Meditation: Klänge erforschen

Jessica Hyde/ shutterstock.com
Jessica Hyde/ shutterstock.com

Die Meditations- und MBSR-Lehrerin Michaela Doepke eitet eine Achtsamkeitsmeditation auf Atem, Körper und Geräusche an. Ruhen Sie im offenen Gewahrsein und lauschen Sie.

Bei der Hörmeditation besteht die Aufgabe darin, im offenen Gewahrsein zu ruhen und sich auf das pure Hören zu konzentrieren. Wichtig ist es, sich bei der Übung nicht in innere Kommentare oder emotionale Reaktionen zu verwickeln. Wir lauschen gleichmütig so, als hätten wir diese Geräusche und Klänge noch nie im Leben gehört. Im Anfängergeist gibt es viele Möglichkeiten, im Expertengeist nur wenige.

Bei dieser Hörübung brauchen wir nicht nach Geräuschen zu suchen, sondern wir lassen sie einfach zu unseren Ohren kommen. Wir geben uns in einer empfangenden Haltung ganz dieser Klanglandschaft hin, wie sie sich im jetzigen Augenblick darbietet. Wir bleiben wach und präsent und achten auf jede individuelle Klangnuance. Gleichzeitig kultivieren wir ein Gewahrsein für das gesamte Klangspektrum und hören aufmerksam von Moment zu Moment.

Die Anleitung:

Wir achten auch darauf, Geräusche nicht automatisch zu werten oder Urteile über sie zu fällen, sondern entwickeln, wenn möglich, einen neugierigen und offenen Forschergeist. Normalerweise tendiert der Geist dazu, Geräusche sofort zu bewerten und zu benennen. Dann unterscheidet er zwischen angenehmen und unangenehmen Tönen.

So fühlen wir uns in der Regel von schönen Musikklängen sofort stark angezogen und wollen mehr davon hören. Dagegen tendieren wir gewöhnlich dazu, uns von unangenehmen Geräuschen abzuwenden und sie nicht wahrnehmen zu wollen oder vor ihnen zu fliehen. Beides, sowohl das Habenwollen als auch die Abwehr versetzen unseren Geist zumeist in große Unruhe oder Stress.

Doch jetzt haben wir die Chance, bislang störende Geräusche bewusst als neutrales Meditationsobjekt zu wählen und uns einfach nur gelassen auf das Hören zu konzentrieren. Auf diese Weise lassen sich große Meditationsmeister selbst durch heftigen Lärm nicht aus der Ruhe bringen. Die Herausforderung besteht also darin, nicht sofort auf jeden Impuls von außen zu reagieren oder sich von emotionalen Reaktionen wie Ärger oder Ungeduld davontragen zu lassen.

Das Gewahrsein, die innere Haltung und die Aufmerksamkeit sind das Entscheidende, nicht die Klangobjekte. Durch diese Meditationspraxis lernen wir also langfristig, uns zu stabilisieren und uns nicht von jeder sogenannten „Störung“ aus der aus der Fassung bringen zu lassen. Durch regelmäßige Übung wird es uns gelingen, allen Erscheinungen gegenüber ruhig und gelassen zu begegnen und mit allem zu sein, was ist.

Joel Heyd
Joel Heyd

Michaela Doepke (1955-2025)

Michaela Doepke (1955-2025) hat das Online-Magazin Ethik heute mitgegründet und bis 2022 in der Online-Redaktion mitgearbeitet. Sie war Journalistin, Buchautorin sowie MBSR- und Meditationslehrerin.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare

Aktuelle Termine

Online Abende

rund um spannende ethische Themen
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos

Auch interessant

Foto: privat

“Weises Handeln kann die Welt verändern”

Interview mit Thomas Hohn „Wir müssen ins Handeln kommen, am besten gemeinsam mit anderen,“ sagt Autor und Greenpeace-Kampaigner Thomas Hohn. Unser Handeln sollte möglichst aus Achtsamkeit und einer wachen Präsenz kommen und von Weisheit getragen sein.
Foto: Joachim E. Röttgers

“Wir brauchen utopische Freiräume”

Interview mit dem Aktivisten Tobi Rosswog Tobi Rosswog engagiert sich für eine Gesellschaft abseits von Geld- und Wachstumslogik auf der Basis eines neuen Miteinanders: Kooperation und "radikaler Liebe".

Newsletter abonnieren

Sie erhalten Anregungen für die innere Entwicklung und gesellschaftliches Engagement. Wir informieren Sie auch über Veranstaltungen des Netzwerkes Ethik heute. Ca. 1 bis 2 Mal pro Monat.

Neueste Artikel

Snowscat/ Unsplash

Reisen und die Entdeckung des anderen

Philosophische Gedanken Warum reisen wir? Die naheliegende Antwort: Neugier, Erholung, Flucht aus dem Alltag. Doch hinter jeder Reise steckt eine philosophische Frage, die Denkende seit der Antike beschäftigt: Was suchen wir eigentlich, wenn wir aufbrechen? Uns selbst, oder doch vielleicht das Gegenteil davon?
Foto: Nastco/ iStock

Frauenfeindlichkeit und die Krise der Männlichkeit

Ein Interview über die Arbeit mit Jungen Viele Männer sind heute überfordert: Sie sollen empathisch und stark, sensibel und männlich sein. Frauenfeindlichkeit greift weltweit um sich, befeuert von sozialen Netzwerken. Joel Wardenga arbeitet mit Fachkräften aus der Sozialarbeit und sagt: Es sei wichtig, jungen Männern positive Entwicklungsangebote zu machen. Doch bei Jugendarbeit wird gekürzt.
Foto: Filmperlen

Wie Jugendliche Probleme lösen

Kinofilm: Future Council Kinder und Jugendliche sind von wichtigen Zukunftsentscheidungen ausgeschlossen. Der Film Future Council begleitet acht Kinder auf einem Roadtrip, in dem sie Aktivistinnen und Unternehmer treffen, um über Lösungen für die ökologische Krise sprechen. Die Kinder lernen, sich einzumischen und mitzuwirken.
Monkeybusinessimages/ iStock

„Nachbarschaft zeigt, wie man mit Unterschieden klarkommt“

Interview mit dem Soziologen Kurtenbach Nachbarschaft ist ein wichtiges soziales Netz in unserem Alltag. Hier lernen wir Vertrauen und wie man Differenzen kooperativ löst. Der Soziologe Prof. Sebastian Kurtenbach berichtet aus seiner Forschung und ist überzeugt: Das Digitale kann Nachbarschaft niemals ersetzen.