„Es geht um ungelebte Träume“

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Eine ärztlich-psychotherapeutische Perspektive

Immer mehr Menschen suchen wegen Depression, Ängsten, Süchten oder Burnout-Symptomen Hilfe in psychosomatischen Fachkliniken. Chefarzt Michael Tischinger rät, nach innen zu schauen und sich zu fragen: Was brauche ich wirklich? Er zeigt Wege aus der Lebenskrise mit Achtsamkeit und Selbstfürsorge.

 

Als Chefarzt einer psychosomatischen Fachklinik begleite ich täglich Menschen, die in ihrem Leben an einen Punkt gekommen sind, wo es so wie bisher nicht weitergehen kann.

Zu Beginn frage ich stets danach, welche Gründe sie in die Klinik geführt haben. Oftmals höre ich als Antwort Sätze wie: „Ich fühle mich erschöpft und ausgelaugt“ oder „Ich befinde mich in einer Depression und leide an starken Ängsten“ oder „Ich bin permanent im Stress und mein Körper sendet mir Signale, dass alles zu viel geworden ist“.

Dies ist jedoch nur die äußere Symptomebene, die quasi an der Oberfläche sichtbar wird. Wenn wir gemeinsam genauer forschen und die Frage, was den einzelnen wirklich hierher geführt hat, erkunden, kommt darunter noch etwas anderes zum Vorschein:

Ich höre dann Aussagen wie z. B. „Ich bin mir selbst fremd geworden. Ich kenne meine wirklichen Bedürfnisse nicht mehr. Ich nehme meine Gefühle nicht mehr wahr. Ich spüre mich selbst gar nicht mehr. Ehrlich gestanden bin ich mit mir selbst nicht gut umgegangen, bzw. habe es zugelassen, dass andere mich nicht gut behandelt haben.“

Sackgasse Selbstzweifel: „Bin ich gut genug?“

Und wenn wir gemeinsam noch genauer hinschauen, höre ich auf die Frage „Was hat Sie letztlich wirklich, wirklich hierher geführt?“ ganz häufig, dass Menschen im Innersten an sich zweifeln, ob sie gut genug sind, ob sie ihren eigenen Ansprüchen genügen bzw. vor den Augen anderer bestehen können. Bin ich, so wie ich bin, wirklich ganz in Ordnung? Bin ich, so wie ich bin, wirklich liebenswert?

Oftmals begegnet uns dann ein Thema, mit dem jemand noch nicht ganz im Reinen ist, wo innerlich nicht wirklich Frieden ist. Oder jemand lehnt an sich bzw. seiner Lebensgeschichte etwas ab und kann sich selbst nicht wirklich wertschätzen, geschweige denn lieben.

Viele Menschen, die in unserer Klinik Hilfe suchen, sind in eine Art Sackgasse ihres Lebens, in eine Krise geraten. Oftmals sind es berufliche, partnerschaftliche oder gesundheitliche Krisen, die Menschen innehalten lassen. Egal welcher Art die Krise ist, die zugrunde liegende Aussage ist immer, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Etwas muss sich ändern.

Krisen als Wachstumschance

Zunächst geht der Blick nach außen, die Arbeitssituation passt nicht mehr, eine partnerschaftliche Beziehung ist konfliktreich oder gesundheitliche Probleme haben überhandgenommen. Das Problem scheint im Außen zu liegen: Die Schwierigkeit am Arbeitsplatz, das Verhalten des Partners oder die krankmachende Lebenssituation. Jedoch liegt die Lösung im Innen.

Auch wenn wir die Krisen unseres Lebens nicht wollen, so brauchen wir diese doch für unser eigenes Wachstum. Wir brauchen Krisen, da sie uns zeigen, wie abgetrennt wir von uns selbst sind, wie sehr wir die Beziehung zu uns selbst verloren haben. Sie machen uns darauf aufmerksam, dass wir eine neue Art der Beziehung zu uns selbst brauchen.

Häufig wird in Krisensituationen auch deutlich, dass Menschen in ein süchtiges Verhalten geflohen sind, um sich selbst auszuweichen. Letztlich ist aber nicht die Droge, der Alkohol oder der Computer das eigentliche Problem, sondern es sind die ungelebten Träume, die eingefrorenen Gefühle, die unerfüllten Sehnsüchte. Wenn Menschen nicht mehr ihren Träumen, Sehnsüchten, Gefühlen – und damit sich selbst – begegnen, sind sie letztlich auf der Flucht vor sich selbst.

Der Ruf von innen: „Was brauche ich wirklich?“

Durch das Innehalten erkennen wir, dass die Krise ein Rufen ist. Es ist das Rufen von ganz innen, dass da etwas in uns gesehen werden will. Die Krise ruft uns auf, wieder in Kontakt mit uns selbst, unserer Mitte zu kommen. Die Krise ist die Chance, uns wieder – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – selbst zu entdecken.

Wir können die Blickrichtung wechseln: Statt nach Außen sollten wir lieber nach innen schauen. Statt auf den anderen (Partner, Chef, Nachbar) zu schielen, können wir die Aufmerksamkeit auf uns selbst richten. Wir können uns fragen: Was brauche ich jetzt? Was brauche ich wirklich? Was brauche ich wirklich, wirklich?

Wir können uns für uns selbst interessieren, für das, was uns innerlich bewegt. Wir können endlich aufhören, uns selbst schlecht zu behandeln. Wir können beginnen, uns selbst Gutes zu tun. Wir können einen warmen, weichen Blick auf uns selbst richten. Im Grunde sagen alle spirituellen Lehren dieser Welt etwas sehr Ähnliches: Werde still! Geh nach innen! Komm zur Ruhe! Höre die Stimme deines Herzens! Sei gut zu Dir selbst!

„Ich bin in Ordnung“

Im Wesentlichen scheint es bei Heilungsprozessen immer wieder um Folgendes zu gehen: Der Weg der Heilung ist der Weg vom Sich-selbst-Entfremdet-sein hin zum Sich-selbst-Kennenlernen, vom Sich-selbst-Kennenlernen zum Sich-selbst-Annehmen bis hin zum Sich-selbst-Lieben. Sich-selbst-Lieben bedeutet, ein ganzes Ja für sich selbst zu haben: Ein von Herzen kommendes „Ja, ich bin in Ordnung, so wie ich bin. Ja, ich bin auf dieser Welt willkommen und ich bin ein wunderbares, liebenswertes Wesen, so wie alle anderen in Wirklichkeit auch“.

Halten wir uns jedoch selbst für nicht in Ordnung oder für nicht sonderlich liebenswert, dann meinen wir, ständig irgendetwas tun oder leisten zu müssen, um uns des eigenen Selbstwertes zu versichern. Diese Verunsicherung führt zu einer oftmals subtilen, aber permanenten Grundanspannung, weil wir tief in uns drinnen an unserem Gut-sein zweifeln. Diese Verunsicherung in uns selbst beginnt bereits recht früh in unserer, auf Leistung und Anpassung konditionierten Erziehung.

Aufwachsen in einer Kritikgesellschaft

Untersuchungen an deutschen Kleinkindern haben ergeben, dass diese von Eltern und Erziehern auf ihr Verhalten hin ein Mehrfaches an negativem Feedback anstatt positiver Rückmeldung erhalten. Wir wachsen in einer Kritikgesellschaft auf. Aussagen wie „Du bist zu laut“, „Du gehst mir auf die Nerven“, „Du bist anstrengend“ kommen weit häufiger vor als Sätze wie „Schön, dass du da bist“ oder „Ich freue mich, dich zu sehen“.

Wir werden schon früh damit konfrontiert, dass wir als Kinder kritische, abwertende oder verurteilende Rückmeldungen über uns selbst erhalten. Die Ohren eines Kindes hören daraus die Botschaft: „So, wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung. So, wie ich bin, bin ich nicht liebenswert. Ich sollte eigentlich anders sein.“ 

In der Schule geht es darum, möglichst wenig falsch zu machen. Unsere Fehler werden hervorgehoben und rot angestrichen. Nicht das Gelingen wird anerkannt, sondern unsere Fehler werden bestraft. So lernen wir als Kinder früh, uns selbst kritisch und defizitär wahrzunehmen. Nach und nach entwickelt sich eine innere Grundanspannung, dass etwas mit uns nicht in Ordnung sei. Wir sollten eigentlich anders sein. So wie wir jetzt sind genügen wir nicht. Wir sollten uns anstrengen, um „richtig“ zu werden.

Wir glauben, uns beweisen zu müssen, etwas anderes sein zu sollen, als das, was wir jetzt gerade sind. Diese Vorstellung ist gespeist aus der Angst, nicht gut genug zu sein, abgelehnt zu werden, nicht liebenswert zu sein. Wir nehmen diese Überzeugungen mit in unser Erwachsensein und verhalten uns im Grunde auch weiterhin so, als ob mit uns etwas nicht stimmen würde. Wir arbeiten, funktionieren, strengen uns an und doch kommen wir nicht wirklich zur Ruhe.

Durch diese permanente Anstrengung kann die eigene Lebendigkeit, Natürlichkeit und der Zugang zu unseren authentischen kreativen Potentialen verloren gehen. Wir entwickeln Selbstzweifel, verlieren das natürliche Vertrauen in uns und haben keine wirkliche Achtung mehr vor uns selbst.

Dies kann sich z. B. daran zeigen, wie achtlos und respektlos wir mit unserem Körper, unseren wichtigen Beziehungen oder unserer Lebenszeit umgehen. Es fällt uns schwer, uns wirkliche Freude und Selbstwertschätzung zu schenken. Unsere Art zu denken, uns zu vergleichen, neidvoll auf andere zu blicken, und dabei uns selbst jedoch als ungenügend zu betrachten sind Hinweise, wie wenig wir uns doch selbst achten und lieben. Wir kritisieren und verurteilen uns selbst. Wer jemand anderen verurteilt, hat aufgehört, ihn zu verstehen. Wer sich selbst verurteilt, hat aufgehört, sich selbst zu verstehen.

In die Stille gehen

Was wir am Nötigsten bräuchten, nämlich zur Ruhe kommen, in die Stille gehen, wirklich bei uns sein, vermeiden wir, da es uns ängstigt. Würden wir da nicht erst recht all den unangenehmen Selbstzweifeln, Selbstvorwürfen und Minderwertigkeitsgefühlen begegnen? In der Stille würde das bisher Unterdrückte ja wahrnehmbar, hörbar und fühlbar werden.

Doch dies wäre der erste Schritt auf dem Weg der Reise zu uns selbst, der Reise zu einem liebevollen Umgang mit uns selbst. Es würde eine Standortbestimmung ermöglichen: Aha, so schaut es also in mir aus. Da stehe ich also wirklich. Und es würde die Frage zulassen, ob ich weiterhin so lieblos mit mir selbst umgehen möchte oder ob ich den Mut und die Kraft aufbringen möchte, daran etwas zu verändern.

Somit können wir wirkliche Eigenverantwortung in unserem Leben übernehmen. Indem wir ein tieferes Selbst-Bewusstsein entwickeln, können wir auch auf eine selbstwirksame Weise die Richtung unserer Lebensreise gestalten. Sind wir auf eine liebevolle Weise achtsam nach innen, können wir letztlich auch die heilsame Kraft der Achtsamkeit für unsere äußere Lebensgestaltung nutzen.

Michael Tischinger

Auszüge aus dem neuen Buch von Michael Tischinger: Selbstliebe. Weg der inneren Heilung. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Herder Verlages

Dr. med. Michael Tischinger, Chefarzt der Adula Klinik Oberstorf, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Dipl. Theologe, Paartherapeut sowie systemischer Therapeut, Buchautor und zertifizierter MBSR-Lehrer.

 

 

 

 

 

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