Ein Standpunkt von Vivian Dittmar

Rassisten – das sind die anderen? Nein, sagt Autorin Vivian Dittmar. Rassismus ist überall und Teil eines viel größeren Problems: Ungerechtigkeit und extreme Ungleichheit. In ihrem Standpunkt ruft sie dazu auf, das Wirtschaftssystem so zu verändern, dass alle Menschen gleichermaßen gut leben können und niemand mehr von Ungleichbehandlung profitiert.

Darf man als Weiße über Rassismus schreiben? Vermutlich nicht. Ich will es trotzdem wagen. Ich will uns bitten, ehrlich miteinander zu sein. Rassismus ist kein amerikanisches Problem, es ist auch kein schwarzes Problem. Rassismus ist ein Menschheitsproblem. Es ist auch kein individuelles Thema. Es nutzt nichts, wenn wir uns jetzt alle beeilen, auf Black-Lives-Matter-Demos zu rennen, um zu demonstrieren, dass wir persönlich keine Rassisten sind. Schon klar: Rassisten, das sind die anderen. So kommen wir nicht weiter. Rassismus ist überall. Unsere ganze Welt ist durchdrungen von Rassismus und zwar seit Jahrhunderten, vielleicht sogar Jahrtausenden.

Natürlich ist es wichtig, dass wir uns jetzt positionieren. Dass wir Farbe bekennen und klar sagen: „Ich will das nicht. Mir tut das weh. Ich schäme mich. Wir brauchen Veränderung und zwar jetzt!” Doch wenn wir es ernst meinen, müssen wir uns dafür zunächst eingestehen, dass Rassismus tief in die jetzige Weltordnung eingewoben ist und in vermutlich jede Kultur auf jedem Kontinent. Wir müssen zugeben, dass wir ein Teil dieser Kulturen und dieser Weltordnung sind, dass wir von ihr profitieren oder unter ihr leiden. Vermutlich beides.

So lange wir an einem System festhalten, das auf Gewinnerinnen und Verliererinnen angewiesen ist, werden wir keinen Frieden finden. Ja, es ist beschämend und erschütternd, dass im Jahr 2020 immer noch Menschen mit dunkler Hautfarbe überall benachteiligt werden – und zwar systematisch. Aber genügt es, wirklich dafür zu sorgen, dass die Hautfarben sich auf der unendlich langen sozialen Stufenleiter gleichmäßig verteilen? Wollen wir in einer Welt leben, wo zwar nicht mehr nach Hautfarbe diskriminiert wird, wo es jedoch systembedingt Verlierer geben muss, die unterbezahlt, ausgebeutet, kriminalisiert und marginalisiert werden?

Ich möchte das nicht. Mir geht es dabei nicht darum, meinen weißen Arsch zu retten. Ich will in einer Welt leben, in der es allen gut geht, egal welcher Hautfarbe, aber auch egal welcher Spezies. Ich will das, weil es mir das Herz bricht, was auf dieser Welt geschieht. Und nein, es genügt mir auch nicht, mein Gewissen mit ein bisschen Fair-Trade und Eine-Welt-Romantik zu beruhigen. Ich will mein Gewissen gar nicht beruhigen. Ich will diesen ganzen Pseudo-Wohlstand auf Kosten anderer nicht mehr. Ich will Gerechtigkeit. Für alle. Jetzt.

Soziale Ungleichheit mitdenken

Das Wohlstandsmodell des weißen Mannes basiert seit Jahrhunderten auf Unterdrückung und Ausbeutung. Daran hat sich auch seit dem angeblichen, viel gefeierten Ende der Kolonialzeit nichts geändert. Der clever ausgewählte Begriff „Entwicklungsland” suggeriert, dass jene Länder, in denen Menschen mit dunklerer Hautfarbe leben, dank unserer großzügigen Hilfe schon bald mit uns aufschließen werden. Sie werden dann auch in den Genuß unserer fantastischen Errungenschaften kommen. Das ist eine Lüge.

Niemand kann so leben, wie wir, ohne dabei die Rechte anderer Menschen und anderer Spezies mit Füßen zu treten. Natürlich ist es kein Zufall, dass diese anderen Menschen meistens dunklere Haut haben. Natürlich ist das Rassismus. Aber es ist eine Lüge so zu tun als könnten wir das Problem lösen, indem ein paar rassistische Arschlöcher lernen, umzudenken.

Rassismus ist, historisch betrachtet, eine Ideologie, die zunächst zur Legitimation von Sklaverei, später dann von Kolonialisierung und Völkermord erfunden wurde. Genau wie dieser Rassismus in unseren Köpfen fortlebt, leben die systematischen Ungerechtigkeiten, die durch ihn begründet wurden, in unseren Systemen fort.

Heute wird Ungerechtigkeit ideologisch anders legitimiert: Der Mythos Meritokratie besagt, dass wir unseren Status durch Leistung verdient haben. Der Slogan „gleiche Chancen für alle” fordert in Bezug auf Rassismus, dass in diesem Wettkampf um Privilegien niemand aufgrund seiner Hautfarbe diskriminiert wird. Das ist natürlich wichtig. Es stellt aber nicht in Frage, ob es überhaupt in Ordnung ist, dass wir immer noch so eine gigantische Ungleichverteilung haben.

Und es blendet aus, dass das Bildungssystem weltweit mit erschreckender Zuverlässigkeit Generation nach Generation die ohnehin Benachteiligten nach unten sortiert und die Elite nach oben – auch in Deutschland. Da durch jahrhundertelange, systematische Diskriminierung, die bis heute anhält, die Hautfarben auf der sozialen Stufenleiter nach unten immer dunkler werden, sorgt das System de facto dafür, dass das so bleibt. Deshalb finde ich es heuchlerisch, über Rassismus zu sprechen, ohne soziale Ungleichheit strukturell anzugehen.

Wir brauchen einen Systemwandel und zwar grundlegend. Dieser wird auch beinhalten, dass wir komplett neu definieren, was Wohlstand eigentlich ist. Ja, dieser neue Wohlstand wird weniger Dinge, weniger Luxus, weniger Komfort, weniger unnötigen Schnick-Schnack beinhalten. Aber wir werden in den Spiegel blicken können, ohne uns ständig zu fragen, ob wir eigentlich geil genug für all diesen Firlefanz sind. Wir sind es nicht und wir wissen es.

Und noch viel wichtiger: Wir werden Freunde sein können mit allen Menschen, egal wo sie herkommen und welche Hautfarbe sie haben. Wir werden keine künstlichen Barrieren mehr aufrecht erhalten müssen, um Menschen aus unseren Ländern draußen zu halten. Und wir werden nicht mehr um die halbe Welt fliegen müssen, um das Bodenständige, das Ursprüngliche, das Natürliche zu finden. Wir werden wieder lernen, es selbst zu leben.

Rassismus ist ein bequemes Problem

Es mag sich krass anhören, aber Rassismus ist ein bequemes Problem. Für wen? Vor allem für diejenigen, die vom Status quo profitieren. So lange wir uns mit Rassismus befassen, beschäftigen wir uns nicht mit dem tiefer liegenden Problem: der massiven sozialen Ungleichheit. So lange Parteien und Politikerinnen darum buhlen, sich als fremdenfreundlich oder migrationskritisch zu positionieren, sprechen wir nicht über die eigentlichen Themen: Unser derzeitiges Wirtschaftssystem basiert auf Ausbeutung, fördert Ungleichheit und profitiert von dieser.

Wir können uns wunderbar darüber aufregen, dass Menschen so schlimmes rassistisches Gedankengut haben oder ausländerfeindlich sind – natürlich immer die anderen – ohne uns zu fragen, warum es so viele Menschen gibt, denen es überhaupt nicht gut geht. Auch für Konzerne ist es viel bequemer, sich damit zu befassen, warum es in den Führungsetagen kaum Menschen mit dunkler Hautfarbe gibt, statt darüber nachzudenken, ob es gerechtfertigt ist, dass die Topverdiener dreihundert bis vierhundert Mal so viel verdienen als die Niedriglöhner im gleichen Unternehmen. Noch vor wenigen Jahrzehnten lag diese Spanne im privaten Sektor genau wie im öffentlichen Sektor bei zehn bis zwanzig Mal so viel.

Inzwischen werden im Namen des Freihandels Umwelt- und Sozialstandards weiter ausgehöhlt, die Reichen immer reicher und die Anzahl derer, die unter unwürdigen Bedingungen schuften, nimmt zu. Leider hat sich die Behauptung, dass es auch den Armen zunehmend besser gehen wird, wenn die Reichen immer reicher werden, als Farce erwiesen.

Die Gewinner des Systems zitieren gerne Statistiken, laut denen die Armut durch ihre Gewinnstreben weltweit gesunken ist. Doch diese Statistiken gehen beispielsweise davon aus, dass man mit 1,90 US-Dollar pro Tag in den USA gut versorgt ist. Und dann wundern wir uns über die steigende Anzahl von Kriminalität und Gewalt unter den Verliererinnen. Rassisten sehen sich dadurch in ihrer Überzeugung bestätigt, dass dunkle Menschen von Natur aus kriminell und gewalttätig seien. Die Anti-Rassisten echauffieren sich über die schlimme Polizei, die den undankbaren Job hat, den „Mob“ in Schach zu halten. Aber warum sind die Menschen überhaupt so wütend?

Sich vor diesem Hintergrund darüber aufzuregen, dass es vor allem Menschen mit dunkler Haut sind, die seit Jahrhunderten auf der Verliererseite stehen, ist richtig, aber es greift viel zu kurz. Lasst uns über Ungleichheit und Diskriminierung reden. Lasst uns für einen Systemwandel eintreten. Aber richtig. Lasst uns nicht mit Kompromissen zufrieden sein oder Scheinlösungen. Lasst uns erkennen, dass die Welt immer weiter in Gewinner und Verlierer aufgespaltet wird, während wir über Rassismus diskutieren.

Rassismus ist real und Menschen sterben dadurch, jeden Tag. Doch nur ein kleiner Teil stirbt durch direkte Gewaltausübung der Polizei. Die überwiegende Mehrheit stirbt an den Folgen systematisierter, struktureller Gewalt. Wenn wir Rassismus als isoliertes Phänomen angehen, dann werden wir maximal erreichen, dass Menschen jeder Hautfarbe ausgebeutet werden und sterben. Das ist nicht Gerechtigkeit. Das ist lediglich eine Problemverschiebung. Und es wird uns dadurch nicht besser gehen. Denn das jetzige System schmerzt uns alle, auch die angeblichen Gewinnerinnen.

Ein neuer Traum

Lasst uns einen neuen Traum träumen: Wie wäre es, wenn wir unsere politischen Systeme nutzen würden, um der Wirtschaft einen gesunden Rahmen zu geben? Wie wäre es, wenn die Wirtschaft sich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe besinnen würde, der Deckung von Bedürfnissen und zwar aller Menschen, unter Berücksichtigung der natürlichen Tragfähigkeit der Ökosysteme?

Wenn wir erkennen, dass unser Hyperkonsum uns nicht glücklich macht, können wir neu darüber nachdenken, was ein gutes Leben wirklich ausmacht. Indem wir uns ehrlich eingestehen, dass wir inmitten all dieser Dinge, die unsere Leben zunehmend vereinnahmen, auch nicht atmen können, hören wir auf, ein falsches Wohlstandsbild in alle Welt zu propagieren, das Menschen unter falschen Versprechen hierher lockt. 
Es ist genug für alle da. Ein gutes Leben für alle ist möglich, überall. Und es wird uns allen besser gehen, wenn wir uns gemeinsam auf den Weg machen, das Wirklichkeit werden zu lassen.

lichtseelen.com

Vivian Dittmar ist Gründerin der Be the Change Stiftung für kulturellen Wandel und Autorin mehrerer Bücher zu Gefühlen, Beziehungen und Bewusstsein. Ihre Kindheit und Jugend auf drei Kontinenten in unterschiedlichen sozialen Kontexten ließen sie früh ein Bewusstsein für die globalen Herausforderungen unserer Zeit entwickeln und sind ihr Antrieb, ganzheitliche Lösungen zu finden und umzusetzen. Ihr nächstes Buch, das im Frühjahr 2021 im Kailash Verlag erscheint, befasst sich mit der Frage, was echter Wohlstand ist. Zur Stiftung Be the Change