Für einen Dialog zwischen Leben und Tod

Der Tod wird als Feind betrachtet und bekämpft, beobachtet die Autorin Vivian Dittmar. Sie erkrankte selbst an Covid-19 und erzählt ihre eigene Geschichte und die ihrer Mutter und Großmutter. Sie wünscht sich, dass wir unser Verhältnis zu Leben und Tod reflektieren.

 

 

 

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Unser höchstes gemeinsames Ziel als Gesellschaft ist es derzeit, Leben zu retten. Das fühlt sich gut und richtig an. Es gibt einen breiten Konsens in der öffentlichen Debatte, dass der Wert eines Menschenlebens nicht in Zahlen abzubilden ist.

Doch die Frage, die bislang kaum gestellt wird, ist: Was ist Leben eigentlich? Unser derzeitiges Verständnis von „Leben retten” besagt offenbar, dass es darum geht, den Tod so lange wie möglich hinauszuzögern. Jedes Jahr, das wir ihm abringen können, ist ein gewonnenes Jahr.

Der Tod wird als unser Feind betrachtet, ihn gilt es um jeden Preis zu umgehen. Mit diesem Motiv begeben wir uns in Quarantäne, schicken Erkrankte in Isolation und lassen Sterbende allein.

Wenn ich die Bilder der Militärlaster mit Toten sehe und vor meinem inneren Auge eine Eishalle als Leichenhaus, dann graut mir vor dieser Kälte, dieser Isolation, nicht aber vor dem Tod selbst. Was mir in diesen Bildern und in unserer Kultur als Ganzes fehlt, ist das, was ich als Freundschaft mit dem Tod bezeichnen könnte.

Der Tod darf seinen Platz haben

Freundschaft mit dem Tod würde für mich bedeuten, dass dieser seinen Platz hat, dass er da sein darf. Und zwar nicht nur, wenn wir alles Menschenmögliche getan haben, um ihn zu vermeiden, sondern wenn es Zeit ist. Hier rebelliert der rationale Verstand natürlich sofort: Was soll das heißen, wenn es Zeit ist? Woher soll man das denn wissen?

Wann es Zeit ist, ergibt sich aus einem Dialog zwischen Leben und Tod. Immer wenn ein Mensch geht, entspinnt sich ein solcher Dialog, auf irgendeiner Ebene. Früher fand dieser Dialog vielleicht bezeugt von einem Schamanen oder Priester statt. Doch dann begannen wir, das Ergebnis des Dialogs in Richtung Leben zu verschieben.

Jetzt sind wir auf einmal als Kollektiv mit dieser Frage konfrontiert: Welchen Platz hat der Tod? So wie es sich derzeit abzeichnet, werden wir nicht umhin kommen zu akzeptieren, dass Menschen an Covid-19 sterben – und zwar manchmal früher, als es ohne diesen Virus der Fall gewesen wäre. Wir werden an einen Punkt kommen, wo wir uns eingestehen müssen, dass Leben retten nicht alles ist.

Es geht um eine neue Demut, die anerkennt, dass es Zeiten gibt, wo mehr Menschen sterben als zu anderen. Und dass für jeden Einzelnen ein Augenblick kommt, wo es Zeit ist, zu gehen.

Um zu verdeutlichen, was ich meine, möchte ich drei sehr persönliche Geschichten erzählen: eine von meiner bereits verstorbenen Großmutter, eine von meiner Mutter und eine von mir.

Die erste Geschichte: von meiner Oma

Als meine Großmutter im Altenheim war, hatte sie eigentlich keine Lust mehr zu leben. Sie war alt, sie war dement, ihr Mann war bereits gestorben, es hielt sie nichts mehr. Leider war sie körperlich in ziemlich gutem Zustand – zumindest für einen Menschen über achtzig.

Sie tat also das, was Menschen in indigenen Kulturen schon immer getan haben, wenn ihre Zeit gekommen war: Sie hörte auf zu essen. Doch statt anzuerkennen, dass ihre Zeit gekommen war, reagierte das System reflexartig nach der Maxime „Leben retten”.

Sie wurde einem Psychiater vorgestellt, der eine Depression diagnostizierte und ihr Psychopharmaka verschrieb. Und sie wurde gezwungen zu essen. Natürlich hatte sie eine Patientenverfügung, doch sie war zu keinem Zeitpunkt nah genug an einem Zustand, wo diese gegriffen hätte.

Ähnlich erscheint es mir heute, wo der Tod ein Tabu ist. Aber vielleicht geht es gar nicht darum, Leben in dieser Form zu retten? Wie wäre es, wenn wir uns als Gesellschaft stattdessen darauf ausrichten würden, wirklich zu leben, was auch beinhaltet, würdevoll zu sterben?

Die zweite Geschichte: von mir

Ich selbst habe mich mit Covid-19 angesteckt. Mir ist bewusst, dass sich in meinem Körper ein Virus bewegt, der auch in meinem Alter (42) und ohne Vorerkrankungen tödlich sein kann.

Das Bewusstsein, dass diese Tage meine letzten sein könnten, ließ mich sehr wach sein. Ich beobachtete, wie das Virus sich in meinem Körper bewegt, spürte auch den Moment wo das Kratzen in der Lunge so stark wurde, dass es sich kritisch anfühlte. Und wusste, dass wir letztlich nichts tun können.

Ich war dabei weder panisch noch wog ich mich in der trügerischen Illusion, dass es mich schon nicht erwischen würde. Ich spürte vielmehr ein tiefes Vertrauen in mir, dass der Verlauf, den diese Erkrankung in meinem System nimmt, genau richtig sein würde. Ich spürte eine stille Hingabe an das Leben und darin ein Einverstanden sein mit jedem möglichen Ergebnis.

Die dritte Geschichte: von meiner Mutter

Meine Mutter erkrankte zur gleichen Zeit wie ich an Covid-19. In ihrem Alter (77) ist die Sterblichkeit deutlich höher, und mit diversen Vorerkrankungen ist sie besonders gefährdet.

Wir telefonieren täglich, während sie alleine in ihrer Wohnung sitzt. Mir ist bewusst, dass sie im Falle einer plötzlichen Atemnot vielleicht den Notarzt rufen würde. Sie würde in ein Krankenhaus gebracht, möglicherweise auf der Intensivstation. Diese Entscheidung würde vermutlich bedeuten, dass wir nicht mehr zu ihr könnten, auch nicht, wenn sie wirklich sterben würde.

Die Frage, die mich beschäftigt: Wann ist der Moment, wo es menschlicher wäre, dem Leben und dem Tod ihren Lauf zu lassen? Wir definieren „Leben retten“ um jeden Preis derzeit als Menschlichkeit, aber ist das immer der beste Ausdruck von Menschlichkeit?

Als ich die erste Version dieses Essays fertig gestellt hatte, schickte ich ihn meiner Mutter. Ich wollte, dass sie ihn als erstes liest, damit sie ihr Einverständnis geben kann für die Verwendung ihrer Geschichte. Noch bevor sie ihn gelesen hatte, schickte sie mir folgende Sprachnachricht:

Meine Einstellung zum Tod hat sich insofern geändert, dass ich nicht sterben will (lacht). Nein, Quatsch, dass ich nicht ins Krankenhaus will. Erstens habe ich jetzt durch viele zusätzliche Informationen gehört, dass Leute, die so lange beatmet werden müssen in meinem Alter, mit meiner Vorerkrankung, später nur noch dahinsiechen, weil so eine lange Beatmung mit der Lunge blöde Sachen macht. Und dann habe ich gedacht: Ich bin 77, wieso soll ich ein Beatmungsbett besetzen, wenn das unter Umständen ganz andere Leute brauchen? Das einzige, was mir dann Gedanken machen würde: Wenn das mit dieser Lungenschädigung kommt, dann erstickt man ja. Und das ist, glaube ich, scheiße. Da ruft man dann aus lauter Panik die 112 an.”

Palliative Begleitung und Beistand

Wir haben in unserer hoch entwickelten Gesellschaft nicht nur Experten für Intensivmedizin und Lebensverlängerung, sondern auch für Sterbebegleitung und palliative Behandlungen. Wir könnten Menschen also palliativmedizinisch betreuen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Dadurch würde ihr Leiden gelindert und ihr Abschied so gut wie möglich gestaltet.

Mein Vorschlag wäre, eine zweite Form von intensive care zu installieren – und zwar eine seelische intensive care. Es bräuchte Seelsorgerinnen, die sich vor allem mit Menschen in Risikogruppen offen über ihre Situation unterhalten, vielleicht auch gemeinsam mit den Angehörigen, um zu hören, wo dieser Mensch sich gerade auf seiner Lebensreise befindet.

Hier dürfte alles zur Sprache kommen: der Wunsch weiterzuleben und alle Möglichkeiten der modernen Medizin auszuschöpfen, genauso wie der Wunsch, in Frieden gehen zu dürfen, wenn die Zeit gekommen ist. Und zwar unabhängig vom Alter der Person.

Allein sterben?

Doch was mich weiter beschäftigte, war die Tatsache, dass meine Mutter derzeit nur die Option hatte, im Falle einer plötzlichen Atemnot ihren mutigen Weg alleine zu gehen, wenn sie sich nicht ins Krankenhaus einliefern ließe.

Dass meine Mutter sich Zuwendung und Begleitung für ihren Übergang wünschen würde, geht sehr klar aus einer E-Mail als Antwort auf meinen Artikel hervor: „Besonders gefallen hat mir die Verlagerung von der Maxime „Leben-retten-um-jeden-Preis” auf die intensive Fürsorge. Denn diese kann keine Maschine geben, sondern nur liebe Menschen in der Begleitung über eine Schwelle, die natürlich zumindest Beklommenheit auslöst – Angst auch wie alle existenziellen Grenzüberschreitungen. Mütter kennen das von dem überwältigenden Ereignis der Geburt – und welch überwältigendes Glücksgefühl kurz danach!“ Was braucht es, damit wir als Gesellschaft hier einen neuen Umgang mit dem Tod finden?

Neue Demut

Corona zeigt uns, dass wir es nicht in der Hand haben. Ein Mensch kann sich um jeden Preis wünschen, noch hier zu bleiben, die Medizin kann alles geben und trotzdem kann es sein, dass er stirbt. Auch ein junger Mensch, auch ohne Vorerkrankungen. Das ist für uns neu und ungewohnt.

Es ist nicht unsere Aufgabe, über Leben und Tod zu bestimmen. Und wir sind nicht schuld, wenn ein Mensch stirbt. Doch der öffentliche Diskurs ist immer noch einer, der Tod dramatisiert und tabuisiert, ihn als etwas Schreckliches, um jeden Preis zu vermeidendes darstellt.

Wir können beginnen, neu darüber nachzudenken, was Würde ist, was Menschlichkeit bedeutet und wie wir diese in unseren Gemeinschaften, Familien, Institutionen und Gesetzen leben wollen.

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Gespräch von Vivian Dittmar mit Charles Eisenstein über Unsicherheit, Tod und Transformation. Zur mp3-Datei (englische Sprache)

Foto: lichtseelen.com

Vivian Dittmar ist Gründerin der Be the Change Stiftung für kulturellen Wandel, Initiatorin des Projekts Bäume für den Wandel, Beraterin beim Terra Institute und Autorin mehrerer Bücher zu den Themen Gefühle, Beziehungen und Bewusstsein.

www.viviandittmar.net, www.be-the-change.de, www.terra-institute.eu