Maria Vaorin/photocase.de
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Sind wir in unseren Entscheidungen frei?

Als handelndes Subjekt kann ich Verantwortung übernehmen

Ich treffe meine Entscheidungen aus freiem Willen – diesen Satz würden viele unterschreiben. Sven Precht widmet sich in seinem Essay der Frage, ob der Mensch überhaupt frei sein kann und diskutiert den Standpunkt von Neurowissenschaftlern, ihn nur als eine denkende Maschine anzusehen.

Verantwortung übernehmen und tragen setzt mindestens drei Dinge voraus: Erstens, ich muss eine Handlung tätigen, wobei auch ein bewusstes Nichthandeln bzw. eine Enthaltung eine Handlung darstellen kann. Zweitens, ich muss die Folgen meiner Handlung einigermaßen absehen können, was aber immer nur bedingt möglich ist. Drittens, ich muss eine Entscheidung aus freiem Willen treffen können, ansonsten kann von „meiner“ Entscheidung nicht die Rede sein.

Der 3. Punkt ist problematisch, denn über die Frage nach der Möglichkeit von Freiheit streiten die Philosophen schon seit mindestens 2500 Jahren. Warum?

Einmal ist nicht richtig klar, was mit Freiheit gemeint ist. Wenn wir von politischer Freiheit sprechen, können wir es noch einigermaßen fassen: Freiheit ist Freiheit von jeder denkbaren Bevormundung durch andere Menschen oder Institutionen: Das geht von der Sklaverei über massive wirtschaftliche Abhängigkeit bis zu juristischer Gängelung und psychologischer Manipulation. Hier sind weitere Differenzierungen sinnvoll und nötig, aber grundsätzlich scheinen sich die angesprochenen Sachverhalte klären zu lassen.

Doch wenn wir über die Möglichkeit von grundsätzlicher Freiheit sprechen wollen, geraten wir schnell in einen Bereich des Nebulösen und Pathetischen: „Der Mensch ist freiheitsbegabt!“ – „Der Mensch hat die freie Wahl!“ – „Der Mensch kann sich aus freien Stücken heraus entscheiden, …!“ Kann er das?

Ist Freiheit nur eine Illusion?

Die empirische Verhaltensforschung kommt zu anderen Ergebnissen. Wenn wir Entscheidungen treffen, sind wir nicht frei von äußeren und inneren Einflüssen. Es können die äußeren Umstände, die sozialen Verhältnisse, unsere persönliche Situation oder unsere mentale Befindlichkeit sein, die uns eine Entscheidung treffen lassen. Die uns in eine Entscheidung regelrecht hineintreiben.

Wenn wir einen irrsinnigen Durst haben, uns auf eine Flasche Wasser stürzen – wo ist da unsere freie Entscheidung? Wenn wir Angst um unseren Job haben oder Angst, unseren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten zu können, und die erste beste Arbeit annehmen – wo ist da unsere freie Entscheidung? Wenn wir immer wieder hören, dass eine gewisse Bevölkerungsgruppe zu strafrechtlich relevanten Verhaltensweisen neigt, wenn wir aus den Medien nichts anderes erfahren und diese Meinung selbst übernehmen – wo ist da unsere freie Entscheidung?

Die neurologische Forschung scheint den Spielraum für eine mögliche Freiheit unserer Entscheidungen noch weiter einzuengen: Unser Denken, unsere Stimmungen und Emotionen, unsere Einfälle und Assoziationen scheinen ein Reflex aus neurophysiologischen Prozessen in unserem Gehirn zu sein. Für viele kognitive Tätigkeiten lässt sich mittlerweile eine bestimmte Gehirnregion lokalisieren, deren Aktivität für das Zustandekommen dieser Tätigkeiten „verantwortlich“ ist. Ich schreibe das Wort „verantwortlich“ bewusst in Anführungsstrichen und komme weiter unten darauf zurück.

Demzufolge wären wir Menschen nicht frei, sondern vielmehr von außen und durch die Chemie in unserem Körper gesteuert. Die Freiheit ist nur ein schöner Gedanke, um nicht zu sagen: eine Illusion?

Aus der Sicht der konventionellen Naturwissenschaft könnte es tatsächlich so scheinen. Und in den letzten 400 Jahren hat es nicht wenige Forscher und Denker gegeben, die den Menschen mehr oder weniger als Maschine oder als denkendes Wesen in einer Maschine gesehen haben, der sich zwar entscheiden und handeln kann, aber eben nicht aus freiem Willen heraus. Also alles schon mal dagewesen.

Alles basiert auf der Trennung von Körper und Geist

Die Sache hat aber einen Haken: Die Behauptung, dass Freiheit möglich sei sowie die Leugnung, dass wir auch nur eine einzige Entscheidung aus freien Stücken treffen, einen einzigen Gedanken wirklich selbstbestimmt denken könnten, setzen beide eine Annahme voraus, die unser gesamtes abendländisches Denken durchzieht: die (ontologische) Trennung zwischen Körper und Geist.

Wenn ich meinen Körper als von meinem Geist getrennt betrachte – und das tut im Grunde jeder Schulmediziner –, dann bleiben nur unzählige physiologische Prozesse übrig, deren Logik und Gesetzmäßigkeiten zu erforschen Gegenstand der Naturwissenschaften ist. Aber von Freiheit zu sprechen macht in diesem Zusammenhang wenig Sinn.

Und wenn ich einmal von dieser Trennung ausgehe, dann stellt sich tatsächlich die Frage, was der Geist eigentlich noch sein soll: Ein Anhängsel? Eine Spiegelung oder ein Reflex dieser phyiologischen Prozesse? Oder ein davon gänzlich losgekoppelter Prozess in einer anderen, nicht-materiellen Sphäre? Das ist alles sehr unklar und auch unbefriedigend. Aber wie kommt es überhaupt zu dieser Trennung?

Wenn ich zu einem Arzt gehe, der sich nur für meinen Körper, sagen wir für eine lokale Entzündung interessiert, dann scheint er sich an die Fakten, an messbare und verifizierbare Daten zu halten. Er kann Messungen vornehmen, meine Blutwerte analysieren, den Grad der Hautrötung und was dergleichen mehr ist. Der Rest meiner Existenz, mein Denken und Fühlen ist für diesen Mediziner völlig irrelevant. Meine Schleimhäute sind entzündet, das kann er sich anschauen und mir ein Mittelchen dagegen verschreiben – was interessiert ihn da noch mein Denken und Fühlen?

Das ist, nebenbei gesagt, ein Grund dafür, dass ich tunlichst nicht mehr zu solchen Ärzten gehe. Meine Existenz spielt sich mitnichten nur auf der rein materiellen Ebene ab. Und wenn ich ein physiologisches Problem habe, dann sehe zumindest ich selbst mehrere Zusammenhänge mit meinem bisherigen Leben (Ernährung, Gewohnheiten, Einstellungen, Glaubenssätze u.a.m.), dass ich mich schlechterdings nicht wahrgenommen fühle, wenn ein Mediziner das alles ignoriert und nur auf die eine Stelle schaut, wo sich ein Symptom sichtbar zeigt.

Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile

Wenn ich diese Trennung nicht mitvollziehe, komme ich einfach zu ganz anderen Ergebnissen. Ich kann vielleicht ein Rückenleiden behandeln und kurieren, indem ich über mein Verhältnis zu meiner Umwelt nachdenke. Indem ich mich zum Beispiel frage, warum ich glaube, für alles und jedes zuständig zu sein. Ich habe von Fällen gehört, in denen eine Heilung von bestimmten körperlichen Gebrechen eingetreten ist, nachdem sich der oder die Betreffende mit einem ganz anderen Problem auseinandergesetzt hat.

Wenn wir diese Trennung zwischen Körper und Geist (der Klassiker unter den Dualismen) einfach nicht vornehmen, dann erscheint auch die Frage nach der Möglichkeit von menschlicher Freiheit in einem ganz anderen Licht. Dann sind wir zwar immer noch den äußeren und inneren Einflüssen sowie gewissen Gesetzmäßigkeiten unterworfen, aber das ist nur ein Aspekt unter vielen.

Dann ist es sinnvoll, sich diese ganzen Zusammenhänge vor Augen zu führen und einen Moment der Freiheit darin zu erkennen, das wir eben auch das Ganze des Menschen betrachten können: in dem Sinne, dass das Ganze (qualitativ) mehr ist als die Summe (quantitativ = messbar) seiner Teile, ist der Mensch auch mehr als die Einflüsse jeglicher Art und Natur, denen er zweifelsohne unterworfen ist.

Vor diesem Hintergrund bin ich zwar konditioniert – durch meine Umwelt, Gewohnheiten, durch Nachrichten und Meinungen, rein physiologische Prozesse –, aber ich habe auch die Möglichkeit, mir diese Einflüsse bewusst zu machen und meine Abhängigkeit davon zu transzendieren. Und mit dieser Möglichkeit kann ich vielleicht doch sinnvoll Verantwortung für mein Leben, für mein Denken und Handeln übernehmen. Als handelndes Subjekt.

Sven Precht

Sven Precht2014-webSven Precht war viele Jahre als Kulturjournalist tätig und arbeitet heute in der IT-Branche. Er unterrichtet auch an der Volkshochschule zu philosophischen Themen.

 

 

Lesen Sie den Beitrag unseres Lesers Carsten Petersen zu diesem Artikel

 

 

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Ein Gedanke zu „Sind wir in unseren Entscheidungen frei?

  1. Zitat: …….“aber ich habe auch die Möglichkeit, mir diese Einflüsse bewusst zu machen und meine Abhängigkeit davon zu transzendieren“

    dieser Satz bringt es auf den Punkt.

    „Bewusstwerdung“ ist der Schlüssel zum Überleben der Menschheit. Der Mensch hat sich nur intellektuell entwickelt, geistige Entwicklung hat bisher kaum stattgefunden.

    Die Weltseele, das weibliche Prinzip, ist in Vergessenheit geraten, es wurde förmlich aus dem Weltbild entfernt. Seit dem glaubt man alles materialistisch, mathematisch erklären zu können.

    Wir bauen Atomraketen, wissen aber nicht warum wir das tun. Gott ist tot und von dieser Tatsache scheint die Menschheit bedroht zu sein.

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