Pinke Panik: Wie Barbie sanft die Gemüter erhitzt

Elena Mishlanova/ Unsplash
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Ein Filmkritik von Ines Eckermann

Schon lange hat kein Kinofilm mehr für eine solchen Aufruhr gesorgt – und der Wirbel ist Barbie-pink. „Barbie“ begeistert und verschreckt zugleich. Mittlerweile ist der Film in einigen Ländern verboten, da er religiöse Gefühle verletze. Dabei propagiert der Film etwas viel Subversiveres als bloße Religionskritik: die Hegemonie der Frauen.

Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte spielten kleine Mädchen vor allem mit Puppen, die wie Babys aussahen. So sollten schon die Kleinsten auf ihre spätere Rolle als Mütter eingestimmt werden. Doch dann kam Barbie und bot neue Träume in Pink. Denn auch wenn die Puppe ein unrealistisches Körperbild vermittelt, rüttelte sie bei ihrer Erscheinung 1959 gewaltig an althergebrachten Rollenbildern.

Kein Wunder, dass der Barbie-Film genau damit anfängt: mit einer Gruppe Mädchen, die ihre Babypuppen zerstört, um sich der neuen Identifikationsfigur zuzuwenden.

Während der Film in vielen Ländern einen Hype auslöste, sorgte er in anderen für Empörung. Die Vereinigten Arabischen Emirate waren die ersten die den Film verboten. Es folgten Saudi-Arabien, Kuwait, Vietnam, Pakistan, der Libanon und Algerien.

Das algerische Ministerium für Kunst und Kultur begründete den Schritt damit, dass der Film „Homosexualität und anderen westlichen Abweichungen” zeige, die nicht mit den religiösen und kulturellen Vorstellungen des islamischen Landes übereinstimmten. Dennoch hatten über 40.000 Menschen den Film in Algerien den Film bereits gesehen, bevor er nach 20 Tagen Spielzeit verboten wurde.

Als eine dieser „westlichen Abweichung“ könnte womöglich gelten, dass in Barbie-Land die Frauen das Sagen haben. „Jeder Tag für Barbie ist ein guter Tag“, erklärt die Sprecherin, während Barbie mit einem breiten Grinsen in Cabrio durch ihre pinke Welt fährt.

Und für Frauen läuft es tatsächlich überaus gut: Barbie-Land wird von einer schwarzen Barbie regiert, Ärztinnen sind ebenso weiblich wie Polizistinnen und Feuerwehrfrauen und die Männer spielen, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle. Während im realen Leben nur elf Prozent aller Menschen im All weiblich waren, sind es in Barbie-Land 100 Prozent.

Rebellin mit Traummaßen

Auch wenn Barbie optisch allerhand typisch weiblicher Klischees bedient, zeigt sie jungen Mädchen doch eines deutlich: Frauen können viel mehr als hohe Haken tragen – sie können alles, was die Jungs und Männer können. Und sie machen es mit einem Lächeln. Das ist der Kern des Films: die Diskrepanz zwischen den Potenzialen von Mädchen und Frauen und dem, was ihnen tatsächlich zugetraut und zugestanden wird.

Der Film bemüht sich gar nicht erst darum, die Kritik am Patriachat zu verschleiern. So feiern etliche Kritiken die Reden der Hauptfiguren, die die Herausforderungen des Frauseins auf den Punkt bringen. Der Film macht deutlich: Frau sein heißt, gleichzeitig zu viel und zu wenig zu sein.

„Es ist buchstäblich unmöglich, eine Frau zu sein. Du bist so schön und so klug, und es macht mich fertig, dass du denkst, du bist nicht gut genug. (…) Du sollst für die Männer hübsch bleiben, aber nicht so hübsch, dass du sie zu sehr in Versuchung führst oder andere Frauen bedrohst, denn du sollst ein Teil der Schwesternschaft sein. (…) Du darfst nie alt werden, nie unhöflich sein, nie angeben, nie egoistisch sein, nie hinfallen, nie versagen, nie Angst zeigen, nie aus der Reihe tanzen. Das ist zu schwer!

Es ist zu widersprüchlich und niemand gibt dir eine Medaille oder sagt danke! Und es stellt sich heraus, dass du nicht nur alles falsch machst, sondern auch alles dein Fehler ist. Ich habe es einfach so satt, mir und jeder anderen Frau dabei zuzusehen, wie sie sich selbst verknotet, damit die Leute uns mögen. Und wenn all das sogar auch auf eine Puppe zutrifft, die nur Frauen repräsentiert, dann weiß ich auch nicht weiter“, bringt es Gloria, eine der Hauptfiguren, auf den Punkt – und erntet in etlichen Kinosälen Applaus.

Laute Frauen sind unbequem

Natürlich vermittelt die Puppe selbst ein Körperideal, das für keinen Menschen realistisch erreichen ist. Ebenso mischt der unverhohlene Einfluss des Spielzeugkonzerns Mattel den Beigeschmack des Konsumismus in die bonbonbunte Barbie-Welt. Dennoch ist dem Film etwas gelungen, das offenbar lange überfällig war: Er ist ein Statement der wunden Frauenseele. Dass sich manche Männer, ja sogar ganze Staaten daran stoßen, zeigt einmal mehr: Laute Frauen sind unbequem.

Und vielleicht ist es genau das, was einen pastellfarbenen Film über ein Kinderspielzeug zu einem Horrorfilm für manch männliches Ego macht: Frauen sind nach Jahrhunderten der Objektifizierung und Unterdrückung müde, sich einem ungerechtfertigten Diktat zu unterwerfen. So wird Barbie-Land zur weiblichen Utopie und der Film zum Eskapismus aus einer überfordernden Welt.

 

Ines Maria Eckermann machte einen Doktor in Philosophie. Nebenbei heuerte sie als freie Mitarbeiterin bei verschiedenen Medien an und engagiert sich im Umweltschutz.

Lesen Sie einen weiteren Beitrag der Autorin über Fast Fashion: Mode zum Wegwerfen – Wie Shein, H&M und Co.  Mensch und Umwelt schädigen

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