Dutch National Archives
Dutch National Archives

Ehrfurcht vor dem Leben

Albert Schweitzers Ethik und die Grenzen des Guten

Der Theologe und Urwalddoktor Albert Schweitzer schenkte der Welt nach dem Ersten Weltkrieg eine neue Ethik. Zentrales Element ist die Ehrfurcht vor dem Leben. Detlef Kühn skizziert die Grundzüge und erklärt, warum der Realitätstest dieser ethischen Prinzipien so schwierig ist.

 

Albert Schweitzer (1875-1965), der heute nicht mehr ganz so bekannte Urwalddoktor und Friedensnobelpreisträger, hat der Welt einiges gegeben. Zunächst ein praktisches Beispiel christlicher Nächstenliebe: Er verzichtete auf eine mögliche Karriere als Theologe und begann im Alter von 30 Medizin zu studieren. Er baute 1913 in Gabun, damals die nördliche Provinz der französischen Kolonie Kongo, in Lambarene am Ufer des Ogowe ein einfaches Urwaldhospital. Das leitete er, mit Unterbrechungen, bis zu seinem Tode. Und er schenkte der Welt eine neue Ethik, die er kurz nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges formulierte: die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben.

Schweitzer war ein Weltverbesserer. Ein Menschen-Verbesserer. Und dass man ihm den Friedensnobelpreis für 1952 verlieh, hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg große Hoffnung darauf setzten, dass Schweitzers Vorbild tatsächlich die Menschen und die Welt bessern könnte. Doch der Ruhm des Arztes, Theologen, Philosophen und Orgel-Künstlers ist verblasst. Und manche, Undank ist der Welt Lohn, werfen ihm gar vor, er habe nur aus Sorge um sein Seelenheil geholfen und die Schwarzen dabei im Stile eines Kolonialisten bevormundet. Die Spenden für das Hospital in Lambarene fließen heute nur noch spärlich. Die Menschen am Ogowe leben in großer Armut. Ihre ärztliche Versorgung ist noch immer schlecht. Trotz eines staatlichen Krankenhauses gleich neben dem ehemaligen Urwaldhospital.

Die Grenzen des Guten in dieser Welt sind unübersehbar. Nicht nur in Lambarene. Auf der Welt scheint nichts besser geworden. Die Ehrfurcht vor dem Leben hat nicht zugenommen. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben dies zahllose Kriege, Bürgerkriege, Religionskriege und Gewaltherrschaften gezeigt. Zeigen es gerade wieder in Syrien, im Irak und in Libyen. Religiöser Wahn und Terror fordern weltweit Opfer.

Das Leben als höchster Wert

Schon immer war es so: Wer die vermeintlich richtige Idee hat, eine Idee, die auf Namen hört wie Freiheit, Gerechtigkeit, nationale Identität oder göttlicher Willen, der sieht das Recht auf seiner Seite. Der erlaubt sich jedes gewaltsame Mittel, um sein Ziel zu erreichen. Albert Schweitzer hat versucht, dem zu begegnen, indem er das Leben zum höchsten Wert erklärte.

Formuliert hat er seine Ethik erstmals kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Die Franzosen hatten ihm die Arbeit in Lambarene untersagt und ihn schließlich als deutschen Staatsbürger zusammen mit seiner Frau Helene in Frankreich interniert. Dem Ehepaar ging es gesundheitlich schlecht, Schweitzer verfiel zeitweise in Depressionen. 1919 schließlich hielt er in Straßburg zwei Predigten, in denen er seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben erstmals formulierte und mit großem Pathos vortrug.

Dabei überraschte der Theologe dadurch, dass er sich nicht in erster Linie auf die christliche Nächstenliebe und Feindesliebe berief, sondern auf die Vernunft. Die Vernunft, so behauptete Schweitzer, müsse jedem Menschen sagen: „Ich kann nicht anders als Ehrfurcht haben vor allem, was Leben heißt, ich kann nicht anders als mitempfinden mit allem, was Leben heißt. Das ist der Anfang und das Fundament aller Sittlichkeit.“

Ein zentraler Satz für Schweitzers Ethik lautet: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Wer sich dies klar mache, so Schweitzer, könne nichts anders, als anderes Leben zu respektieren und ihm mit Ehrfurcht zu begegnen.

Schweitzer war kein Vegetarier. Aber er empfand das Naturprinzip des Fressens- und Gefressenwerdens als furchtbar. Schon als Kind hatte er auch für Tiere gebetet und bezog sie in seine Ethik ein: „In allem findest du dich wieder. Der Käfer, der tot am Wege liegt, er war etwas, das lebte, um sein Dasein rang wie du, an der Sonne sich erfreute wie du, Angst und Schmerzen kannte wie du, und nun nichts mehr ist als verwesende Materie, wie du über kurz oder lang sein wirst.“ Schweitzer mahnte: „Überall, wo du Leben siehst, das bist du!“

Über das Scheitern der christlichen Nächstenliebe

In seinen beiden Predigten im Februar 1919 mutete er seiner alten Straßburger Gemeinde einiges zu – und allen, an die er sich mit seiner Forderung nach Ehrfurcht vor dem Leben bis heute wendet. Zunächst einmal stellte er klar, dass es keinen Sinn habe, weiter auf die Lehre der christlichen Nächstenliebe zu vertrauen:

„Die christliche Sittlichkeit ist zu keiner Macht in der Welt geworden. Die Menschheit steht so vor uns da, als ob die Worte Jesu für sie nicht existierten. Darum nützt es gar nichts, die sittlichen Gebote Jesu einfach immer wieder zu wiederholen. Wir (müssen) miteinander über das Gute an sich nachdenken, das Grundwesen des Sittlichen begreifen und aus diesem obersten Gesetz alles sittliche Handeln ableiten. Ja, aber ist an der Sittlichkeit überhaupt etwas zu begreifen? Ist es nicht Herzenssache? Beruht sie nicht in der Liebe? Das hat man uns zweitausend Jahre wiederholt – und was ist das Resultat?“

Die zweite Zumutung betraf den Einsatz, den Schweitzer verlangte. Er sah im Helfen und Lebenerhalten nicht nur „das einzige Glück“, sondern auch eine Pflicht. Für jeden. Seinen moralischen Anspruch hat er rigoros formuliert. Schonungslos.

„Ethik“, so schrieb er, „ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt.“ Eindringlich forderte er unser Mitleid mit allen Lebewesen. Auch, wenn es uns schwer falle: „Mitleiden heißt Leiden. Wer einmal das Weh der Welt in sich erlebt, der kann nicht mehr glücklich werden in dem Sinne, wie der Mensch es möchte.“ In seinen beiden Predigten 1919 verlangte er viel. Der Mensch müsse ein Mensch sein, „der die Welt in sich erlebt“ – also auch das Leiden der anderen in sich spürt.

„Ob du damit glücklicher bist oder nicht, ist gleichgültig. Gehorchen ist das einzige, was befriedigen kann. Es geht um eure Seele. Ich möchte Gewalt besitzen, euch zu verzaubern, dass ihr mitfühlend werdet, bis jeder von euch den großen Schmerz erlebt, von dem man nicht mehr loskommt.“

Kritik an Schweitzer

Zwar entschärfte Schweitzer seine Forderung nach grenzenlosem Mitleiden und nach völliger Selbstaufgabe, indem er – überraschend inkonsequent – meinte, auch ein kleines, ehrenamtliches Engagement könne ausreichen. Aber grundsätzlich hat Schweitzer die Grenzen der menschlichen Psyche und die Grenzen des Guten unterschätzt. Wer könnte leben, wenn er ständig alles Leiden dieser Welt in sich spürt?

Der Spiegel befand 1960, Schweitzer habe seiner eigenen Ethik nur deshalb so glaubhaft in begeisternder Übereinstimmung von Wort und Tat folgen können, weil er sie ganz auf sich selbst zugeschnitten habe. Mit anderen Worten: Er hatte das starke Bedürfnis zu helfen und versuchte aus seiner eigenen Motivation, seinem eigenen Leiden an der Welt, eine moralische Regel zu entwickeln, die für alle gilt.

Der in den 50er Jahren fast wie ein Heiliger verehrte Schweitzer hat sich stets als Christ verstanden, hat in Lambarene für Patienten und medizinisches Personal Gottesdienste gehalten. Aber für ihn war Jesus nicht Gottes Sohn, sondern ein Mensch. Ein vorbildlicher Mensch, in dessen Denken und Handeln das Göttliche sichtbar wird.

Gutes tun wollte Schweitzer in der Nachfolge Jesu. Was das für ihn konkret bedeutete, formulierte er 1908 so: „Religion heißt für mich ‚Mensch sein’, schlicht Mensch sein im Sinne Jesu.“ In einem Brief an Helene Breslau, seine spätere Frau, schrieb Schweitzer 1906: „Was ist denn Gott? Etwas Unendliches, in dem wir ruhen! Aber es ist keine Persönlichkeit, sondern es wird erst Persönlichkeit in uns.“

Im Laufe seines langen Lebens hat Schweitzer die Grenzen des Guten immer wieder schmerzlich gespürt. Aber er war Idealist. Feierte die Ideale der Jugend als die wahren Ideale, denen man sein Leben lang treu bleiben müsse. Hier wollte er nicht vernünftig sein, sich nicht mit der Welt und ihren Grenzen arrangieren: „Dass die Ideale gewöhnlich von den Tatsachen erdrückt werden, bedeutet nicht, dass sie von vornherein vor den Tatsachen zu kapitulieren haben, sondern nur, dass unsere Ideale nicht stark genug sind.“

Detlef Kühn

Dieser Essay basiert auf zwei Hörfunksendungen über Albert Schweitzer für den SWR und NDR, die Sie nachhören können.

Die Schriften Albert Schweitzers sind im Verlag C.H. Beck erschienen.

Foto: Maria Sieren

Foto: Maria Sieren

Detlef Kühn lebt in Hamburg und arbeitet als Journalismusdozent und Schreibcoach Für den Hörfunk schreibt er Essays über Fragen von Religion, Philosophie, Anthropologie und Literatur.
Beitrag teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone
Bitte beachten Sie beim Kommentieren die Netiquette unserer Plattform

Ein Gedanke zu „Ehrfurcht vor dem Leben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.