Was macht eine gelingende Kommunikation aus?

Foto: sanwen/Photocase
Foto: sanwen/Photocase

Vier Praktiken für den Alltag nach dem Physiker David Bohm

Warum verlaufen Gespräche oft nicht zufriedenstellend? Der Physiker David Bohm entwickelte in den 80er Jahren Prinzipien für einen gelingenden Dialog. Der Clou ist die Bereitschaft, sich zu öffnen und Neues ins eigene Leben zu integrieren. Die Kommunikationsexpertin Antje Boijens beschreibt, wie wir ein gutes Gespräch führen können.

Das Wort Kommunikation bringt es bei Google auf rund 35 Millionen Einträge. Mit anderen Menschen rund um den Erdball zu kommunizieren, war technisch noch nie so leicht wie heute. Doch Kommunikation bleibt eine menschliche Herausforderung. Denn sobald Menschen miteinander sprechen, äußern sich unterschiedliche Perspektiven, Interessen, Bedürfnisse oder Erwartungen. Außerdem können unterschiedliche Voraussetzungen und Annahmen im Spiel sein.

Dazu positionieren sich Sprechende gern hierarchisch, sodass ein Machtgefälle im Gespräch entsteht – und das durchaus nicht nur in beruflichen Zusammenhängen. Die Frage „Wer hat hier wem was zu sagen?“ bestimmt Stammtischgespräche offensichtlich oder untergründig eben so sehr wie jede andere Art des Gesprächs – berufliche Besprechungen, wissenschaftlichen Diskurs, Talkshows genauso wie Gespräche im Sandkasten, in der Familie und unter Freunden.

Vor diesem Hintergrund wird Einigung und ein gemeinsames Verständnis im Gespräch umso unwahrscheinlicher, je verschiedener die Interessen, Standpunkte und Annahmen und je stärker die Machtunterschiede sind, die in ein Gespräch eingehen. Wie müsste Kommunikation ablaufen, damit wir uns wirklich verstehen und verständigen können und was müssten wir dann konkret anders machen?

Kern eines Dialogs sind Fragen und Neugier

Der amerikanische Physiker und Philosoph David Bohm (1917-1992) hat in den 80er Jahren eine faszinierende Antwort dazu formuliert. Und um es gleich vorweg zu sagen: Sie ist nicht einfach. Der nach ihm benannte „Bohmsche Dialog“ ist kein Gesprächsformat fürs Reality TV und keine Patentlösung, die mal eben schnell eingesetzt werden kann. Wer „dialogisieren“ möchte, muss zuallererst das Missverständnis überwinden, dass ein Dialog damit beginnt, dass zwei oder mehr Menschen einfach miteinander reden.

Einen Bohmschen Dialog zu führen, heißt, sich auf einen sorgfältig zu gestaltenden Denk- und Spürprozess einzulassen und alle Gewissheiten loszulassen, inklusive der Gewissheit, dass eine/r wüsste, wie der – genau dieser – Dialog funktioniert. Alles ist im Fluss – Gewissheiten, Voraussetzungen, Ansichten und Einsichten. Nicht eine/r hat die Lösung. Sie entsteht überhaupt erst durch die Beteiligung aller im Gespräch.

In Dialogen haben daher vor allem Fragen, Interesse, Neugier und unser Forschergeist einen festen Platz. Als Zuhörer und Aktive beschäftigen einen Fragen wie:

  • Was passiert mit uns und mit unserem Gegenüber, wenn wir wirklich zuhören?
  • Wie können wir das, was wir fühlen, sehen oder erkennen, in Gespräche einfließen lassen?
  • Wie können wir im Gespräch absichtslos und frei von Bewertungen sein?
  • Wie schaffen wir es, unterschiedliche Sichtweisen zu nutzen, um uns gemeinsam weiterzuentwickeln, statt uns zu distanzieren?

Sich für Neues öffnen

Dialoge funktionieren also nicht über unser übliches Diskussionsverhalten, z.B. durch Überzeugungsarbeit, Druck oder Rhetorik. Hilfreich ist viel mehr die Bereitschaft zum Zuhören und zur kritischen Reflektion eigener Annahmen. Auch gehört dazu die Fähigkeit – und menschliche Größe –, sich verunsichern zu lassen und radikal das zu akzeptieren, was sich im Dialog zeigt. Dann erst lohnt sich ein Dialog.

Dann kann der Dialog neue Welten erschließen. Das wechselseitige Zuhören und der Bezug aufeinander im Dialog öffnet die Beteiligten so, dass etwas Neues entstehen kann, das uns gleichzeitig verbindet und transzendiert. Mit dem Dialog kann sich Bewusstsein und die Utopie weiter entwickeln, dass Verstehen und ein gemeinsam geteilter Sinn bei aller Komplexität und bei allen Unterschieden in unserer Welt heute möglich sind.

Um zu verstehen, woher Bohm die Sicherheit nahm, dass es eine Form des Gesprächs gibt, die das „Ich oder Du?“, das „Dies oder Jenes?“ einer polaren Weltsicht und Denkweise überwindet, ist es nützlich, sich ganz kurz und bescheiden mit der Weltsicht des Physikers David Bohm vertraut zu machen.

Die Vision Bohms: die Einheit des Universums

Seine Forschungen führten den Physiker zu einer Vision, wonach Wirklichkeit als eine ungebrochene Ganzheit in fließender Bewegung existiert. In dieser Vorstellung von Wirklichkeit sind alle Gegensätze aufgehoben, insbesondere der Gegensatz von Geist und Materie. Alles ist und alle sind miteinander verbunden.

Sinn, Energie und Materie bedingen sich gegenseitig und bringen sich wechselseitig hervor. Mit dieser Sichtweise der Schöpfung und des Universums beeinflusste David Bohm Einstein, de Broglie und andere bedeutende Naturwissenschaftler seiner Zeit sowie Philosophen, Mediziner, buddhistische Lehrer, Psychologen und Künstler bis zum heutigen Tag. Nicht verwunderlich, dass die Neurowissenschaften heute vieles von dem nachweisen können, was Bohm aus seiner Beschäftigung mit der Physik ahnte und erschloss.

Schließlich gab es für ihn nur den Dialog als Medium, um sich an ein grundlegendes Verständnis von Welt anzuschließen und gleichzeitig dieses Grundverständnis überhaupt herzustellen. Es geht in jedem Dialog um nichts Geringeres als um eine Form und eine Praxis, die die Ordnung des Universums, seine Ganzheitlichkeit, Prozesshaftigkeit und Nicht-Teilbarkeit erfahrbar macht, reproduziert und repräsentiert.

Logisch, dass dieser Prozess und ein Verständnis von Ganzheitlichkeit nur entstehen kann, wenn ein solcher Dialog auf Augenhöhe stattfindet. Macht und Hierarchie sind im Dialog hinderlich und müssen zumindest für die Dauer des Dialogs aufgehoben werden. Nur die Akzeptanz der Gleichrangigkeit alles Gesagten und der Respekt vor der Einzigartigkeit und Gleichwertigkeit aller Sprechenden ermöglicht, die Energie der Verbundenheit (wieder) herzustellen. Sie kann dann genutzt werden, um zu Einsichten zu gelangen, zu denen wir alleine nicht kommen würden. Damit wären wir bei dem richtigen Verständnis des Wortes Dia-log: es geht um Sinn, der(überhaupt nur) durch das Gespräch entsteht.

Vier Praktiken für einen gelingenden Dialog

Der Dialogforscher William Isaacs bezeichnet den Dialog denn auch als „Kunst, gemeinsam zu denken“. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Art, wie wir unsere Verbundenheit im Dialog miteinander lebendig werden lassen können. Im Anschluss an Bohm hat er mit den vier Dialogpraktiken essentielle Fähigkeiten für den Dialog definiert.

1. Zuhören: An erster Stelle steht die Bereitschaft zum (Zu- oder) Hinhören. Dadurch wird es überhaupt möglich zu erkennen, dass das, was andere sagen, auch in mir ist und auch, dass andere Perspektiven ebenso wichtig sind wie meine, weil jede einen Aspekt (ein „Teilchen“) von Wirklichkeit darstellt. Mit dem hingebungsvollen Zuhören entwickeln wir auch die Fähigkeit, uns in andere Standpunkte einzufühlen, sie ganz in uns aufzunehmen – großzügig und ohne sie gleich zu werten.

2. Respekt: Die zweite Praktik – übrigens sind sie alle gleichrangig – ist das Respektieren. In dieser Haltung kümmere ich mich darum, Gesagtes wertzuschätzen und Perspektiven von anderen als legitim zu betrachten. Insbesondere, wenn man die Perspektive von anderen nicht versteht, nimmt man an, dass es gute Gründe für das Gesagte gibt, auch wenn ich sie vielleicht nicht kenne.

Dazu kommt wieder die Selbsterforschung. Dialogpraktiker sind sich bewusst, dass eine respektvolle Haltung notwendig ist, weil beim Zuhören immer eigene Bewertungen miteinfließen. In diesem Bewusstsein verzichten sie – zumindest für den Moment des Dialogs – auf jede Form von Abwertung oder Abwehr, auf Schuldzuweisung oder Kritik gegenüber den Gesprächspartner. Sie akzeptieren Grenzen, verstehen sie, benennen aber auch, wenn Grenzen überschritten wurden.

3. Innehalten und das Suspendieren eigener Haltungen, Annahmen und Bewertungen ist die dritte wichtige Dialogpraxis. Insbesondere hier findet man deutlich die spirituellen Bezüge von David Bohm wieder, der seine Form des Dialogs gemeinsam mit Jiddu Krishnamurti entwickelt hat.

Innehalten und Suspendieren ist ein wichtiger Teil der Achtsamkeitspraxis. Dies dürfte insbesondere geübten Meditierenden bekannt vorkommen. Eine Herausforderung bleibt es jedoch immer, „in die Leere zu fallen“. Es ist für niemanden leicht, eigene Sicherheiten loszulassen, neue Perspektiven willkommen zu heißen und eigene Gedanken, Emotionen und Meinungen ebenso wie die von anderen anzuerkennen und anzunehmen , ohne in automatische Verhaltens. und Bewertungsmuster zu verfallen.

4. Sich mitteilen: Last but not least geht es im Dialog darum, die eigene Stimme erklingen zu lassen und in den Raum zu bringen. Die Absicht dabei: auszudrücken, was in einem ist und und gesagt werden will. Der Dialog öffnet einen Raum, in dem es möglich wird, die eigene, authentische Sprache zu finden. Auch geht es darum, einen Weg zu finden, um sich mitzuteilen und so zu sprechen, wie es einem entspricht. Im Dialog ist es wichtig, aus dem Herzen zu sprechen, einen Standpunkt einzunehmen und zu sagen, was man wirklich möchte.

Dialog will gelernt sein

Alle diese Haltungen sind Übungssache, denn Dialogfähigkeit lässt sich nur praktisch erfahren und lernen. Offensichtlich ist der Schatz, der in dieser Form der Kommunikation liegt, langsam im Bewusstsein unserer Welt angekommen. Der Bohmsche Dialog wird inzwischen weltweit als Gesprächsformat für die unterschiedlichsten Zwecke (Teamentwicklung, Resozialisierung, Konfliktlösung, Innovation…) genutzt. Viele Menschen haben den Ansatz von Bohm produktiv weiterentwickelt, darunter Peter Garrett, William Isaacs und David Kantor, um nur einige zu nennen.

Den hohen Anforderungen an uns selbst und an die Prozessgestaltung für einen echten Dialog steht heute eine fragmentierte Weltwirklichkeit gegenüber, die dieses Formats möglicherweise bedarf wie selten zuvor. Mehr denn je brauchen wir einen freien, ja leeren Raum, in dem wir entschleunigt denken und sprechen können, wo Ideen und Dinge sich entfalten dürfen, in dem Widersprüche auftreten dürfen und in dem es um tiefer gehende Themen/Fragen geht.

Wenn das Ziel darin besteht, gemeinsam den tieferen Sinn unserer Existenz zu verstehen oder wenn es um nachhaltige Lösungen geht – egal ob in Wirtschaft, Gesellschaft oder im Privatleben – ist der Dialog, so anspruchsvoll wie er ist, immer auch zutiefst befriedigend und sogar beglückend. Denn wie es der  ehemalige Mönch Rodney Smith formulierte:  „Das größte Geschenk, das wir einem Mensch machen können, ist, ihn zu verstehen.“ Im Dialog können wir anderen dieses Geschenk geben und es dadurch auch selbst empfangen.

Antje Boijens

DSC_4362Antje Boijens, Jahrgang 1953, seit 1996 selbständig als Leadership-Trainerin, Coach und Moderatorin national und international; Weiterbildung in den Bereichen Coaching, Dialogbegleitung, Teamentwicklung, interkulturelle Kompetenz und Konfliktmanagement. Meditationspraxis seit 1989, u.a. am Benediktushof, Gampo Abbey und bei Thich Nhat Hanh. Ausbildung zur MBSR-Lehrerin 2013/14

Hier geht es zu ihrer Website 

Tipps zum Lesen:

David Bohm, Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussion, Klett-Cotta, 7. Aufl. 2014
 
 
William Isaacs, Dialog als Kunst gemeinsam zu denken, Edition Humanistische Psychologie, 2. Aufl. 2002
 
 
 

 

 

 

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2 Gedanken zu „Was macht eine gelingende Kommunikation aus?

  1. Lieber Albrecht Merkle,

    Sie haben völlig Recht, von alleine geht in der Kommunikation nichts. Gerade deswegen, weil viele meinen, „Reden kann schließlich jede/r“ geht ja so viel schief. Vielleicht hätte ich das noch deutlicher sagen können: das muss geübt werden.

    Tatsache ist nämlich, dass ich als Trainerin, Coach und Konfliktmoderatorin Dialoge prinzipiell so moderiere, dass sie zum Lernfeld ohne moralischen Zeigefinger werden können. Übrigens auch für mich; ich lerne noch jedes Mal mit meinen Klienten bzw. Teilnehmer/innen.

    Da wären wir also bei der wirkungsvollen äußeren Unterstützung, von der Sie sprechen und auch bei der Vorbildfunktion, die ich gerne übernehme, weil mir klar ist, wie inspirierend und wichtig es ist, zu erleben, dass diese Haltung wirklich und ganz real in konflikthaften Situationen eingenommen werden kann und welche Wirkung davon ausgeht.

    Kurzum: auch wenn sie etwas Zeitversetzt kommt: Zustimmung meinerseits auf der ganzen Linie und vielen Dank für Ihren Beitrag!
    Antje Boijens

  2. Gelingende bzw. wirksame Kommunikation ist gerade in Konflikten die „Königsklasse“. Nie einfach, aber möglich.

    Danke für tolle Impulse und Anregungen mal über das eigene Kommunikationsverhalten nachzudenken.

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