Besonnenheit lernen in der Krise

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Plädoyer für mehr Persönlichkeitsbildung

In der Corona-Pandemie erleiden wir Kontrollverluste und sind mit unserer Begrenztheit konfrontiert. Manche reagieren mit Gereiztheit und Wut. Die Philosophin Bennent-Vahle rät, zwei Tugenden zu kultivieren: die Besonnenheit, also wohlüberlegtes Tun mit einem weiten Horizont, und Gelassenheit, das Loslassen des Unverfügbaren. Beide sind wichtig, auch für unsere Demokratie.

„Die innere Verfassung des Menschen und seine Gemeinschaftsfähigkeit sind im Grunde eins.“

Hans-Georg Gadamer

Die Anzahl der Gehetzten und Gestressten steigt unablässig. Zweifellos stehen wir vor enormen Hindernissen, wenn wir Ruhe und Zeit zum Nachdenken in unser Leben einzubringen suchen, nicht zuletzt deshalb, weil das Nichtstun in unserer Tradition ein eher schlechtes Prestige hat.

Um gesellschaftlich und beruflich erfolgreich zu sein, stehen viele Akteurinnen und Akteure unter dem ständigen Druck, produktiv auf der großen Bühne der Welt zu agieren. Dabei sind längst auch unsere kreativen Potentiale in den Sog grenzenloser Erfolgsmaximierung geraten. So gibt es seit geraumer Zeit einen Boom freier ichfixierter Persönlichkeitsentfaltung. Selbst Gelassenheit wird hier zum neuen Heilsversprechen.

Angesichts der Corona-Pandemie verlangen ‚Lebenshungrige‘ teilweise mit aggressiver Ungeduld nach zuverlässigen Sofortlösungen. Dass es auch uns Wohlstandskinder eiskalt erwischen kann, darauf waren viele in ihrer behüteten und materiell abgesicherten Existenz nicht wirklich gefasst.

Heimtückische Viren galten bislang als exotisches Faktum, das irgendwo auf anderen Kontinenten vorkam. Jetzt sieht sich eine Generation behüteter westlicher Menschen, die durch ein gut funktionierendes Gesundheitssystem Sterben und Tod auf Abstand zu halten wussten, unübersehbar mit Vulnerabilität und Hinfälligkeit vor der eigenen Haustür konfrontiert.

Mit der eigenen Schwäche und Begrenztheit zurechtkommen

Die Wut, mit der manche ihren Widerstand herausschleudern, spricht eine verräterische Sprache. Im Modus schäumender Artikulation äußern sich, wenn auch uneingestanden, ungeheure Ängste um dieses kleine, hinfällige Leben.

Tiefe Verunsicherung nagt im Inneren, und gerade deshalb müssen viele Menschen sich so maßlos aufspielen und sich vorgaukeln, eine grenzenlos freie, selbstbewusste Individualität zu sein, die sich von niemandem reinreden und etwas vorschreiben lässt.

Ich will nicht sagen, dass ein Protest gegen staatlich auferlegte Maßnahmen in allen Fällen unangebracht ist. Was mich irritiert, sind die aggressive Rage, die Gesten gewaltsamer Unerbittlichkeit, die sich aktuell Bahn brechen und alles umzureißen drohen, was sich ihnen in den Weg stellt.

Diese Raserei ist das absolute Gegenteil einer Praxis der Gelassenheit und Besonnenheit: keine Spur von Zurückhaltung und Selbstrelativierung, keine Akzeptanz des Unausweichlichen. Und kein Hauch von Liebe und Solidarität mit gefährdeten Gruppen und keinerlei Kompromissbereitschaft gegenüber den vielen anderen, die jenseits der eigenen Phalanx stehen.

Hierin zeigt sich die Unfähigkeit, mit der eigenen Schwäche, Sterblichkeit und Begrenztheit einigermaßen würdevoll zurecht zu kommen. Gelassenheit und Besonnenheit, diese alten auf unser Selbstverhältnis gerichteten Tugenden, könnten deshalb mehr als hilfreich sein.

Gelassenheit und Emotionalität neu verbinden

Schon in grauer Vorzeit zielte die Tugend der Besonnenheit auf Selbstreflexion und Selbstkorrektur – auf Haltungen, die es vornehmlich im Dialog mit erfahrenen und wohlmeinenden Anderen zu gewinnen galt.

Allerdings war im antiken Denken mit dieser Tugend weitaus mehr gemeint als die heute oftmals übliche clevere Gefühlstaktik zur Sicherung eigener Vorteile. Vormals war es selbstverständlich, mit einer besonnenen Einstellung eine ethisch-soziale Ausrichtung des Handelns zu verknüpfen. Vor diesem Hintergrund erweist sich eine Erneuerung besonnenen Denkens und Handelns für die Gegenwart als dringlicher denn je – und dies weit über die Corona-Pandemie hinaus.

Erläutert werden muss vor allem, wie bedeutsam eine Kultur umsichtiger Persönlichkeitsbildung für das Gelingen demokratischer Prozesse ist. Denn es kommt heute darauf an, der menschlichen Emotionalität auf neue Weise gerecht zu werden, vor allem aber eine Kultivierung des Mitgefühls anzuregen.

Für einen adäquaten Umgang mit Emotionen bietet die philosophische Tradition zwar viele wertvolle Anknüpfungspunkte, doch diese müssen auf der Basis vertiefter wissenschaftlicher Kenntnisse zum menschlichen Gefühlsleben zeitgemäß austariert und in ihrer praktischen Tragfähigkeit neu bewertet werden.

Es gibt keine Trennung von Emotion und Verstand

Gelassenheit und Besonnenheit sind Tugenden, von denen die Stoiker nicht müde wurden ihr Loblied zu singen. Auch wenn der Stoizismus ohne Frage viele wertvolle Hinweise und wirksame Übungen liefert, sind diese Konzepte doch in vielerlei Hinsicht von einer arglosen Überschätzung unserer rationalen Potentiale gekennzeichnet. Das sinnlich-emotionale Leben wird vielfach abgewertet oder weit in den Hintergrund gedrängt.

Demgegenüber beginnt man in der Moderne in zunehmendem Maße, den positiven Eigenwert unserer emotional-leiblichen Anlagen für ein gelingendes Leben zu erkennen. Philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts sowie vor allem psychologische und neurologische Forschungen belegen diese Erkenntnis. Sie machen augenfällig, dass wir in nahezu keinem Moment unseres Lebens eine scharfe Abtrennung von Emotion und Verstand vornehmen können.

Erst wenn wir in Anbetracht dieses neuartigen Wissens einen zeitgemäßen ‚ganzheitlicheren‘ Begriff der Besonnenheit als Tugend gewinnen, vermögen wir einen Schritt voranzukommen. Vornehmlich muss es darum gehen, die emotionalen Anlagen des Menschen mit erneuerter Sorgfalt zu kultivieren. Man weiß mittlerweile sehr genau, dass man damit am besten so früh wie möglich in allen Erziehungs- und Bildungskontexten beginnen sollte.

Alle weiterführenden Kompetenzen emotionaler Selbstregulierung setzen ein früh angelegtes Basisvermögen voraus, durch das problematische Impulse oder Affekte ausgemacht werden, um sie im Dienst geforderter bzw. wohldurchdachter selbstgesetzter Ziele abzufangen und einzudämmen. Ein solches elementares Vermögen wäre als zentrales Merkmal des Personseins anzusehen.

Indikator für diese neu austarierte Kraft der Besonnenheit ist eine besondere Bewusstseinsnähe zum emotionalen Bereich, der nicht per se zurückgedrängt, sondern sorgsam betrachtet, untersucht und nach ethischen Gesichtspunkten sondiert wird.

Viele Formen sinnlich-emotionaler Welterschließung finden nun durchaus Anerkennung, so dass die strenge Entgegensetzung von Pflicht und Neigung tendenziell überwunden wird. Ethische Orientierung wird hier nicht als Gegenspielerin, sondern als Mitspielerin des persönlichen Gelingens angesehen.

Unleugbar ist aber: Die philosophische Selbstprüfung innerhalb konkreter Situationen, die uns nachdenkend zur Einsicht in die bestmögliche Handlungsweise führen mag, erledigt sich nicht, indem man nach der rationalen Ermittlung des Guten gleichsam nurmehr einen Schalter umlegt.

Will man tatsächlich eine Veränderung herbeiführen, will man sich wirklich aus dem Gängelband fraglicher Affekte herauswinden, so hat man mit Lernprozessen zu rechnen, die von häufigen Fehlschlägen, notwendigen Rekapitulationen und demzufolge langwierigen Prozeduren bestimmt sind.

Meinungen anderer in Betracht ziehen

Kommen wir noch einmal auf das Zusammenspiel von Besonnenheit und Gelassenheit zurück. Beide Tugenden betreffen unser inneres Selbstverhältnis. Sie stehen in enger Wechselwirkung zueinander, was wir verstehen müssen, um weiterzukommen: Denn nur wer besonnen agiert, kann Gelassenheit gewinnen. Und zugleich kann nur diejenige Person, die immer wieder behutsam innezuhalten vermag, zu einer besonnenen Handlungsweise hinfinden.

Während es in der Besonnenheit um ein wohlüberlegtes Tun geht, bildet das Lassenkönnen die Kehrseite unseres Aktivitätsdranges. Im Loslassen wissen wir um die Schwierigkeiten all unserer Bemühungen, akzeptieren das Unverfügbare und die eigene Begrenztheit, Endlichkeit und Unzulänglichkeit, ohne deswegen hart und zynisch zu werden. Die Gelassenen „scheinen von einer Zuversicht getragen zu werden, für die es keinerlei zureichende Gründe gibt“, heißt es bei Martin Seel.

Wie mein Buch “Besonnenheit als philosophische Praxis” darlegt, korrespondiert diese Tugend einem spezifischen Politikverständnis, welches unter Bezugnahme auf Hannah Arendt entfaltet wird. Wir verdanken Arendt eine ungemein wichtige Feststellung. Sie sagt nämlich, dass die Beanspruchung von Wahrheit im politischen Raum als ein eindeutiges Signal von Herrschsucht zu verstehen ist und letztlich auf Gewaltausübung hinzielt.

Wer die eigene Auffassung nicht als eine verhandelbare Sichtweise oder Meinung unter anderen präsentiert, sondern sie als fraglose Wahrheit bzw. als unhinterfragbare, objektive Deutung und Bewertung lebensweltlicher Tatsachen auftischt, der legt, wie Arendt sagt, die Axt an die Wurzeln aller Politik.

Er missachtet, dass wir es auf dem Feld der Politik nicht mit dem Menschen im Allgemeinen, sondern mit Menschen in ihrer Diversität zu tun haben. Demzufolge ist es laut Arendt ein unverkennbares Merkmal echten politischen Denkens, „anderer Leute Meinung (…) in Betracht“ zu ziehen, „und in allen Überlegungen das, was andere denken und meinen, mit zu berücksichtigen.“

Es kommt hier auf die Ausbildung des Gemeinsinns an. Dieser ist als eine Art und Weise des Nachdenkens zu verstehen, die prinzipiell bereit ist, sich aus der emotionalen Verstrickung in Privat- und Gruppeninteressen zu lösen, um sich an die Stelle anderer zu begeben – stets ernsthaft darum bemüht, deren Anliegen anzuhören und nachzuvollziehen.

Den hyperaktiven Lebensstil überdenken

Im Kern der Besonnenheit steht eine Prüfung und Mäßigung spontaner Emotionen. Anders als die Gelassenheit, die heute häufig primär als eine Art Wohlfühlkategorie propagiert wird, verbindet sich mit dem Begriff „Besonnenheit“ in der Regel schnell ein moralischer Anspruch, der von nicht wenigen als Zumutung empfunden wird.

Dies verstärkt sich natürlich, wenn explizit von einer „Tugend“ die Rede ist. Schnell rutscht die Besonnenheit dann in die Ecke lustfeindlicher Kontrolliertheit, welche heute meistens negativ bewertet und folglich zurückgewiesen wird.

Doch wer im Sinne Arendts politisch agieren will, wer demokratiefähig werden will, muss unweigerlich einen besonnenen Umgang mit den eigenen Emotionen erlernen. Dementsprechend ist ein Wutbürger, der das eigene Empfinden verabsolutiert und ungehemmt losbrüllt, kaum als politisch einzustufen.

Besonnenheit verlangt Innehalten, ‚innere Einkehr‘, ein umsichtiges Überdenken eigener Auffassungen, mithin Selbstdistanzierung, Hineindenken in andere Menschen und rückversicherndes Sprechen. Mit ihr ist die Notwendigkeit verknüpft, unseren hyperaktiven Lebensstil wenigstens temporär einzudämmen sowie auch die Menge sich bietender Möglichkeiten deutlich zu beschränken.

Unsere eingefleischten Wunschimpulse und charakterlichen Dispositionen sind zählebig. Selbstveränderung per Knopfdruck (oder besser Kopfruck) wird deshalb immer ein schöner, aber unerfüllbarer Traum bleiben.

Dr. Heidemarie Bennent-Vahle betreibt eine Philosophische Praxis in Henri-Chapelle/Belgien. Sie ist Vorsitzende der IGPP (Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis) und Mitherausgeberin des Jahrbuchs. Sie ist Mitglied des BVPP (Berufsverband Philosophische Praxis), wo sie u. a. auch ausbildend tätig ist. Neueste Buchveröffentlichung: Heidemarie Bennent-Vahle: Besonnenheit – eine politische Tugend. Zur ethischen Relevanz des Fühlens, Verlag Karl Alber 2020

Auf Ethik heute hat sie veröffentlicht “Mit Gefühl ärgerlich sein – Anleitung zum Umgang mit Emotionen”

Foto: Jo Magrean

Warchi | iStock

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