Meditation auf die Straße tragen

Christa Spannbauer

Zum Tod von Bernard Glassman

„Die Tiefe der Erleuchtung eines Menschen kann man daran ermessen, wie er anderen dient“. Dieser Satz eines Zen-Meisters gab Bernie Glassman (1939-2018) sein Leben lang Orientierung. Er war Antrieb für ein umfassendes soziales Engagement, das den Tiefen der Meditation entsprang. Jetzt ist Bernie Glassman im Alter von 79 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Christa Spannbauer.

 

Mit Bernie Glassman starb nicht nur einer der wegweisenden Zen-Meister des Westens, mit ihm geht auch ein Menschenfreund, der sich Zeit seines Lebens mit sozialen Projekten für eine bessere Welt einsetzte.

Wer Bernie Glassman (1939-2018) kennenlernen durfte, spürte sofort seine tiefe Mitmenschlichkeit ebenso wie seine rebellische Kraft. Für die Entwicklung des Zen im Westen war er eine richtungsgebende Figur. So entschieden wie kein anderer Zen-Meister vor ihm verband er die Praxis der Zen-Meditation mit konkretem gesellschaftspolitischem und sozialem Engagement.

„Die Tiefe der Erleuchtung eines Menschen kann man daran ermessen, wie er anderen dient“. Diese Worte des Zen-Meisters Kobo-Daishi aus dem 9. Jahrhundert waren ihm zeitlebens Auftrag und Orientierung. Wir können doch nicht einfach auf dem Meditationskissen sitzen bleiben, während da draußen überall Menschen leiden und unsere Hilfe brauchen. Das ist die Kernbotschaft, die weit über den Tod des 79-Jährigen hinaus in spirituellen und buddhistischen Zusammenhängen bedeutsam bleibt.

Denn für ihn bewies sich ein wahrhaft spiritueller Weg im tätigen Mitgefühl und im aktiven Eintreten für eine bessere Welt. Damit wurde der Amerikaner zu einem der weltweit wichtigsten Wegbereiter eines sozial engagierten Buddhismus und zu einem der kreativsten Köpfe des Zen.

In den 1980er Jahren gründete er die international tätigen Zen-Peacemaker, deren Mitglieder sich verpflichten, das, was sie an Weisheit und Mitgefühl in ihrer spirituellen Praxis erfahren, durch aktives Handeln in die Welt einzubringen. Hierfür orientieren sie sich an drei Grundsätzen: dem Nicht-Wissen, also der Bereitschaft, jeder Situation offen, vorbehaltslos und unvoreingenommen zu begegnen; der Verpflichtung, Zeugnis abzulegen von dem, was sie in der jeweiligen Situation vorfinden; und daraus resultierend einem mitfühlenden Handeln, das durch die Anwendung der ersten beiden Grundsätze gestärkt wird.

Wie alles begann

Bernard Glassman, 1939 in New York geboren, begann in den 1960er Jahren mit einer traditionellen Zen-Schulung bei Taizan Maezumi Roshi, von dem er 1995 die Anerkennung als Zen-Meister erhielt. Er gründete eine spirituelle Gemeinschaft und lehrte über Jahre hinweg strenges und traditionelles Zen.

Doch immer mehr spürte er den Drang, den Zendo zu verlassen und das Zen auf die Straßen zu den Menschen zu tragen. „Wenn du die Einheit und die Verbundenheit allen Seins erfahren hast, kannst du gar nicht anders, als dich für deine Mitmenschen einzusetzen.“ Mit diesen Worten lässt sich der Kern seiner spirituellen Erfahrung wohl am besten zusammenfassen. Denn auch wenn Zen eine Meditationspraxis ist, so zeigt es seine Essenz doch nirgends deutlicher als im Alltag.

Wie gehe ich mit den Menschen in meiner nächsten Umgebung um? Was tue ich, um das Leid in der Welt zu lindern? Diese Fragen führten Glassman Roshi dazu, gemeinnützige Organisationen zu gründen und an einem breiten Spektrum an sozialen Aktivitäten mitzuwirken: Obdachlosen- und Gefangenenprojekte, AIDS-Hospize, Kinderbetreuungsstätten sowie weltweit aktive Friedensprojekte.

Mit der Gründung des Greyston-Projekts in New York setzte er einen Meilenstein für soziales Unternehmertum. Hier zeigte er Möglichkeiten auf, wie die Abgehängten der Gesellschaft – Drogenabhängige ebenso wie Obdachlose – in den Arbeitsprozess integriert werden können.

Straßen-Retreats: das Schicksal der Obdachlosen teilen

Es waren gerade die Outsider der Gesellschaft, die Rebellen gegen die bestehende Ordnung, die Abgehängten und die Verlierer des kapitalistischen Gesellschaftssystems, für die Bernies Herz weit offen stand. Mit seinen Straßen-Retreats suchte er immer wieder die Nähe zu ihnen und zeigte ihnen seine Solidarität und Verbundenheit. So ging er mit seinen Schülerinnen und Schülern immer wieder für eine Woche auf die winterlichen Straßen von New York, ohne Geld und nur mit dem, was sie am Leibe trugen, um das Schicksal von Obdachlosen zu teilen.

Weshalb er sich selbst und anderen dies zumutete? Ausschlaggebend für den Glassman Roshi war die Erkenntnis, dass Weisheit und Mitgefühl – die beiden Grundpfeiler des Zen – weniger in der Abgeschiedenheit des Zen-Klosters als vielmehr in der unmittelbaren Begegnung mit dem Leid anderer Menschen zu erlangen sind. Deshalb regte er seine Schüler dazu an, das Meditationskissen im wohltemperierten Zendo hin und wieder mit dem kalten Asphalt der Straße einzutauschen.

Für alle, die an solch einem Retreat teilnahmen, war es eine eindrückliche Lektion. Nie mehr, so berichteten manche danach, würden sie seitdem gedankenlos an einem obdachlosen Menschen vorübergehen. Die Trennung zwischen dem anderen und sich selbst sei verschwunden. Gewachsen sei damit auch das Gefühl von Verantwortung für ihre Mitmenschen in Not und die Bereitschaft, sich engagiert für eine gerechte Verteilung materieller Güter einzusetzen. Bernie Glassman wusste: Es ist die eigene und unmittelbare Erfahrung von Leid, die das Einfühlen in das Leid anderer Menschen erst möglich macht.

Meditieren in Auschwitz

Im europäischen Raum ist er vor allem durch seine jährlichen Auschwitz-Retreats bekannt geworden. An diesem Ort des Grauens brachte er erstmals vor 24 Jahren Menschen aus aller Welt zusammen: die Nachfahren der Opfer und der Täter, Juden und Deutsche. Gemeinsam meditieren sie an der Todesrampe des Vernichtungslagers. Gemeinsam legen sie Zeugnis ab, von dem was hier geschehen ist. Gemeinsam rezitieren sie die Namen derer, die hier ermordet wurden.

Für ihn, den Sohn osteuropäischer Juden, ist dies nicht nur ein Ort, der nach Heilung ruft, sondern zugleich auch ein Ort, der Heilung möglich macht: „Auschwitz ist ein unerbittlicher Lehrmeister, der Menschen in Situationen führt, in denen sie gar nicht anders können als zu lernen und zu verstehen“, machte er in einem Gespräch deutlich. „Die Menschen, die nach einer Woche Auschwitz verlassen, sind nicht mehr die gleichen wie zuvor.“

Bis zuletzt verbunden

Bernard Glassman starb am 5. November 2018 in Massachusetts. Ich selbst verdanke ihm viel. Lange bevor ich ihn 2010 zu einem gemeinsamen Event mit Konstantin Wecker nach Berlin einlud und ein gemeinsames Buch mit ihm verfasste, war ich von seinem Mut und seinen ungewöhnlichen Methoden, Zen zu lehren, beeindruckt. Insbesondere seine Unerschrockenheit und die Überzeugung, dass es die Orte des Grauens sind, die uns viel lehren können, haben mich tief geprägt. Damit wurde er zu einem wichtigen Paten und Impulsgeber unseres Films Mut zum Leben – Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz.

„Was ist das Beste, was du jetzt tun kannst?“, pflegte er Menschen zu fragen, die von ihm wissen wollten, was sie zu einer besseren Welt beitragen könnten. Jeder Mensch, davon war Bernie zutiefst überzeugt, trägt Fähigkeiten und Talente in sich, mit denen er seinen ganz eigenen Beitrag für die Welt leisten kann.

Nach seinem Schlaganfall im Jahre 2016 sah er sich selbst vor die Frage gestellt. „Was ist das Beste, was ich tun kann, wenn ich nicht mehr viel tun kann?“ Wer seine Reaktion aus der Ferne mitverfolgte, wer die Blogs seiner Ehefrau Eve Marko las, konnte miterleben, wie er diese Herausforderung mit Humor, Gelassenheit und ebenso mit der für ihn typischen Ungeduld annahm.

Vor allem aber lebte er das vor, was das Zen zutiefst ausmacht: im Hier und Jetzt das Leben zu leben, das es zu leben gilt. Wer sich als unverbrüchlicher Teil der Welt begreift, wer sich verbunden weiß mit allen, wirkt bis zuletzt an deren Gestaltung mit. Das hat er uns, die wir ihn wertschätzten und liebten, bis zuletzt vorgelebt. Seine Visionen wirken in vielen Menschen weltweit fort. May you rest in peace, Bernie.

Christa Spannbauer

Autorin Christa Spannbauer hatte Glassman zusammen mit Konstantin Wecker nach Berlin eingeladen.

Die Achtsamkeitsautorin Christa Spannbauer praktiziert seit 20 Jahren Zen. Gemeinsam mit Bernard Glassman und Konstantin Wecker verfasste sie das Buch Die revolutionäre Kraft des Mitgefühls, eine Anstiftung, Spiritualität und gesellschaftspolitisches Engagement zusammenzubringen. www.christa-spannbauer.de

 

 

 

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