Philosophisches Basiswissen John Stuart Mill

John Stuart Mill (1806-1873) entwickelte den Utilitarismus Jeremy Benthams weiter. Danach soll man so handeln, dass das größtmögliche Glück für viele erreicht wird. Die Philosophin Cornelia Bruell stellt den Utilitarismus Mills vor, der den Nutzen einer Handlung in den Mittelpunkt stellt und auf einem solidarischen Weltbild beruht.

Wir sind alle Utilitaristen. Täglich geht es sowohl individuell als auch gesellschaftlich um die Frage des Nutzens. Und diese wiederum kann nur mittels einer ethischen Grundhaltung, ob bewusst oder unbewusst, beantwortet werden. Es handelt sich hier um Dilemmata. Situationen, in denen unterschiedliche Interessen, Prioritäten und/oder mögliche Konsequenzen aufeinanderprallen und dennoch eine Entscheidung getroffen werden muss. Die Ethik versucht Antworten darauf zu geben, was der angemessene Maßstab für die Beurteilung ist und welche Handlungen daraus folgen können oder sollen.

Es ist uns oft gar nicht bewusst, wie sehr wir in Sekundenschnelle mehrere Optionen durchspielen und die Variante mit dem größten Nutzen für uns selbst und unsere Nächsten wählen. Diesen Realismus nahm eine philosophische Strömung im 18. Jahrhundert beginnend mit Jeremy Bentham zum Anlass, um eine Theorie des Nutzens zu erarbeiten: den Utilitarismus.

Benthams Ziel war es, ein System zu entwerfen, auf dessen Basis die moralisch richtige Entscheidung getroffen werden könne – auch „hedonistisches Kalkül“ genannt. Aber warum Hedonismus? Der Begriff darf an dieser Stelle nicht falsch verstanden werden, denn Bentham verband damit nicht ein ausschweifendes Genussstreben. Vielmehr solle in einem geregelten Maß Lust und Freude gefördert, Unlust und Leid vermieden werden.

Bentham stellte die folgende Regel auf: Führe diejenige Handlung aus, durch die die größtmögliche Summe an Nutzen für alle Betroffnen erreicht werden kann. Hier geht es also in keinster Weise um Egoismus oder den eigenen Profit, obwohl dies Utilitaristen gerne unterstellt wird. Viel mehr steht das Glück möglichst aller oder zumindest möglichst vieler im Mittelpunkt.

Das größte Glück als Grundlage für die Moral

Bentham ging davon aus, das Glück präzise berechnen zu können. Dazu erstellte er ein Punktesystem mit sieben Kriterien, anhand dessen der größtmögliche Nutzen ermittelt werden könnte: Intensität des Glücks, Dauer, Gewissheit, zeitliche Nähe, Folgenträchtigkeit, Reinheit (sprich, bringt es wirklich nur Glück) und Ausdehnung. Bentham war dabei durchaus bewusst, dass es sich hier immer nur um Annäherungen an das Glück handeln könne und dieses schwerlich absolut zu setzen sei.

Dieses System hatte aber einige Schwächen: Kann zum Beispiel Freude und Leid überhaupt gemessen werden? Können die Folgen einer Handlung wirklich präzise abgeschätzt werden? Selbst wenn es den anderen nutzt, wie fühlt sich der Handelnde dabei selbst? Zudem: Minderheiten können so überhaupt nicht geschützt werden.

John Stuart Mill war Benthams Schüler und versuchte, Benthams Modell kritisch zu hinterfragen und seinen Ansatz zu verfeinern. Zunächst folgte Mill Bentham in der Annahme, dass die Nützlichkeit oder das Prinzip des größten Glücks die Grundlage der Moral darstellen muss. Er ging davon aus, „dass Handlungen insoweit und in dem Maße moralisch richtig sind, als sie die Tendenz haben, Glück zu befördern, und insoweit moralisch falsch, als sie die Tendenz haben, das Gegenteil von Glück zu bewirken.“ (John Stuart Mill 2016: Der Utilitarismus, S. 23)

Mills Lösung aber für die heikle Frage nach der Messbarkeit von Glück ist eine äußerst spannende: Er reagierte nämlich nicht darauf, indem er versuchte, das Modell mathematisch wasserdicht zu machen. Vielmehr versuchte er, die qualitativen Aspekte in den Vordergrund zu rücken. Mill ging davon aus, dass Freude für jeden etwas anderes bedeutet und zudem Freuden in unterschiedliche Qualitäten unterteilt werden müssten.

Das Decken von Grundbedürfnissen kann zum Beispiel nicht verglichen werden mit dem Genuss von Musik oder Kunst. Das Gute, das Glückbringende ist also nicht eindimensional, sondern komplex und divers. Für die Gemeinschaft müsse dementsprechend gemeinsam entschieden werden, was das Gute sei:

Von zwei Freuden ist diejenige wünschenswerter, die von allen oder nahezu allen, die beide erfahren haben – ungeachtet des Gefühls, eine von beiden aus moralischen Gründen vorziehen zu müssen -, entschieden bevorzugt wird.“ ((John Stuart Mill 2016: Der Utilitarismus, S. 29)  Mill ging es darum, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln und anhand dieser die Mehrheit entscheiden zu lassen, was gut und was schlecht sei.

Solidarisches Weltbild als Grundlage

Doch wie können nun Menschen dazu in die Lage versetzt werden, überhaupt über Freuden und das Glück anderer zu urteilen? Mills Antwort: Das gelinge nur über Bildung. Das Bildungssystem und die öffentliche Meinung müssen zusammenwirken. Es solle eine „unauflösliche Verbindung“ zwischen dem “individuellen Glück und dem Wohl der Gesellschaft” hergestellt werden. Durchaus ein interessanter Gedanke angesichts der Verfasstheit heutiger Bildungssysteme. Das „kleine Glück“ und das Gemeinwohl müssten in Übereinstimmung gebracht werden.

Das Abwägen des Nutzens kann nach Mill nur ein „gutes“ Ende nehmen, wenn es auf einem Menschen- und Weltbild fußt, das schon von Grund auf solidarisch und gemeinschaftlich orientiert ist. Zudem muss der Mensch lernen, überhaupt erkennen zu können, was gut für ihn selbst ist. Oft, so Mill, wird dieser Zugang zum Selbst, die Selbsterkenntnis, verschüttet, weil es an Zeit und Gelegenheit mangelt, sich den wichtigen Dingen zu widmen. 

Die höheren Bedürfnisse und geistigen Interessen der Menschen sterben ab, weil es diesen an Zeit und Gelegenheit fehlt, sie zu pflegen; und nicht deshalb geben sie sich niedrigeren Vergnügungen hin, weil sie sie bewusst vorziehen, sondern weil diese die einzigen sind, die ihnen erreichbar und zu deren Genuss sie noch fähig sind.“ (John Stuart Mill 2016: Der Utilitarismus, S. 35)

Nach dem Gewissen zu handeln bringt Lust

Die Pflichtethik nach Kant versucht, strenge Regeln und Maximen zu formulieren, nach dem stets, in jeder Situation entschieden werden muss, unabhängig vom konkreten Nutzen oder den Konsequenzen. Wir wissen, dass das in der Praxis schwierig ist.

Mill würde sogar soweit gehen zu sagen, dass wir fast nie aus reiner Pflicht handeln, sondern viel mehr Unlust verspüren, wenn wir uns gegen Gesetze oder Maximen wenden und daher diesen entsprechend handeln. Dies hat dann mit unserem Gewissen zu tun, denn dem Gewissen folgen, bringt Lust. Daher geht das Gewissen (als Lustbringer) der Pflicht noch voraus. 

Entscheiden wir nach der Goldenen Regel (nicht mit dem kategorischen Imperativ nach Kant zu verwechseln), so wäre diese Entscheidung aus Mills Perspektive zu egoistisch. Denn, hier beurteile ich allein nach dem, was ich mag oder mir gut tut und lege es auf den Anderen um. Auch diese Entscheidung ist zwar ähnlich wie beim Utilitarismus situationistisch flexibel. Aber ich prüfe nicht, ob die Entscheidung auch das größte Glück für die größte Zahl bringt.

Wohin die Optimierung des Glücks führen kann

Der zeitgenössische Philosoph Peter Singer orientierte sich an der utilitaristischen Ethik und entwickelte diese Position für das 20. und 21. Jahrhundert weiter (Präferenzutilitarismus). Singer begründete die Position des „effektiven Altruismus”. Danach müsse, wie der Name besagt, jegliche altruistische Handlung auf ihre Effektivität hin überprüft werden. So entsteht eine Art Rangordnung der Handlungsoptionen.

Als besonders gewinnbringend zeigt sich dieser Ansatz, wenn wir dazu angehalten werden abzuwägen, ob wir in teure Kleidung investieren sollten, die unter menschenfeindlichen Bedingungen produziert wurde, oder mit demselben Geld nicht viel effektiver die Existenz einiger Menschen sichern können. Singer hat für diese Berechnungen sogar eine eigene Website eingerichtet.

Seine radikale Position im Rahmen einer Nutzenabwägung wurde vielfach kritisiert, da er zum Beispiel auf Basis dessen für das Töten von schwerbehinderten Säuglingen eintritt. Eine gute Darstellung des komplexen Ansatzes findet sich hier. Die Diskussion können wir an dieser Stelle nicht führen.

Wir sehen: Das Abwägen des Nutzens ist eine praktisch-menschliche Konstante, aber sie hat Grenzen. Ist es aber nicht ohnehin so, dass unser ethisches Handeln von verschiedenen ethischen Positionen gleichzeitig geprägt wird, auch wenn sich diese manchmal sogar zu widersprechen scheinen? In manchen Entscheidungsprozessen verschmilzt das Pflichtgefühl mit dem Abwägen der Konsequenzen. Ein andermal paart sich die Nutzenabwägung mit der Intuition und dem Gewissen.

Vielleicht erlaubt gerade die Kombination verschiedener ethischer Ansätze die Hinwendung zum Guten. Muss also die Entscheidung getroffen werden: Was kommt zuerst? Das Individuum oder die Gemeinschaft? Oder sind und sollen nicht immer Gleichzeitigkeiten am Werk sein?

Cornelia Bruell

Dr. Cornelia Bruell ist sowohl akademisch philosophische Praktikerin (Abschluss des Universitätslehrgangs “Philosophische Praxis” an der Universität Wien 2016) mit eigener Praxis (www.philoskop.org) als auch Lehrbeauftragte an der Universität Wien (Politikwissenschaft, Philosophie), der Universität für Musik und darstellende Kunst (Kulturtheorie) und der Donau Universität Krems (Philosophieren mit Kindern, Dialogphilosophie). Sie ist Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für philosophische Praxis (IGPP), Vorstandsvorsitzende des Kreises akademisch philosophischer Praktiker*innen (KAPP), Mitglied der Gesellschaft für angewandte Philosophie (GAP) und Mitbegründerin des Instituts für philosophische Praxis und Sorgekultur (IPPS). 

Literaturempfehlungen

John Stuart Mill: Der Utilitarismus, Stuttgart 2016

John Stuart Mill: Über die Freiheit, Stuttgart 2009

Peter Singer: Effektiver Altruismus, Frankfurt a.M. 2016. Lesen Sie dazu auch den Artikel von Matthieu Ricard