Philosophisches Basiswissen Kant

Immanuel Kant (1724-1804) revolutionierte die Ethik und stellte die Vernunft ins Zentrum moralischen Handelns. Ist der Mensch von Vernunft geleitet, tut er, was er soll, und berücksichtigt die Interessen anderer. Thomas Gutknecht stellt die Ethik Kants und den Kategorischen Imperativ vor, die vom autonomen Individuum ausgeht.

Wer fragt, was es heißt, auf gute Weise Mensch zu sein, stellt eine andere Frage als jemand, der fragt, was es heißt, ein guter Mensch zu sein. Die erste Frage steht unter der Überschrift „Ethik“ und gilt dem guten Leben, dem „Gut-Mensch-sein“. Ethik, verliebt ins Gelingen, geht aus von unserem Wollen.

Ganz anders die Moral. Unter diesem Titel wird verhandelt, was der Mensch tun soll, und es wird gefragt nach dem Prinzip des Sollens. Es kommt nicht darauf an, was einer will, wenn in Frage steht, was man soll. Der Leitbegriff ist dann nicht das Glück, sondern die Pflicht. Ja mehr noch: nicht nur, was ich soll, vielmehr was ich „muss“ – nach dem Sittengesetz, d.h. in Übereinstimmung mit mir selbst als vernünftigem Subjekt.

Was ich nach dem Gebot der Vernunft in diesem Sinne „muss“, gerade das soll ich dann auch wollen. Das wiederum heißt, dass ich wollen können muss. Das hört sich kompliziert an, ist es aber nicht. Es scheint schwierig, ist dies aber nur in der Praxis. Weil Menschen häufig nicht geneigt sind zu tun, was sie sollen.

Die Vernunft ist die maßgebliche Instanz

Ganz wichtig ist dabei, um keine falsche Spur zu legen: niemand anderer darf mir sagen, was ich soll. Maßgeblich ist allein die Instanz, mit der ich mich identisch weiß, die Stimme meiner Vernunft. Kurzum: vor Kant fragen Philosophen nicht anders als schon Aristoteles: nach Komponenten und Konditionen des guten Lebens. Sie bemühen die Klugheit oder unser Vermögen zur Sympathie und Empathie, den Nutzen oder das von Gott Gebotene.

Kants Revolution in der praktischen Philosophie ist nicht weniger grundstürzend und grundsätzlich als die seiner theoretischen. Er revolutioniert die Ethik und stellt über sie eine Moralphilosophie als Meta-Ethik von unüberbietbarer Unbedingtheit. Wenn es Gott vorbehalten gewesen sein sollte, zu sagen: Du sollst! – Kant braucht die Religion dafür nicht. Kants Idee der moralischen Autonomie durch Vernunft ist die Idee, Handlungen allein dadurch zu rechtfertigen, dass sie verallgemeinerbar sind und dem kategorischen Imperativ folgen. Die praktische Vernunft gebietet sie, und das ist genug.

Kein Mensch muss müssen – wenn er vernünftig genug ist, zu wollen, was er soll. Was das ist? Das sagt uns der berühmte kategorische Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (Grundformel) Kant kennt davon mehrere Fassungen. Nur ein zweites Beispiel noch: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ (Menschheitsformel)

Glänzend auch andere Formulierungen Kants, fast genauso berühmt wie sein kategorischer Imperativ: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“ Und: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Vom moralischen Gesetz in (!) mir war schon die Rede, ganz im Gefolge des enthusiastischen Ausrufs: „Pflicht, Du erhabener Name!“ Es ist die ganze Liebenswürdigkeit des Königsberger Philosophen, der so strenge Maximen und Devisen ausgibt, dass er Leidenschaft erkennen lässt für das Handeln aus Pflicht, leidenschaftlich auf die Vernunft setzt und vernünftig auf Prinzipielles aus ist.

Gesinnungsethik: in guter Absicht handeln

Kant will nicht votieren gegen das „Andere der Vernunft“. Das steht als Wirklichkeit auch gar nicht zur Debatte. Die Rolle der Vernunft ist ihre Begründungsleistung, und ihr Charme ist, dass die Bande der Vernunft uns untereinander verbindet. Kant sucht ein verbindliches und verbindendes, universal gültiges Prinzip, das dem Menschen gerecht wird.

Der Mensch nämlich ist Person und er ist dies als Selbstzweck. Selbstbestimmung ist da nur recht und billig. Aber Selbstbestimmung in der allein dadurch gerechtfertigten Ordnung, dass alle als Gleiche unter dem einen allgemeingültigen Gesetz stehen, dem „Sittengesetz“.

Was „ohne Einschränkung für gut“ zu erachten ist, der gute Wille, heißt für Kant nicht, es bloß gut zu meinen, guten Willen zu zeigen, Gutmütigkeit gar nur. Der Satz: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille“ meint den ernsthaften Willen zur Verwirklichung des Guten in ausschließlich guter Absicht. Daher wird Kants Moralphilosophie gelegentlich Gesinnungsethik genannt. Von einem Ethos lauterster Gesinnung wäre zu reden, doch eben das ist Moralität im strengen Sinn.

Ein „Kant-Katechismus“ für Kinder, vor nahezu hundert Jahren verfasst, beginnt mit der Frage: „Wie sollen wir handeln?“ Antwort: „Sittlich“. – „Wodurch“, so weiter, „unterscheidet sich diese sittliche Handlungsweise von sämtlichen anderen?“ Nächste Antwort: „Sittliche Handlungen sind entweder gut oder böse. Sämtliche anderen Handlungen dagegen sind nützlich oder schädlich, angenehm oder widerwärtig, sie dienen alle dem Glück. Sittlichkeit aber sorgt dafür, daß man dieses Glück auch verdiene, daß man, auch wenn man im Unglück wäre, des Glückes wert und würdig sei.“

Alte Sprache, immer gültiger Sinn. Sittlichkeit, so lesen wir, ist keineswegs so etwas wie Nützlichkeit. Denn die ist immer nur unter gewissen Bedingungen gegeben: wenn es regnet, ist es nützlich, einen Schirm über dem Kopf zu haben; sonst aber nicht. „Aber die Güte oder die Bosheit […], ist unter allen Bedingungen gut oder böse.“

Gut in moralischer Hinsicht ist ein „einstelliges Prädikat“: nicht gut für Müller oder Meier, sondern gut schlechterdings und schlechthin. Sittliche Verbote wie das Verbot der Lüge oder des Mordens gelten ohne Ausnahme, un-bedingt. Nie lügen, auch wenn es schadet; niemand soll, d.h. darf lügen, obwohl die Lüge nützen könnte. So gipfelt der Kinder-Kant in der Frage: „Wie nennt man das, was mich unbedingt gut, wahr, sittlich handeln heißt?“ – „Es ist die göttlichste Offenbarung, die es gibt: es sind die gewissen, zweifellosen, strengen Denkgesetze meiner eigenen Vernunft, die mich unbedingt, vor allem aber zur Wahrhaftigkeit, verpflichten.“

Im Mittelpunkt steht der Mensch

Kant für Kinder bloß? Ein Kant für Erwachsene, das will sagen: Kant für die im Leben Erfahrenen und Urteilsfähigen, unterscheidet sich diesbezüglich in nichts von einem Kant für die idealistische Jugendlichen und unverdorbenen Kinder. Ein Aufsatz Kants ist überschrieben: „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“. Dort wird er deutlich, wenn man ihm die vermeintliche Nichtpraktizierbarkeit seiner Vernunftgesetze vorhält.

„Ich hatte die Moral, vorläufig, als zur Einleitung, für eine Wissenschaft erklärt, die da lehrt, nicht wie wir glücklich, sondern der Glückseligkeit würdig werden sollen. Hiebei hatte ich nicht verabsäumt anzumerken, daß dadurch dem Menschen nicht angesonnen werde, er solle, wenn es auf Pflichtbefolgung ankommt, seinem natürlichen Zwecke, der Glückseligkeit, entsagen; denn das kann er nicht, so wie kein endliches vernünftiges Wesen überhaupt; sondern er müsse, wenn das Gebot der Pflicht eintritt, gänzlich von dieser Rücksicht abstrahieren.“

Denn, so rückt Kant Missverständnisse zurecht: „Nach meiner Theorie ist weder die Moralität des Menschen für sich, noch die Glückseligkeit für sich allein, sondern das höchste in der Welt mögliche Gut, welches in der Vereinigung und Zusammenstimmung beider besteht, der einzige Zweck des Schöpfers.“ Darauf darf gehofft werden. Das Hoffen allerdings gehört ins Feld der Religionsphilosophie.

Den Weltleuten sei zugestanden, dass das moralisch Unmögliche physisch jederzeit möglich bleibt. Aber das glückstheoretisch scheinbar Unumgängliche zwingt zu keiner Zeit. Nur in der Verneinung jeder anderen Zumutung als derjenigen der Vernunft kann man mit sich selber einig bleiben. Schon Sokrates hatte dies gesehen, wie Platon mit des Sokrates´ Gerichtsrede zeigt.

Es gibt viele Gründe, Kant den Sokrates von Königsberg zu nennen, auch der Vernunftliebe wegen. Jedoch modern ist Kant in vieler Hinsicht durchaus auch. Er vollzog die „anthropologische Wende“ mit seinem gesamten Philosophieren. Im Mittelpunkt steht der Mensch als Person mit seiner Würde, dem Recht zur Selbstbestimmung. Alle Grundfragen, also: Was kann ich wissen?, Was soll ich tun?, Was darf ich hoffen?, sie alle münden in die Frage: Was ist der Mensch? Die Antwort: eben dasjenige Lebendige, welches unter dem Anspruch der Vernunft steht, und dies heißt: unter dem Anspruch der Sittlichkeit.

Freiheit und Autonomie

In Kants Philosophie liegt der Schwerpunkt ganz auf der Praxis, der Möglichkeit und dem Vollzug der Freiheit. Theoretische und praktische Philosophie aufeinander beziehend, können wir mit Kant formulieren: Die Welt ist, wie sie ist, damit wir können, was wir sollen. Keiner darf sich um die Verantwortung für sich selber drücken.

„Habe Mut!“ beginnt der Wahlspruch des Aufklärers, „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Die Bedeutung Kants für die Gegenwart besteht mehr denn je darin, dass er die Forderungen der Vernunft gegenüber allem Betrieb von Wissenschaft und Technik und allem Wettlauf der Eigensucht deutlich und unüberhörbar ausspricht: Der Mensch „urteilt also, dass er etwas kann, darum, weil er sich bewusst ist, dass er es soll, und erkennt in sich die Freiheit, die ihm sonst ohne das moralische Gesetz unbekannt geblieben wäre.“

Was würde er den Hirnforschern von heute sagen? Dass Willensfreiheit nichts mit einem „Willensruck“ oder dergleichen zu tun hat, was im Gehirn sich darstellen lässt. Vielmehr, dass die so oft bestrittene Willensfreiheit in dem Umstand zu sehen ist, dass der Wille keinem fremden, sondern ganz dem eigenen Gesetz folgt. Wie am Beispiel des Lügens zu sehen ist:

Kant weiß, dass man um eines Vorteils, vor allem um des Überlebens willen, gelegentlich, ja oft genug, unmoralisch handelt und lügt. Wie jedermann hält Kant das für möglich. Ebenso hält er es aber auch stets für möglich, die Lüge zu verweigern. Ja nicht nur für möglich, sondern für erforderlich aus Pflicht, aus Liebe zum sittlich Guten, aus Moralität.

Um der Pflicht jederzeit entsprechen zu können, muss die Verweigerung der Lüge in jedem Fall möglich sein. Ein Nein ist immer drin, eine Grenze kann immer gezogen werden. Kleine Freiheit? Jedenfalls mit großer Wirkung.

„Widerlegt zu werden ist keine Gefahr“

Kant ist vielfach kritisiert worden. Bis heute arbeitet man sich an ihm ab. Hat man sich schon zu ihm hinaufgearbeitet bzw. aufgeschwungen? Wäre das nicht der erste Schritt? Dies vorausgesetzt zwei Beispiele der Kritik. Max Scheler (1874-1928) argumentiert gegen Kants Formalismus mit einer sehr voraussetzungsvollen Wert-Ethik. Er veranschlagt kein Prinzip, sondern eine Ordnung der Liebe. Wer reinen Herzens ist, darf, wie schon Schelers Gewährsmann Augustinus behauptet, sagen: Liebe und tu, was du willst.

Kant widerspricht. Die Liebe ist ein formidables Motiv, aber sie erbringt keine nur annähernd so gute Begründung wie das Vernunftgesetz, wenn die Frage lautet: Was soll ich tun? Würde gefragt: Wie soll ich handeln? Dann könnte man wohl antworten: liebend. Kant fragt hingegen: Was ist aller Liebe wert?

Als Bertolt Brecht die Gedichtzeilen schrieb: „Tue mir also den Gefallen und liebe mich nicht zu sehr. Als ich das letzte mal geliebt wurde, Erhielt ich alle die Zeit über Nicht die kleinste Freundlichkeit“,1 hätte er sich durchaus auf Kant beziehen können. Das Sittengesetz allein nämlich begründet sicheren Frieden und Freundschaft unter Menschen, was sich als Freundlichkeit und Wohlwollen darstellt.

Ein weiterer Kritiker ist Martin Buber. Er moniert ein frei in der Luft schwebendes Sollen. Er mahnt an, aufmerkend in die Situation einzugehen, wo kein System und kein Programm mehr helfen kann. Denn im konkreten Leben hat man es mit singulären Ereignissen, mit dem, was spontan geschieht, eben mit dem Konkreten selbst zu tun. Diese Sprache habe kein Alphabet, jeder ihrer Laute sei eine neue Schöpfung und nur als solche zu erfassen. Situations-Ethik also? Nicht minder anspruchsvoll als Kants Morallehre, aber um ein Vielfaches missbrauchbarer. Kant schließt die Begegnung mit dem Unbedingten ja in keiner Weise aus, ganz im Gegenteil. Wir tragen die Unbedingtheit in uns, als Anruf der Freiheit und als Aufruf zur Freiheit.

Mit Fug und Recht gilt Kant als der bedeutendste Freiheitstheoretiker der Neuzeit, d.h. überhaupt. Wie hätte er auf ernsthafte Kritiker reagiert? Souverän sicherlich. Einmal schreibt er: „Widerlegt zu werden ist … keine Gefahr, wohl aber, nicht verstanden zu werden.“

Es lohnt sich, immer wieder neu diesen liberalsten Denker verstehen zu lernen, der bei aller Liberalität und Freigebigkeit gegen Menschen und bei allem Insistieren auf dem Selberdenken auch immer noch dies festgehalten hat: Der Gebrauch der Vernunft befreit nicht nur, er verpflichtet auch: dazu, das Gute um des Guten willen zu verwirklichen, komme, was da wolle. Freimut im Interesse des Guten ist weniger unerbittlich als unüberwindlich.

Thomas Gutknecht

 

privat

Thomas Gutknecht (*1953), Philosoph und Theologe, betreibt eine Philosophische Praxis und wirkt neben seiner Beratertätigkeit engagiert in der Erwachsenenbildung, vor allem durch Vortrags- und Seminarveranstaltungen. Netzwerker in Verbänden und Vereinen, u.a. langjähriger Präsident der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP) und nun deren Ehrenpräsident sowie Initiator und Mitbegründer des Berufsverbandes für Philosophische Praxis (BV-PP). Er ist immer von Neuem fasziniert von den Erzeugnissen des Geistes und der Schönheit der Natur, nimmt Schweres mit Humor und findet Halt in lieben Menschen. www.praxis-logos.de

 

 

 

 

Zum Weiterlesen:

Immanuel Kant. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785)

Immanuel Kant. Kritik der praktischen Vernunft (1788)

Otfried Höffe: Kritik der praktischen Vernunft. Eine Philosophie der Freiheit, München 2012

Volker Gerhardt: Immanuel Kant. Vernunft und Leben. Reclam, Stuttgart 2002

Manfred Geier: Kants Welt. Eine Biografie. Rowohlt, Reinbek 2005

 

1 Bertolt Brecht, Allem, was du empfindest, in: B. Brecht, Berliner und Frankfurter Ausgabe 15, S. 456.