Die Psychotherapeutin Christine Brähler im Interview

Die Corona-Krise zwingt uns in die Abgeschiedenheit. Neben gesundheitlichen Problemen sind Alleinsein, Einsamkeit und Ängste die großen Themen. Christine Brähler, Expertin für Selbstmitgefühl, spricht im Interview über ein verdrängtes Thema und empfiehlt, mehr für die seelische Gesundheit zu tun.

 


Frage: Frau Brähler, was hat Sie bewogen, ein Buch über Wege aus der Einsamkeit zu schreiben?

Ich habe mich schon lange mit Scham und sozialer Ausgrenzung beschäftigt, die mit dem Gefühl der Einsamkeit verwandt sind. Zu Beginn meiner klinischen Laufbahn habe ich häufig mit Menschen mit Schizophrenie und Psychose gearbeitet. Sie leiden massiv unter der sozialen Ausgrenzung und Einsamkeit. Das hat mich berührt.

Daher habe ich schon vor rund 14 Jahren mit Kollegen mitgefühlsbasierte Ansätze entwickelt für die Menschen, die alleine vor sich hinvegetieren, sich am Rande der Gesellschaft bewegen und wirklich leiden. Durch die Mitgefühlspraxis konnten sie ein Gefühl der Verbundenheit entwickeln, Selbststigmatisierung und damit Scham überwinden.

In der Folge habe ich mich auf Selbstmitgefühl spezialisiert, das ein wundervolles Gegenmittel ist für Scham. Ich setze mich gerne bewusst mit Themen wie Einsamkeit und Scham auseinander, die von unserer Gesellschaft weitgehend tabuisiert oder dämonisiert werden. Sie werden zwar angesprochen, aber die Art und Weise, wie wir mit diesen Emotionen umgehen, finde ich problematisch.

Die Sprache hat etwas von Bekämpfen und Ausmerzenwollen. Dadurch wird die Angst vor der Einsamkeit mehr geschürt. Das hat den paradoxen Effekt, dass die Leute denken: ´Oh Gott, das muss ich mit allen Mitteln vermeiden, zu Hause alleine zu sitzen und mich möglicherweise einsam zu fühlen.` Und das war so ein Hauptbeweggrund, dieses Buch zu schreiben, Einsamkeit kann auch eine Chance sein, enger mit uns in Verbindung zu kommen.

Im Moment kann man die Einsamkeit nicht mehr kompensieren durch Aktivitäten im Außen. Tauchen da nicht automatisch Gefühle wie Angst, Depression oder Leere auf? Wie kann man damit umgehen?

Wenn wir nicht gewohnt sind, mit unserem Geist zu arbeiten, bemerken wir erst mal, wie viele Gedanken durch unseren Kopf wandern, wie oft wir uns Sorgen machen und in destruktive Grübeleien verfallen. Also es ist gut, erst mal zu wissen, dass das normal ist. Dann kann jeder für sich schauen, was brauche ich jetzt, um mit diesem untrainierten Geist umzugehen.

Viele Anbieter haben hilfreiche Meditationsapps zur Verfügung gestellt, damit Menschen sich mit sich selbst verbinden können. Das ist eine Voraussetzung, um mit den anderen Gefühlen direkt zu arbeiten: Erst zu sehen, welche Gefühle sind im Moment präsent, um dann eine gewisse Steuerungsfähigkeit über den Geist zu entwickeln.

Einsamkeit ist kein Altersphänomen

Handelt es sich bei Einsamkeit um eine moderne Form der Epidemie? Was sagt die Wissenschaft dazu?

Foto: Tom Freudenberg

Der Ausdruck Epidemie in Bezug auf Einsamkeit wird in den Medien viel verwendet. Ich sehe den Ausdruck etwas kritisch, denn wir wissen durch den Kontext von Corona, was Epidemie tatsächlich bedeutet. Die Studie, auf die ich mich beziehe, wurde vom deutschen Zentrum für Altersforschung in Auftrag gegeben und 2019 veröffentlicht. Sie zeigt, dass es von 2011 bis 2017 im Erleben von Einsamkeit in der Altersgruppe von Menschen, die 45 bis 84 Jahre alt waren, einen Anstieg von 15 Prozent gegeben hat. Studien aus Deutschland, Großbritannien und den USA zeigen, dass wir in allen Lebensphasen Einsamkeit erleben können. Also jeder kann davon betroffen sein zu jeder Lebensphase.

Wie definieren Sie Einsamkeit im Unterschied zum Alleinsein?

Alleinsein ist der objektive Zustand, dass da gerade niemand ist. Das sagt aber noch nichts darüber aus, wie ich das innerlich erlebe. Einsamkeit ist dagegen ein subjektives emotionales Erleben, das mich belastet. Dann erlebe ich mich getrennt von anderen und habe auch das Gefühl, dass da niemand ist, der mich versteht, der mich sieht.

Also ich kann mich in Gemeinschaft trotzdem einsam fühlen?

Ganz genau. Ich kann in einer engen Partnerschaft sein und mich einsam fühlen.

Was empfehlen andere Einsamkeitsforscher?

Der Soziologe Hartmut Rosa hat allgemein bemängelt, dass wir uns in der Gesellschaft eher als Einzeller erleben und nicht in Verbundenheit mit anderen. Die Resonanz fehlt, das ist seine Hypothese.  Andere haben erforscht, dass es vor allem wichtig sei, die Qualität der Beziehungen zu fördern und nicht die Quantität. Fakt ist: Ein Mensch kann gar nicht mehr als fünf enge Freunde oder nahestehende Personen haben. Daher sei es viel wichtiger, die wenigen nahen Beziehungen zu pflegen.

Die Einsamkeitsforscherin Pamela Qualter sagte, dass es wichtig sei, zu lernen, liebevoll mit sich umzugehen. Und hier setzt das Selbstmitgefühl auch an. Wenn ich lerne, mit Gefühlen wie Scham, Einsamkeit, Leere, Verletzlichkeit mitfühlend umzugehen, kann ich sie besser regulieren und mich mit mir selbst verbundener fühlen. Dadurch entsteht auch wieder eine Verbundenheit mit außen, auch wenn ich tatsächlich nicht mit anderen Menschen zusammen bin. Das ist ja ein subjektives inneres Erleben, das wir selbst verändern können.

Der Fluch der Freiheit

Ist Einsamkeit auch kulturbedingt? Führt unser Individualismus und Freiheitsanspruch, unser Leistungs- und Konkurrenzdenken zu mehr Einsamkeit?

Ich habe recherchiert, weil ich auch gedacht habe, in traditionellen Kulturen müssten sich die Menschen doch weniger einsam fühlen. Aber ich habe keine klaren Antworten gefunden. Was ich herausgefunden habe, war, dass sich in Großstädten mehr Menschen einsam fühlen.

Und dann gibt es eine Hypothese von chinesischen Forschern, die sagen: Je weniger persönlichen Raum ich habe, je dichter gedrängt ich mit anderen bin, desto gestresster bin ich. In dieser Situation will man sich einfach zurückziehen.

Das andere, was Sie angesprochen haben, ist natürlich auch interessant, denn traditionelle Familienstrukturen sind aufgebrochen. Dadurch gibt es Freiheit und Mobilität. Wir fühlen uns nicht mehr so zugehörig zu einer bestimmten Gruppe. Verbundenheit und Loyalität gehen verloren. Der Fluch der Freiheit führt bei vielen Menschen in der Folge zu einem Einsamkeitserleben.

Es braucht soziale Kompetenzen, um mit dieser Freiheit gut umzugehen wie Selbsterkenntnis, Selbstregulation, Eigeninitiative, auf andere zugehen zu können. Wenn ich die nicht habe, dann scheitere ich eher, fühle mich eher einsam. Ja, Leistungsdenken, Wettbewerb oder sich dauernd zu vergleichen, das schafft Getrenntsein im Geist. Je mehr wir uns in diesem Denken bewegen, desto mehr kultivieren wir innerlich eher Getrenntsein als Verbundenheit.

Gesundheitliche Folgen: mit Einsamkeit im Dauerstress

Einsamkeit gehört zu den größten Herausforderungen für uns Menschen heute. Welche gesundheitlichen Folgen kann Einsamkeit haben

Menschen, die sich über einen langen Zeitraum hinweg einsam fühlen, erleben üblicherweise auch ganz viele andere Arten von Stress, z. B. Armut oder andere psychische Erkrankungen. Und im Grunde ist es wichtig zu verstehen, dass chronische Einsamkeit ein Bedrohungserleben ist, welches durch Entzündungen das Immunsystem einschränken und somit zu erhöhter Sterblichkeit führen kann.1

Ich stelle mich darauf ein, da ist keiner, der sich um mich kümmert. Ich muss es alleine machen. Das heißt, wir sind in einem Dauerstress.

Mögliche negative gesundheitliche Effekte entstehen durch diesen Dauerstress. Wichtig ist zu betonen, dass wir unsere Geisteshaltung und damit auch unsere Physiologie durch mentales Training in Verbundenheit positiv verändern können.2

In England gibt es seit einiger Zeit ein Ministerium für Einsamkeit. Würden Sie so ein Ministerium auch für Deutschland empfehlen?

Was ich mir eher wünschen würde, ist ein Ministerium, das sich der psychischen und seelischen Gesundheit widmet. Denn warum nur ein Ministerium für Einsamkeit? Dann würde man all diese anderen Themen, die uns psychisch belasten, irgendwie ausgrenzen.

Ich weiß, dass die Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey sich den Einsamkeits-Initiativen schon gewidmet hat. Aber ich würde gerne eine Priorisierung der emotionalen Gesundheit der Bevölkerung sehen. Wir reden viel über physische Gesundheit, dass wir uns bewegen, gesund essen sollen, um nicht krank zu werden. Aber ich würde eher gern so etwas einführen wie eine emotionale Prävention. Ich finde es wichtig, dass wir mehr lernen, mit unseren Gefühlen umzugehen und darüber zu reden, dass wir Mitgefühl als Wert sehen und trainieren, aber auch als Fertigkeit, um mit schwierigen Situationen umzugehen und uns damit selber helfen können.

Anmerkungen:
1) Holt-Lunstad, Julianne, et al. „Loneliness and social isolation as risk factors for mortality: a meta-analytic review.“ Perspectives on psychological science 10.2 (2015): 227-237.

2) Kok, Bethany E., et al. „How positive emotions build physical health: Perceived positive social connections account for the upward spiral between positive emotions and vagal tone.“ Psychological science 24.7 (2013): 1123-1132.

 

Dr. Christine Brähler, Psychologische Psychotherapeutin und Ausbilderin in Mindful Self-Compassion (MSC, Selbstmitgefühl). Gerade erschienen: Neue Wege aus der Einsamkeit. Mit Selbstmitgefühl zu mehr Verbundenheit finden. Ratgeber für Betroffene und Angehörige, Irisiana Verlag 2020

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