Ein Überblick von Krisha Kops

Die Idee, dass Philosophie eine Lebenspraxis ist, gibt es in West und Ost. Insbesondere die „Sorge um sich selbst“ ist zentral, also Übungen zur Persönlichkeitsentwicklung. Der Philosoph Krisha Kops stellt verschiedene Ansätze vor – von Platon über Hadot bis Gandhi.

Man stelle sich vor, Olaf Scholz träfe auf Platon. Scholz würde seinem Lehrer den Wunsch mitteilen, Bundeskanzler zu werden, woraufhin Platon, der geistige Vater der Philosophenkönige, erwiderte, er solle erst einmal Seelenkunde betreiben, sich um sich selbst sorgen. »Und lerne, was du mußt gelernt haben, würde Platon hinzufügen, „um an die Angelegenheiten der Stadt zu gehn.

Ein philosophischer Berater wie Platon würde wohl die politische Landschaft nachhaltig zum Positiven verändern. Was Platon eigentlich nicht Scholz rät, sondern Alkibiades, ist die sogenannte Sorge-um-sich, die mit der Philosophie als Lebensform in Verbindung steht.

Es war der französische Philosoph und Historiker Pierre Hadot (1922-2010), der die antike und hellenistische, aber auch teils die christlichen und modernen Philosophien als „manière de vivre“ (Lebensform) bezeichnete. Ergänzend dazu betonte Michel Foucault in seinem Spätwerk die Sorge um sich selbst. Dieses Verständnis der Philosophie unterscheidet sich von anderen, beispielsweise dem heute dominierenden analytischen.

In Bezug auf die Stoiker machte Hadot etwas geltend, das die Philosophie als Lebensform per se trefflich beschreibt: „In ihren Augen besteht die Philosophie nicht in der Lehre einer abstrakten Theorie […], noch weniger in der Auslegung von Texten […], sondern in einer Lebenskunst […], einer konkreten Haltung, einem festgelegten Lebensstil, der sich auf die ganze Existenz auswirkt. Die philosophische Tätigkeit erstreckt sich nicht nur auf das Wissen, sondern auf die eigene Person und das Dasein: Sie ist ein Fortschreiten, das unser Sein wachsen läßt und uns besser macht […]; sie ist Bekehrung, die das ganze Leben verändert und das Wesen desjenigen verwandelt, der sie vollzieht.

In diesem Zitat werden gewisse Eigenschaften der Philosophie als Lebensform erkennbar: Sie beabsichtigt, die Philosophierenden wenn möglich gänzlich zu transformieren. Diese Transformation wird dadurch erwirkt, dass das Philosophieren sich nicht bloß auf die Theorie fokussiert, sondern einen starken praktischen Charakter bekommt. Das bedeutet, dass sie sich im Alltag bemerkbar macht, etwa durch unsere Lebensvollzüge und Sichtweisen.

Philosophie im Dienst des guten Lebens

Die Philosophie als Lebensform verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Das macht sich unter anderem darin bemerkbar, dass sie geistige Exerzitien oder Übungen gebraucht, die moralische, psychische, ethische, seelische und intellektuelle Aspekte miteinbeziehen. Solche Übungen, welche auf die permanente Veränderung des Habitus abzielen, können asketische, meditativ-kontemplative, schreibende, lesende, dialogische und andere Formen annehmen.

Dabei macht es sich dieses therapeutische Philosophieren unter anderem zur Aufgabe, das Urteilen, Streben und die falschen Begehren zu bändigen, um so freier, gelassener, gegenwärtiger, objektiver und wachsamer zu werden. Anders gesagt: um seinen Mitmenschen und sich selbst ein besseres Leben zu ermöglichen.

Obzwar Hadot erst spät erkannte, dass man die Philosophie als Lebensform auch in nicht-europäischen Philosophietraditionen vorfindet, kann man offensichtlich viele indische (und andere) Denkschulen als philosophische Lebensformen verstehen, welche die Sorge um sich als festen Bestandteil haben.

Diese Philosophien umspannen das ganze Leben, wirken mit Hilfe von spirituellen Übungen therapeutisch und beabsichtigen, die Übenden zu freieren, gegenwärtigeren, weniger leidenden, selbstloseren, gezügelteren wie ethischeren und damit glückseligeren Personen zu transformieren.

Dementsprechend ist bei den allermeisten indischen Philosophien das Leiden der Ausgangspunkt. Um dieses Leiden zu überwinden, werden verschiedene Methoden vorgeschlagen, sei es Meditation, Kontemplation oder das Handeln an sich. Auch hier ist das Ziel eine ganzheitliche Transformation, ein Zustand der Befreiung, der in einer Glückseligkeit mündet.

Aber auch die anderen von Hadot genannten Aspekte findet man hier wieder. So spielt das Ethische, etwa die Gewaltlosigkeit, eine gewichtige Rolle. Der Selbstbezogenheit, dem Ego soll Einhalt geboten werden, um so die richtige Sicht auf die Welt zu ermöglichen. Unter anderem geschieht dies durch die Zügelung der Sinne. Und der heute so verbreitete Begriff der Achtsamkeit findet insbesondere insbesondere im Buddhismus seinen Ursprung.

Man kann andere nicht führen, wenn man nicht für sich selbst gesorgt hat

Obwohl die philosophische Forschung mittlerweile Hadots blinden Fleck beseitigt hat, wurden interessanterweise bis auf den Nobelpreisträger Rabindranath Tagore keine moderneren indischen Denkerinnnen oder Denker mit der Philosophie als Lebensform in Verbindung gesetzt. Und das, obwohl diese Art des Philosophierens bis weit in die indische Moderne praktiziert wird.

Die Forscher setzen sie zumeist in den religiösen, vielleicht auch in einen politischen Kontext, nicht aber den der philosophischen Lebensform.

Besonders bei Mahatma Gandhi, dem Philosophen Sarvepalli Radhakrishnan sowie anderen Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts ist dies augenfällig. Sie verstehen Philosophie als eine ars vivendi, eine Lebenskunst. Die dadurch verrichtete Arbeit an sich selbst dient als Bedingung, um politisch aktiv zu werden.

Mithin versteht Radhakrishnan seine Philosophie nicht nur als ein Beitrag zum politischen Geschehen seiner Zeit, sondern übernimmt später selbst als 2. Präsident Indiens politische Verantwortung und wird so zu einer Art Philosophenkönig.

Bei Gandhi wird die Verflechtung von der Sorge um sich selbst und dem politischen Wirken noch ersichtlicher. Gandhi ist der bessere Alkibiades. Denn Gandhi betreibt durch verschiedene Exerzitien, wie Fasten oder philosophische Introspektion, immerfort die Erforschung seiner eigenen Seele mit dem Ziel, die durch seine Selbsttransformation erlangte Erkenntnis des Wahren und Guten in sein politisches Handeln zu integrieren.

Man kann also das – was Foucault in Bezug auf Alkibiades schreibt und auf viele der heutigen Politiker nicht zutrifft – spiegelbildlich auf Gandhi anwenden: „Das »Sich-um-sich-selbst-Sorgen« ist im Willen des Individuums, politische Macht über andere auszuüben, enthalten und leitet sich daraus ab. Man kann die anderen nicht gut führen, man kann seine Privilegien nicht in politisches Handeln, in rationales Handeln verwandeln, wenn man sich zuvor nicht um sich selbst gesorgt hat.

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Foto: privat

Krisha Kops ist Philosoph und Publizist. Er studierte Philosophie und internationalen Journalismus in London, bevor er in interkultureller Philosophie promovierte. Neben seiner theoretischen Arbeit verantwortet er im Rahmen seiner praktischen philosophischen Tätigkeit die Geschäftsführung von wirhelfen.eu.