geschieht, dann können die anderen sagen: „Komm, wir kriegen das zusammen schon irgendwie hin!“

Wer sehr ängstlich ist, hat keinen Zugang mehr zu dem Möglichkeitsraum und versucht, diesen auszuschließen, denn er macht einem ja auch Angst. Solange ich jedoch weiß, dass ich Kompetenzen und Ressourcen habe, kann ich der Angst vertrauensvoll begegnen.

Die Altersforschung hat mittlerweile herausgefunden, dass man im Alter durchaus zwei sich widersprechende Emotionen wie etwa Angst und Hoffnung haben kann. Beides zusammen ist möglich. Das versuche ich auch den Menschen in der Psychotherapie nahe zu bringen.

Groß angelegte Studien aus Amerika haben gezeigt, dass es Menschen ab einem gewissen Alter möglich ist zu sagen: Ich bin verzweifelt, doch zugleich freue ich mich auch. Das hat mit Altersweisheit zu tun. Es ist aber auch eine Kompetenz, die man sich aneignen kann. Und wer das kann, hat natürlich viel weniger Stress.

Wie können wir Freude stärken?

Kast: Wir sind dummerweise so programmiert, dass wir das, was uns Angst macht, viel leichter behalten als das, was uns Freude macht. Deshalb kämpfe ich ja so wahnsinnig um die Freude. Denn wir können uns umprogrammieren. Indem wir freudige Situationen wahrnehmen und für einen Moment behalten. Das ist bewusstes Leben.

Bewusster diese Situationen genießen. Auf das, was Freude macht, die Aufmerksamkeit richten. Das beginnt für mich schon mit dem Tee am Morgen. Auf Reisen bin ich meist etwas enttäuscht von dem Tee, den ich bekomme. Und wenn ich dann wieder zuhause bin, freue ich mich doppelt über meinen Tee am Morgen. Es müssen nicht immer die großen Freuden sein, es sind die vielen kleinen Freuden, auf die wir unseren Blick richten sollten.

Freude ist ansteckend

In Ihrem Buch „Zuversicht“ den Lesern raten, eine Freudenbiografie zu verfassen. Können Sie erklären, wie dies geht?

Kast: Emotionen sind ansteckend. Wir stecken uns gegenseitig an. Nun gibt es leider nicht so viele freudige Menschen. Deshalb kam mir die Idee, dass man sich ja auch selbst anstecken kann. Es handelt sich bei der Freudenbiografie also um eine Art Selbstansteckung. Kinder freuen sich noch völlig unkontrolliert. Genau das tun wir heute nicht mehr, wir kontrollieren die Freude, aus Angst, dass jemand neidisch werden könnte oder weil wir fürchten, dass wir kindisch wirken.

Ich verwende für die Freudenbiografie eine Eingangsübung. Die besteht darin, mit dem Kuschelkind oder dem Schulkind in uns Kontakt aufzunehmen und sich zu erinnern, was dieses damals mit großer Freude oder mit großem Stolz erfüllte. Dadurch kommen wir in Kontakt mit uns selbst als dem freudigen Kind.

Von hier aus kann man zur Frage springen: Was sind meine Freuden heute? Die Aufgabe besteht dann darin, acht aktuelle Freuden aufzuschreiben. Wer sich als Kind gerne bewegt hat, wird sehr wahrscheinlich auch heute Freuden aufzählen, die mit Bewegung zu tun haben. Auch wenn es vielleicht nicht mehr so schnell geht, genießen diese Menschen es immer noch, zu laufen, zu tanzen, zu hüpfen.

Diese Freudenbiografie kann man dann ausweiten und fragen: Wie war das, als du 20 Jahre alt warst? Was hast du damals getan? Was hast du angezogen? Ich frage gezielt nach den Interessen, denn Interesse und Freude sind sich sehr nahe. Was waren deine Interessen, als du 15 warst? Wofür hast du dich begeistern können. So können wir wieder Zugang zu unserer Freude finden.

Wie können wir dann, wenn wir unsere Freudenquellen gefunden haben, der Freude bewusst wieder mehr Platz in unserem Leben einräumen?

Kast: Es ist wirklich wichtig zu wissen, wie wichtig die Freude ist! Die Freude ist etwas, was ich immer wieder zurückholen kann. Etwas, das sehr schön war, erzählt man ja auch gerne immer wieder. Und die Freude vermehrt sich, wenn wir sie mit anderen teilen. Worum es also geht, ist, sich viel Zeit zu nehmen, um überhaupt spüren zu können, dass man sich freut.

Ich selbst bin eine, die viel arbeitet und die auch immer viel gearbeitet hat. Ich bin aber auch eine, die einfach rausgehen kann, wenn es draußen schön ist. Dann ist es mir auch egal, wenn mein Vortrag noch nicht ganz fertig ist. Ich vertraue darauf, dass er schon noch irgendwie fertig werden wird.

Es gibt Menschen, die können das nicht. Ich erinnere mich gut an einen Kollegen, der einmal zu mir sagte: „Was für ein schöner Sonnenuntergang! Doch ich muss jetzt erst mal meinen Vortrag fertig machen.“ Wie oft tun wir genau das: Es wäre eigentlich schön. Man könnte sich freuen. Vielleicht würde es auch nur zehn Minuten benötigen. Doch wir verpassen einen einzigartigen Moment der Freude aus Angst, dass er uns zu viel Zeit kosten würde. Wir geringschätzen die Freude und sagen: Es gibt doch morgen auch wieder einen Sonnenuntergang. Das mag schon stimmen. Doch dieser ganz besondere Moment, der kommt nie wieder.

Lesen Sie auch den Artikel über die Freudenbiografie

 

Verena Kast
Die renommierte Psychologin und Psychotherapeutin Prof. Dr. Verena Kast ist Präsidentin des Schweizer C. G. Jung-Instituts, wissenschaftliche Leiterin der Lindauer Psychotherapiewochen und Ehrenpräsidentin der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie. Vielen Menschen ist sie durch ihre psychologischen Bücher bekannt. Weitere Infos 

 

 

 

 

Beitrag teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.