Müllfrei leben

Ethan Daniels/ shutterstock.com
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Mit Rezepten für Kosmetika

Wie man ohne Verzicht müllfrei leben kann, beweist die Eigeninitiative der Psychologin Lena Stoiber. Die 25-Jährige setzt auf Einfachheit und stellt Waschmittel und Kosmetika selbst her. Sie engagiert sich in der Transition-Bewegung und inspiriert die Umwelt mit ihren Ideen.

„Jetzt reichts! Ich mache mein Deo, meine Zahnpasta und meine Seife jetzt selber!“, beschloss Lena Stoiber eines Tages, als sie die Liste umweltschädlicher Inhaltsstoffe auf den Kosmetikartikeln bewusst und aufmerksam las. Von ihren einfallsreichen Ideen, wie sie Müll konsequent aus ihrem Alltag verbannt hat, berichtete sie auf einem Vortrag der Transition-Bewegung am Ammersee.

Ihr großes Vorbild ist die Pionierin Bea Johnson, die mit ihrem Bestseller „Zero Waste“ eine Anti-Müll-Bewegung in Amerika ausgelöst hat. Bea Johnson hat mit ihrer vierköpfigen Familie im Jahr 2015 insgesamt nur ein Einmachglas mit 183 Gramm voll Müll produziert. Zum Vergleich: Eine deutsche Familie verbraucht pro Jahr zwei Tonnen.

Ein Grund dafür ist, dass Plastik den Menschen in der Wohlstandsgesellschaft immer und überall begegnet. Im Nord-Pazifik schwimmt ein Plastikmüllteppich von der Größe Zentraleuropas. Jedes Jahr werden laut Greenpeace 311 Millionen Tonnen Plastik hergestellt. Das Erdölprodukt finde zunehmend Einzug in Industrie und Privathaushalt – es sei billig, zu billig: Die Recyclingrate liegt weltweit bei wenigen Prozent. Mindestens 150 Millionen Tonnen Müll haben sich Schätzungen zufolge bereits im Meer angesammelt.1

Lena hat daher wie ihr Vorbild in den USA viele Ideen entwickelt, wie sich der Verpackungsmüll und besonders Plastikmüll vermeiden lässt. In Regensburg gibt es schon ein Reparaturcafe , aber demnächst möchte sie in ihrem Heimatort auch einen Unverpackt-Laden initiieren, da es in Deutschland derzeit erst elf verpackungsfreie Supermärkte gibt.

Aufgrund ihrer engagierten Bewerbung wurde sie vor kurzem sogar gemeinsam mit 50 anderen Studierenden und Doktoranden von der Europäischen Akademie Otzenhausen unter Leitung von Prof. Harald Welzer zu einem Wochenend-Kolloquium für den wissenschaftlichen Nachwuchs eingeladen. Der programmatische Titel lautete: „Wege aus der Wachstumsgesellschaft“.

Auf dem Kolloquium stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, u.a. Hans Diefenbacher, Niko Paech und Hartmut Rosa, aus verschiedenen Disziplinen Alternativen zur Wachstumswirtschaft zur Diskussion und versuchten, in gemeinsamen Workshops mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs Denk- und Möglichkeitsräume für eine Postwachstumsökonomie und Wege zur Nachhaltigkeit zu öffnen.

Erster Erfolg: „Ich schaffe den Restmüll ab!“

Wie das Engagement von Lena Stoiber begann? Als sie ihren Freund in den USA besuchte, hatte sie viel Zeit zum Nachdenken und begann, sich selbstkritisch zu hinterfragen: Gibt es etwas, wo ich mit meinen Werten wirklich dahinter stehen kann? Zuvor hatte sie sich noch nie Gedanken gemacht, was mit dem Müll wirklich passiert, bis sie das Buch „Zero Waste“ von Bea in die Hände bekam. „So viel Müll wird durch unsere unbewusste Konsumhaltung produziert“, so ihr Fazit.

Foto-Lena Stoiber-Müllfrei lebenIhr spontaner Entschluss: „Ich schaffe den Restmüll ab.“ Und es funktionierte. Sie fragte sich zunächst, warum es in ganz Regensburg keine Biomülltonne gab. Sogleich besorgte sie sich mit Einverständnis der Vermieterin eine solche und stellte sie vor das Haus. Freunde und Nachbarn reagierten positiv und neugierig, manchmal auch erstaunt.

„Meine Freunde müssen damit leben, dass ich manchmal auch unangenehm bin.“ Obwohl sie konsequent ist und ihre Besucher ihren Müll wieder nach Hause mitnehmen müssen, will sie kein „Öko-Nazi“ sein oder moralische Vorträge halten, sondern in erster Linie Vorbild sein. „Sobald die Menschen eine Zeigefinger-Energie spüren, sind sie weg“, weiß Lena Stoiber.

Veränderung muss bei ihr Spaß machen und in kleinen Schritten umgesetzt werden. „Wichtig ist mir, dass meine Ideen auch im Alltag funktionieren. Ich muss mich über Erfolge freuen können“, sagt sie überlegt. Ihr Konzept: „Ich fange immer mit dem Einfachsten an, mit den kleinen Dingen.“

 „Das Geld geht heute dahin, wo meine Werte sind.“

Wichtig ist ihr auch die gesellschaftliche Wirkung ihrer Arbeit: Ihre Aktion mit der Komposttonne bewegte bereits zwei Zeitschriften zur Berichterstattung. Sie will zeigen, welche oft unterschätzte Macht der Verbraucher hat. Gerne zitiert sie dann den Sozialpsychologen Harald Welzer, Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung „Futurzwei“, der davon ausgeht, dass die gesellschaftliche Stimmung kippen würde, wenn nur 3 bis 5 Prozent der Bevölkerung ihr Verhalten änderten.

Lena Stoiber möchte beweisen, dass ihre innovativen Nachhaltigkeitspraktiken auch alltagstauglich sind. „Natürlich ist es nicht einfach, alte Gewohnheiten zu verändern. Es ist anstrengend und man muss selber nachdenken.“ Wichtig sei es, die eigenen Konsumgewohnheiten Schritt für Schritt zu ändern. So habe sie auch schon oft bei einer Firma angerufen und sich über ein Produkt beschwert.

Langfristig gibt Lena Stoiber dank der Müllvermeidung sogar weniger Geld als früher aus. Auch ihre ethische Einstellung hat sich verändert. Ihr neuer Blick auf den politischen Gesamtzusammenhang hat große Auswirkungen auf ihr Konsumverhalten. Ihr Credo: „Das Geld geht heute dahin, wo meine Werte sind.“ Langfristig zahlen sich die Ausgaben für nachhaltige Gebrauchsgegenstände aus.

Lena zieht unter neugierigen Blicken der Zuhörer aus ihrem mitgebrachten Kulturbeutel ihre täglichen Gebrauchsgegenstände: einen Holzkamm, eine Seife für Haut und Haare, eine selbstgemachte, ca. drei Jahre haltbare Zahnpasta, eine Holzzahnbürste, einen Zungenschaber, selbstgemachtes Deo und einen Rasierpinsel. Auch Waschmittel, Putzmittel und Geschirrspülmittel stelle sie aus Kernseife und Waschsoda selbst her. Durch die unkomplizierte Eigenherstellung wisse sie bei Kosmetika jetzt, was drin ist und sie produziert im Badezimmer keinen Müll mehr.

Immer eine Wasserflasche und Besteck dabei

Ihre Rezepte sind bewusst einfach und zeitsparend, da sie ein großer Fan von Einfachheit sei. „Weniger ist mehr.“ Früher habe sie viel Zeit verbraucht für den Einkauf in verschiedenen Läden. Ihre Devise: „Wenn meine Sachen aus sind, gebe ich immer gleich einen Workshop für 5 – 20 Personen, bevor ich das alleine zu Hause mache. Dann helfen wir in der Gruppe zusammen und sparen eine Menge Müll, weil wir die Zutaten in großen Packungen kaufen können.“ Zur großen Freude vor allem der Zuhörerinnen erklärte sie sich bereit, ihre Kosmetikrezepte an die Runde zu mailen.

Auch den verpackungsfreien Einkauf habe sie gut überlegt und vorbereitet. Sie gehe sie jetzt schon länger mit Blechdosen und Stoffbeuteln aus dem Haus, um Gemüse und Brot einzukaufen. In ihrer Umhängetasche hat sie außerdem immer ein Besteckset aus Holz, eine Stoffserviette und eine Wasserflasche dabei.“

Statt Dinge ständig wegzuschmeißen, verwendet sie bewusst lang haltbare Gebrauchsgegenstände. Ein Umdenken der Verbraucher sei notwendig, wolle man nicht ständig neue Dinge kaufen, besitzen und dann doch wieder wegschmeißen. „Das hat doch mit Achtsamkeit und Verantwortung zu tun“, appelliert Lena Stoiber ans Publikum.

Ihre Kleidung sucht sie im Umsonst-Laden in Regensburg, auf Tauschpartys oder im Kleiderkreisel aus und sie benützt waschbare Binden aus Biobaumwolle.

„Ein Stift fürs Leben“

„Das gedankenlose Wegwerfen von Müll hat mit unserer Konsumhaltung zu tun. Die Dinge, die wir kaufen, sind uns einfach nichts wert“, gibt sie zu bedenken. „Deshalb verschwinden sie schnell und schon kaufen wir das Nächste.“ Die wenigsten Menschen würden auch nur einen Gedanken daran verschwenden, wie viel Müll durch ihre Haltung sinnlos produziert werde.

Es wäre doch viel effektiver, wenn man sich einmal bewusst überlegen würde: Was will ich von einem Gebrauchsgegenstand wie z. B. einer Wasserflasche? Dann solle sich der Verbraucher genau diese Wasserflasche kaufen, auch wenn es mehr Geld koste. „Die hat man dann ein Leben lang.“ So habe man das früher doch auch so praktiziert. „Das habe ich jetzt bei verschiedenen Gebrauchsgegenständen gemacht und so den Stift fürs Leben gesucht und gefunden.“

Die Initiative www.transition-region-ammersee.de lud Lena Stoiber zu einem inspirierenden Erfahrungsbericht als Anstoß für eine „zero-waste-Bewegung“ in der Region ein. Ein Audio des motivierenden Vortrags von Lena Stoiber hören Sie in der Audiothek, wenn Sie Mitglied im Freundeskreis sind oder werden möchten.

Michaela Doepke

1 Bericht der Umweltorganisation Greenpeace über Plastikmüll im Meer hier

Verpackungsfrei leben!
Rezepte zum Selbermachen von Lena Stoiber

Zahnpasta

  • 1 Teil Heilerde (optional)
  • 2 Teile Natron
  • 3 Teile Xylitol Pulver
  • 3-5 Teile Kokosöl
  • Etwas Pfefferminzöl für den Geschmack
  • Etwas Spirulina, Kurkuma und Aktivkohle (optional)
  1. Heilerde, Natron und Xylitol in einer Schüssel gut vermischen.
  2. Kokosöl Stück für Stück dazugeben, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist.
  3. Pfefferminzöl dazugeben und restliche Zutaten dazugeben

Geschirrspülmittel, biologisch hergestellt 

100 ml heißes Wasser
10 gr Kernseife (wir nehmen hier gerne Aleppo)
1,5 Teelöffel Natron
500 ml Wasser
20 Tropfen ätherisches Öl (wir mögen Zitrone, aber auch Lavendel und anderes riecht sehr gut)

Zuerst die Kernseife zerbröseln oder kleinhacken und im heißen Wasser gut auflösen.
Danach Natron, ätherisches Öl nach Belieben und Wasser dazugeben und alles gut verrühren.
In eine Flasche abfüllen: fertig

Das selbst gemachte Handspülmittel ist nicht mit den üblichen Spülmitteln vergleichbar, egal ob Bio oder nicht. Es schäumt nicht und auch ist es viel dünnflüssiger. Aber: Es tut der Wirkung wirklich keinerlei Abbruch.
Das abgewaschene Geschirr wird schnell und einfach sehr sauber, glänzt und behält auch keinen schmierigen Fettfilm! Das Spülmittel macht also genauso sauber wie gekauftes, riecht zudem genauso, wie man es mag, ist natürlich super umweltverträglich UND klar, auch hier wird wieder gespart. Alles also gute Gründe dafür, das Spülmittel selber herzustellen.

 

 

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