Die Goldene Regel, Teil 1

Die „Goldene Regel“ ist so etwas wie eine universelle Ethik des Ausgleichs von Interessen. Man achtet die Bedürfnisse und Interessen anderer und kann gleichzeitig seine eigenen Ziele verfolgen. Martin Bauschke erklärt, wie dieses Moralprinzip zum Frieden in der Gesellschaft beitragen kann.

Die Goldene Regel – bekannt als Sprichwort: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu“ zeigt: Eigeninteresse und Altruismus schließen sich nicht aus. Damit erweist sie sich als eine Maxime weitherziger und weitsichtiger Klugheit.

Gemäß der Goldenen Regel zu leben, ist langfristig die klügste Art und die beste Weise, für seine Bedürfnisse, sein Eigeninteresse einzustehen und zugleich für das Wohl anderer zu sorgen. Wenn es mehr Redlichkeit, Mitgefühl, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt gibt, haben nicht nur andere etwas davon, sondern auch wir selbst.

Die Goldene Regel erfreut sich seit den 1990er Jahren zunehmender Beliebtheit. Immer häufiger wird im öffentlichen Raum auf sie verwiesen, etwa vom ehemaligen Bundespräsident Horst Köhler oder von US-Präsident Barack Obama.

Dabei stand diese Regel hierzulande 200 Jahre lang im Schatten Immanuel Kants. Dieser hatte sie durch seinen „Kategorischen Imperativ“ nicht gerade abgeschafft, aber doch weitgehend ersetzt.

Die Bezeichnung als „Goldene Regel“ hat diese Redensart allerdings erst in der Neuzeit erhalten. Genauer gesagt ist sie im christlichen Westen aufgekommen. Sie lässt sich bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen. Das älteste Zitat, das ich gefunden habe, stammt von Veit Ludwig von Seckendorff, der als Hofrat und Richter in Gotha tätig war. In seinem staatstheoretischen Hauptwerk „Teutscher Fürsten-Staat“ (1656) spricht er von „der güldenen Regel des Herrn Christi“, an welcher sich jeder Fürst im Umgang mit seinen Untertanen zu orientieren habe.

Die Quintessenz der Moral

Es verhält sich mit der „Goldenen Regel“ als Moralprinzip ähnlich wie mit der Rede vom „Goldenen Schnitt“ in der Architektur, Kunst und Mathematik. Dieser Ausdruck wurde ebenfalls erst in der Neuzeit geprägt, während das Harmonieprinzip selbst bereits in der Antike bekannt war.

Doch was macht diese Regel zu einer „goldenen“? Das Prädikat „Gold“ ist eine Metapher für ihren besonderen Wert und ihre einzigartige Bedeutung. Sie gilt nicht als irgendeine Regel, die zusätzlich zu schon vorhandenen Verboten und Geboten hinzukommt, sondern sie wird verstanden als die Quintessenz und der Kern aller Moral. Als die eine Regel in oder über allen anderen Regeln des Umgangs miteinander.

Das zeigen vier klassische Beispiele aus vier Weltgegenden. Thales von Milet hat die Goldene Regel als Antwort auf die Frage nach der edelsten und gerechtesten Lebensführung genannt. Konfuzius zufolge kann diese Regel ein Leben lang als Richtschnur des Handelns dienen. In dem altindischen Epos Mahabharata wird die Goldene Regel als die Essenz der kosmischen und moralischen Ordnung bezeichnet.

Und Rabbi Hillel, ein älterer Zeitgenosse Jesu, sieht in dieser Norm die gesamte Thora auf den Punkt gebracht. Dieses Sprichwort wird also deshalb „Goldene Regel“ genannt, weil es ein essentielles Ethos formuliert: eine Kurzfassung und Zusammenfassung dessen, wie Menschen sich benehmen bzw. nicht benehmen sollten.

Mit einem Wort: Obwohl sie als „Regel“ bezeichnet wird, ist die Goldene Regel keine moralische Regel unter anderen, sondern ein moralisches Prinzip (Vgl. Marcus George Singer. The Ideal of a Rational Morality: Philosophical Compositions, Oxford 2002, S. 265). Dem Freiburger Philosophen Hans Reinerzufolge ist sie die „sittliche Grundformel der Menschheit“, nämlich ein „die soziale Ordnung wirklich begründendes und konkret brauchbares sittliches Prinzip.“

Eine Regel der Menschlichkeit

Darüber hinaus ist die Goldene Regel seit mehr als zweieinhalbtausend Jahren weltweit bekannt. Sie ist in der von Karl Jaspers beschriebenen „Achsenzeit“ aufgekommen, unabhängig voneinander in den unterschiedlichsten Kulturen und Religionen, von denen keine für sich reklamieren kann, sie allein habe diese Regel „erfunden“. In meinem Buch „Die Goldene Regel: Staunen – Verstehen – Handeln“ (Berlin 2010) wage ich es daher, diese Regel als unser moralisches Weltkulturerbe zu bezeichnen.

Allerdings ist diese Regel wie Kants Kategorischer Imperativ ein bloß formalesPrinzip, das selbst noch keine konkreten ethischen Richtlinien enthält, was genau in welcher Situation am besten zu unterlassen oder zu tun sei. Menschen mit unterschiedlichen Präferenzen können daher mit Berufung auf dieselbe Goldene Regel zu ganz unterschiedlichen und sogar entgegengesetzten Handlungsweisen gelangen.

Das Formalprinzip der Goldenen Regel muss daher ergänzt werden durch materiale Werte, um eine für die Praxis taugliche ethische Orientierungshilfe zu sein. Man braucht einige fundamentale Wertorientierungen, welche die Regel in einer bestimmten Richtung konkretisieren und zu einer echten Regel der Mitmenschlichkeit machen.

Die Goldene Regel ist nicht nur eine ausgesprochene Alltagsregel, sondern auch eine Klugheitsregel: Wer etwas für andere tut, z.B. indem er oder sie jemandem vergibt, der tut damit auch etwas für sich selbst.

Die Goldene Regel hält die Balance zwischen Eigeninteresse und Altruismus. Sie formuliert weder ein Minimalethos im Sinne bloßen Vergeltungsdenkens (Egoismus) noch ein Maximalethos im Sinne etwa der Selbstaufopferung (Altruismus). Vielmehr ist sie Ausdruck eines Ethos der goldenen Mitte und des rechten Maßes.

Die Goldene Regel ist eine Maxime für den ethischen Normalverbraucher. Für denjenigen, der sich seines Egoismus schämt und das simple Vergeltungsprinzip „Wie du mir, so ich dir“ hinter sich lassen möchte und doch faktisch nicht zu ethischem Heldentum fähig ist oder sich berufen fühlt.

Die meisten Menschen sind weder Heilige noch sind sie Monster, sondern erst einmal sich selbst der Nächste. Was als Selbstliebe verstanden nichts Falsches, sondern etwas sehr Wichtiges ist. Die Liebe zu sich selbst, die Achtung vor sich selbst ist geradezu die Voraussetzung dafür, die Goldene Regel – oder konkreter: die Achtung des Anderen, die Liebe zum Nächsten – praktizieren zu können (Vgl. Monika Hoffmann. Selbstliebe. Ein grundlegendes Prinzip von Ethos, Paderborn 2002; Uwe Steffen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Variationen über das Thema Selbstlosigkeit und Selbstliebe.

Die Goldene Regel erkennt im Egoismus einen Mangel an Einfühlung in den Anderen und umgekehrt im Altruismus einen Mangel an Selbstliebe. Diese Regel lehrt den Egoisten, auch an die Anderen zu denken und sich in sie einzufühlen, ohne ihm das An-sich-selbst-Denken zu verbieten. Altruisten lernen mit Hilfe der Goldenen Regel, auch an sich selbst zu denken und die natürliche Selbstliebe zum Ausgangspunkt und Maßstab ihrer Liebe zum anderen zu machen.

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Martin Bauschke

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Dr. Martin Bauschke arbeitet im Büro Berlin der Stiftung Weltethos. Autor des Buches: Die Goldene Regel: Staunen – Verstehen – Handeln, Berlin 2010