Paul Dessaus Polit-Oper

Die Geschichte von Lanzelot ist die eines Menschen, der allein gegen ein totalitäres Regime kämpft. Angefeindet wird er von Bürgern, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist. Peter Konwitschny hat das Werk von Paul Dessau jetzt auf die Bühne gebracht: als Parabel der gegenwärtigen Situation. Schockierend, direkt und zugleich humorvoll. Anja Oeck war dabei.

Unsere Verhältnisse heute sind extrem. Die Welt ist aus den Fugen geraten: ökologisch, wirtschaftlich, sozial. Wir Menschen haben die Macht, uns an den Rand der Auslöschung zu bringen. Und unsere Regierungen machen Dienst nach Vorschrift, während die Bevölkerung größtenteils teilnahmslos zuschaut. Kommt Ihnen bekannt vor? Genau davon handelt Lanzelot.

„Es geht um eine Regierung, die absolut kriminell ist und ein Volk, das absolut unfähig und unwillig ist, etwas zu verbessern,“ ist der Regisseur Peter Konwitschny überzeugt. „Der Grund ist, dass alle Angst haben, es könnte ihr Auto oder ihren Job kosten. Das Stück hatte nicht nur unter Stalin in der Sowjetunion Aktualität, als Jewgeni Schwarz in den vierziger Jahren sein Schauspiel schrieb. Das war 1969 zur Uraufführung der Oper genauso aktuell und heute noch mehr, weil inzwischen der Verfall des Planeten viel fassbarer geworden ist“.

„Lanzelot“ handelt von einem Verrückten, d.h. eigentlich dem einzigen Normalen, der die unzumutbaren Gegebenheiten nicht aushält und gegen die Verhältnisse angeht. Der einzige, der es nicht mit ansehen kann, wie Frauen jährlich dem Drachen, d.h. einem totalitären Regime, geopfert werden, und der den Kampf wagt. Dazu muss man wahrlich kühn sein, gegen so eine despotische Regierung mit einer Übermacht an Militär, Überwachung und Bestechung anzukämpfen.

Bemerkenswert ist auch, dass diesem Wagemutigen seine Mitmenschen, eine Masse von Mitläufern, nicht zur Seite stehen, sondern gegen ihn sind. Lanzelot aber hat wichtige Unterstützung: seine Liebe zu Elsa und einen unfassbaren Mut, Wagemut und Übermut zugleich. Ihm reicht das nackte Überleben unter derartigen Bedingungen nicht. Er kann sich nicht anpassen – riskiert dafür lieber sein Leben. So einer ist Lanzelot.

Der Drache steht für den Totalitarismus und wird symbolisiert durch die Schlagzeuge. Foto: Candy Welz

Anti-totalitaristisches Mammutwerk

Diese Kooperation der Theater Weimar und Erfurt hat das Zeug zur Opernproduktion des Jahres: Ein Mammutwerk, anti-totalitaristisches Gegenwartsstück und Märchen in einem, an das sich Theater nicht nur wegen der politischen Brisanz, sondern vor allem wegen der enormen praktischen Anforderungen nicht herantrauen.

In Thüringen schwimmt man gegen den Strom und wiederbelebt die Oper. Im jubiläenreichen Jahr 2019, dem 125. Geburts- und 40. Todesjahr des Komponisten Paul Dessau, 50 Jahre Uraufführung und 30 Jahre Mauerfall, ging Lanzelot am 23. November im Theater Weimar über die Bühne und wird ab Mai 2020 in Erfurt weitergespielt. Wie wichtig muss es den Machern also sein, das Werk zu stemmen und in die Welt zu tragen. Das versteht man nicht, besser einfach weiter im Text, da wird es erklärt

„Lanzelot“ von Heiner Müller und Paul Dessau hat 30 Solopartien mit Grenzen sprengenden Stimmanforderungen; eine teils 9-stimmige, anspruchsvolle Chorpartie und einen gigantischen Orchesterapparat, der nicht vollständig in einen Theatergraben passt. Was wollten die Autoren damit ausdrücken? Entsprechen diese äußeren Gegebenheiten dem, was ein Held, der sich mit einem totalitären Regime anlegt, auszuhalten hat, wogegen er ankämpft – vermutlich ebenso mit inneren Extremzuständen hadert? Ist das dann Hybris? Muss man dazu ein bisschen verrückt sein? Ja, und ‚ein bisschen‘ reicht vermutlich nicht.

Lanzelot stürzt nicht nur das despotische Regime, sondern verbündet sich auch mit den Schwachen, gestrandeten Flüchtlingen. Foto: Candy Welz

Was in den 15 Bildern passiert: Steinzeitsiedlung, ein Drache befreit die darbenden Menschen von der Cholera und wird gefeiert. Er wird zum Herrscher der Menschen und verfügt, jedes Jahr ein junges Mädchen zu heiraten, das dann anscheinend verspeist wird. Nun soll es Elsa an den Kragen gehen. Sie ist sich ihres Schicksals wohl bewusst.

Glücklicherweise taucht Lanzelot auf, der ihr verspricht, den Herrscher, also den Drachen, zu töten. Niemand unterstützt ihn. Alle haben Angst, passen sich an. Denn der Drache wütet je nach Lust und Laune, metzelt alles nieder, was sich ihm widersetzt. Trotzdem besiegt Lanzelot das Monster, befreit die Stadt und ihre Menschen. Siegesfeier, bei der sich die nächsten Drachen in Position bringen und sich bereits zu Großem aufschwingen…

Sterben, um etwas Neues zu schaffen

Der inzwischen sechs Mal mit dem Regiepreis des Jahres ausgezeichnete Peter Konwitschny und sein Regieteam, allen voran Helmut Brade, der ein im Nu wandelbares Bühnenbild gezaubert und 200 Darsteller ausgestattet hat, die Dramaturgen Bettina Bartz, Arne Langer und Hans-Georg Wegner und nicht zuletzt der musikalische Leiter Dominik Beykirch bieten eine atemberaubende zeitgemäße Interpretation dieser Oper, die überhaupt erst dreimal inszeniert wurde. Das gesamte Darsteller- und Sängerteam, Chor und Solisten, Máté Sólyom-Nagy als Lanzelot, Emily Hindrichs (in Weimar) als Elsa und Oleksandr Pushniak als Drache – aber auch alle anderen überbieten sich an diesem Abend. Das Ende wird nicht verraten. Sehen Sie selbst!

Alternativtext

Foto: C. Kossek

Wenn man ein wenig nachdenkt, fragt man sich, warum die Bevölkerung in diesem Stück eigentlich gar nicht von ihrem Despoten befreit werden will. Peter Konwitschny findet klare Worte dazu: „Weil die Menschen durch Konsum und Überwachung manipuliert sind und Angst haben vor Veränderung. Es ist eine viele Tausend Jahre alte Erfahrung der Menschheitsgeschichte. (…)

Heiner Müller, der wichtigste Dramatiker des 20. Jahrhunderts, schreibt darüber, man müsse tausende Tode sterben, um etwas Neues zu schaffen, weil das wirklich Neue nicht mir nichts dir nichts zu bekommen ist. Inzwischen macht sich der alte Bürgermeister, der immer mit dem Drachen kollaboriert hat, selbst zum Helden und behauptet, er wäre derjenige, der den Drachen getötet hat.

Wenn Lanzelot zurück kommt, muss er auch noch diesen »Stellvertreter auf Erden« abservieren, bevor er mit den Leuten ein großes Fest feiern kann. Was wird Lanzelot dann für die Leute? Was macht das Volk aus ihm? Wieder einen neuen Herrscher? Wieder einen Drachen? Oder wird es mal anders werden? Und das ist eine Frage, die uns sehr angeht.“

Ich habe die Inszenierung zweimal gesehen und war von der Wucht einfach nur überwältigt. Vermutlich kann ich mich vor dem dritten Mal nicht zurückhalten, neugierig auf all die Feinheiten zu achten, die einem erst bei mehr Distanz auffallen. Gelegenheit dazu gibt es an folgenden Terminen: im Nationaltheater in Weimar am 13.12., 28.12.2019 und am 19.01.2020, am Theater in Erfurt ab 16.05.2020 an fünf Terminen.

Anja Oeck

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Nach 19 Jahren als Redakteurin bei Greenpeace ist Anja Oeck heute Chefredakteurin bei der Tibet Initiative Deutschland und verantwortet dort u.a. den „Brennpunkt Tibet“. Daneben schreibt sie weiter über ihre Lieblingsthemen: Musiktheater, Umweltschutz, innere Arbeit aus psychologischer und spiritueller Sicht und macht mehr und mehr Musik zu eigenen Texten.