Weisheit ist ein Thema, das Menschen in allen Kulturen und Religionen beschäftigt; in China, Indien, in der antiken Philosophie, im Christentum, in indigenen Kulturen. Es scheint viele Übereinstimmungen darin zu geben, wer für weise gehalten wird.
Weisen Menschen wird zugeschrieben, dass sie sich selbst und andere auf einer tieferen Ebene verstehen, komplexe Zusammenhänge sehen und die Perspektive wechseln können. Entsprechend sind sie gelassen angesichst der großen Unsicherheit im Leben. Sie sind in der Lage, besonnen und zum Wohle des großen Ganzen zu handeln. Damit beinhaltet Weisheit sowohl Selbsterkenntnis als auch Mitgefühl für andere.

Weisheit in der westlichen Philosophie
Weisheit war in der antiken Philosophie ein großes Thema. Philosophie ist als „Liebe zur Weisheit“ definiert und bedeutet so etwas wie Lebenskunst, eine Hilfestellung, um das Leben zu meistern und gelingen zu lassen. Vom antiken Philosophen und Staatsmann Cicero ist der Satz überliefert, Weisheit bedeute, “sich um seine Seele zu kümmern und sie zu pflegen”.

Genau das war das Anliegen der stoischen Philosophie. Die Stoa ist keine abstrakte Form des Denkens, sondern gemacht für den Alltag und schwierige Lebenssituationen. Schon mit kleinen bewussten Gedanken kann man die Basis legen, um mehr innere Ruhe und Gelassenheit zu finden. Die Philosophin Ines Eckermann hat dazu bei Ethik heute einen Vortrag gehalten und hilfreiche Denkansätze vorgestellt: Die Philosophie der Stoa für den Alltag.
Aristoteles zieht eine Verbindung von der Weisheit zur Lebensklugheit und Tugendethik: “Die Weisheit ist also die vollständige Wissenschaft des Lebens, die in der Auswahl dessen besteht, was gut und nützlich für den Menschen ist”. Weise wäre jemand, der verschiedene Tugenden eingeübt hat und verkörpert, etwa Gelassenheit, Mut, Urteilskraft, Besonnenheit, Großherzigkeit. Mehr zur Tugendethik von Aristoteles
Doch die akademische Philosophie heute, so sieht es der Philosoph Thomas Metzinger, sei “nicht förderlich für die geistige Gesundheit derer, die sie betreiben”. In seinem Buch “Bewusstseinskultur” (Berlin Verlag 2023) wünscht er sich eine neue philosophische Perspektive, die nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse integriert, sondern auch das Kultivieren, die Meditation und Empirie.
So sieht es auch der Philosoph Michael Hampe, der als Professor an der ETH Zürich gern die Weisheit zurück in die Philosophie und ins Leben holen würde. Gerade heute sei es ratsam, sich mehr auf innere Qualitäten zu konzentieren. “Krisen und Zerrüttungszustände sind gute Zeiten für die Entwicklung von Weisheit”, so Hampe im Interview. Und: “Nur die Erkenntnis ist ein nachhaltiges Gut, das nie weniger wird, auch wenn man sie weitergibt.”
Weisheit hilft, wenn es darum geht, schwierige Lebenssituationen und Krisen zu meistern. Der Philosoph Albert Kitzler, der in seiner Arbeit östliche und westliche Weisheitstraditionen verbindet, hat dazu einen Artikel geschrieben: “Erdulden, was wir nicht ändern können”. Darin zitiert er Konfuzius: “Der Weise versteht, Unglück in Glück zu verwandeln”. Da das viele von uns überfordern dürfte, rät Kitzler dazu, wenigstens das Beste aus der gegenwärtigen Situation zu machen und im Übrigen, zu erdulden, was wir nicht ändern können.
Weisheit im Osten
Natürlich ist die Kultur Asiens nicht homogen, auch nicht im Verständnis der Weisheit. Und doch gibt es einige Besonderheiten, etwa der kontemplative Zugang zur Weisheit mit Hilfe der Meditation. Auch ist der Gedanke zentral, dass man sich des trügerischen Charakters des eigenen Selbst gewahr wird und die Illusion der Trennung überwindet. “Wenn wir den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren, leiden wir”, erklärt die Zen-Meisterin Nicole Baden im Interview “Weisheit heißt, Fakten und Wirklichkeit anzuerkennen.”
Der Sinologe Prof. Kai Marchal, spezialisiert auf die chinesische Geistesgeschichte, verbindet mit Weisheit eine Lebensform von Passivität und Nicht-Tun. Dazu gehörten auch Geduld, eine Verlangsamung des Lebens und ein Denken, das nicht trennt, sondern verbindet. Mehr im Interview mit Marchal
Indigene Weisheit
In indigenen Kulturen gehört zur Weisheit die Beziehung des Menschen mit der Natur, also ein ganzheitliches Verständnis von Leben, zum Beispiel bei den Kogis im Kolumbien. Für das Volk, das abgeschieden in den Bergen lebt, ist “Mutter Erde” ein Lebewesen, ein lebendiges Geschöpf; sie sehen sich selbst als “Hüter der Erde”. Ihr Denken und Handeln ist auf die ökologische Verantwortung ausgerichtet und ein Ende des zerstörerischen, ausbeuterischen Verhaltens.
In ihrer Vorstellung von Weisheit gibt es eine Verbindung von innen und außen: “Das sich vergrößernde Ungleichgewicht in der Natur zeigt, dass das Ungleichgewicht unserer Gedanken immer größer wird”, so benannte es ein Mitglied der Kogi. Mehr zur Weisheit der Kogi
Ein tiefes Gefühl der Verbundenheit ist auch wesentlich in der afrikanischen Philosophie von Ubuntu. Sie geht zurück auf die KhoiSan-Buschleute in Afrika und reicht damit bis zu den Anfängen der Menschheit zurück. Ubuntu setzt dem Mythos der Individualität die Idee der Freiheit in Verbundenheit entgegen und betont das Leben in Gemeinschaft als wesentlichen Aspekt eines Lebens in Weisheit. Mehr zu Ubuntu
Gert Scobel über Weisheit

Für Gert Scobel, Fernsehmoderator und Autor („Weisheit – über das, was uns fehlt“, DuMont 2017), ist Weisheit „die Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen, und zwar auch in Situationen, die kritisch oder existentiell bedrohlich sind.“ Es ist damit auch die Kunst, das Leben und damit die Herausforderungen des Alltags zu meistern. Lesen Sie dazu ein Interview mit Scobel
Nicht nur in der Philosophie ist Weisheit ein Thema, sondern auch in den Religionen und in der Psychologie. Einen Überblick über die verschiedenen Aspekte der Weisheit gab Gert Scobel in einem Vortrag. Diese hielt er in der Vortragsreihe „Weisheit – alte Traditionen, wieder aktuell“ auf Einladung von Netzwerk Ethik heute in Kooperation mit der Universität Hamburg. Zum Vortrag – Audio- oder Video-Datei
Im Buddhismus wird Weisheit auch mit Achtsamkeit in Verbindung gebracht. Hier dient Achtsamkeit als Basis der persönlichen Entwicklung und Tor zur Weisheit im Sinne einer tieferen Erkenntnis der Wirklichkeit. Birgit Stratmann stellt in ihrer Einführung in die Achtsamkeit verschiedene Ansätze der Achtsamkeit vor und wie sie helfen kann, eine Einsicht in die Verbundenheit allen Lebens hervorzurufen.
Die Psychologie der Weisheit
Die empirische Weisheitsforschung als recht junger Zweig der Psychologie geht der Frage nach, welche Kompetenzen man braucht, um mit den großen Problemen des Menschseins umzugehen und damit ein weises Leben zu führen. Wie kann eine Transformation hin zu mehr Weisheit gelingen?
Weisheit besteht nicht in einer einzigen Eigenschaft, sondern in einem Konglomerat von Faktoren. Paul Balthes (1939-2006), Leiter des Max-Plank-Instituts für Bildungsforschung, hat im Rahmen seiner Altersforschung erkundet, welche Fähigkeiten zur Weisheit gehören. Es sind u.a.:
- die Fähigkeit, mit Ambiguität und Widersprüchen umzugehen
- die Fähigkeit, sich nachhaltig zu verhalten und zu denken
- auf andere Menschen eingehen zu können
- Problemlösungen zu finden
Emotionale Intelligenz, also die Kapazität, konstruktiv mit den eigenen Emotionen und denen von anderen umzugehen, gehört ebenfalls dazu. Es gibt also eine ganze Palette von Kompetenzen, die mit Weisheit verbunden sind.
Die Weisheitstherapie
Professor Michael Linden von der Berliner Charité hat die sog. Weisheitstherapie mitentwickelt, insbesondere zur Heilung von Verbitterungssyndrom und Problemen bei der Bewältigung von großen Belastungen. In einem Vortrag auf Einladung des Netzwerks Ethik heute in Kooperation mit der Universität Hamburg nannte er zehn Weisheitskompetenzen, die Resilienz fördern. Dazu gehören:
- die Fähigkeit zum Perspektivwechsel
- Empathie
- Emotionen regulieren zu können
- Wertrelativismus
- Ungewissheitstoleranz
Hier geht es zum Vortrag von Prof. Linden – Audio- und Videoformat
Weisheitstraining online – Perspektiven aus Ost und West

Das Netzwerk Ethik heute hat ein „Weisheitstraining“ in vier Modulen entwickelt. Das Weisheitstraining ist ein intensiver Online-Kurs für alle, die Impulse für inneres Wachstum suchen, sich mehr Tiefe und Lebensqualität wünschen und ihre mentale Gesundheit in Krisenzeiten stärken wollen. Es verbindet auf einzigartige Weise praktische Philosophie, Meditation und Dialog.
Die Referenten kommen aus verschiedenen Disziplinen: Es sind Philosophen, Therapeuten und Meditationslehrer. Damit können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Thema aus verschiedene Perspektiven betrahcten. Die Workshops bestehen aus Wissensvermittlung, Dialog und Meditation.
Das Training soll nicht Weisheit vermitteln, sondern Impulse und Anregungen geben, damit jeder seinen eigenen Zugang zur Weisheit findet.
Das Online-Training bietet:
Achtsamkeit als Basis der Persönlichkeitsentwicklung
Orientierung: Dialoge über Sinn, Ethik und das Gute Leben, auch in Krisenzeiten
Gemeinschaft: Gespräche über persönliceh Erfahrungen und wichtige Lebensfragen
Innere Arbeit: Emotionen verstehen und angemessen ausdrücken
Stärkung: Vertrauen, innere Balance und Mitgefühl kultivieren
Handeln: Verbundenheit mit anderen entwickeln und ins Handeln bringen
Selbsterkenntnis: Sich und andere in einem größeren Zusammenhang sehen und besonnen handeln
Vier Module
1. Achtsamkeit und Selbsterkenntnis – Sich selbst und andere tiefer verstehen
2. Modul: Die innere Landschaft erkunden – Das Gute Leben und die Arbeit mit Emotionen
3. Modul: Krisenfest werden – Positive Kräfte stärken
4. In komplexer Welt: Freiheit und Verbundenheit lernen
Ein Modul geht über vier bis fünf Monate. Die Module können einzeln belegt werden.
Mehr Infos zum Weisheitstraining
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